"Der Anschlag" Die Welt ist in guten Händen!

Ein schneidiger Geheimagent rettet die Welt vor dem nuklearen Inferno: Der Terrorismus-Thriller "Der Anschlag" spielt zwar mit aktuellen Ängsten, lässt den Zuschauer aber trotzdem kalt. Kein Wunder, als Vorlage diente ein zehn Jahre alter Roman des ewig gestrigen Bestseller-Autors Tom Clancy.

Von Oliver Hüttmann




"Der Anschlag", Stars Freeman und Affleck: Die Welt ist in guten Händen
UIP

"Der Anschlag", Stars Freeman und Affleck: Die Welt ist in guten Händen

Die Bombe detoniert mitten im Film. In kaum zwei Sekunden wird das ausverkaufte Football-Stadion von Baltimore, wo der Sprengsatz in einem Zigarettenautomaten platziert wurde und gerade der Super Bowl begonnen hat, von einer gleißenden atomaren Explosion pulverisiert. Die Druckwelle fegt durch die Stadt und über das Land, reißt Menschen, Autos, Häuser mit sich. Dann ist es still, Asche rieselt vom Himmel, in den grauen Ruinen flackern Brände.

"Der Anschlag", die Adaption eines Romans des Thriller-Autors Tom Clancy, sprengt damit zunächst mal die übliche Erzählform des Kinos. Zwar steuern Action- oder Agentenfilme stets auf eine Katastrophe zu. Aber dabei geht es um den Nervenkitzel des Countdowns, ein Spiel mit den Ängsten der Zuschauer, das den Fokus auf einen Helden beim bekannten Wettlauf mit der Zeit richtet.

Die Welt, signalisiert der finale Rettungsplot, ist in guten Händen. Der CIA-Agent Jack Ryan (Ben Affleck) indes kommt zu spät ­ trotz Handy. Immerhin rettet sein Anruf noch dem US-Präsidenten das Leben. Als der dann die Air Force One besteigt, erweist sich die Explosion als Rochade ­ ein dramaturgischer Doppelzug, der ein weiteres Szenario eröffnet. Und diesmal nach den klassischen Regeln des Thrillers: Ryan muss einen nuklearen Vernichtungskrieg zwischen Amerikanern und Russen verhindern.

Morgan Freeman als Kalter Krieger: Fiktion, die von der Geschichte überholt wurde
AP

Morgan Freeman als Kalter Krieger: Fiktion, die von der Geschichte überholt wurde

"The Sum Of All Fears" heißt der Film von Phil Alden Robinson im Original, und der Titel mutet schon anachronistisch an. Denn die größte anzunehmende Furcht, es könnte trotz Abschreckungsdoktrin zu einem Atomkrieg kommen, ist seit dem Niedergang des Ostblocks und Russlands als Supermacht nie mehr geäußert oder verdrängt worden. So erscheint die einst reale Bedrohung nur noch wie pure, von der Geschichte überholte Fiktion.

Der vorweggenommene Höhepunkt, ein kaum zu glaubendes Attentat auf amerikanischem Boden, ist seit dem 11. September 2001 dagegen Wirklichkeit geworden. Und während unmittelbar danach nicht nur Hollywood glaubte, man müsse das Action-Genre neu definieren, und etliche Filme verschoben wurden, zeigen sich die Amerikaner erstaunlich resistent. Als sei es Trotz oder Sehnsucht nach Katharsis, wurde "Der Anschlag" vom Start weg zum Hit.

Der Film war schon Monate zuvor abgedreht, Clancys Buch stammt sogar aus dem Jahr 1991, und die islamischen Extremisten der Vorlage sind gegen faschistische Verschwörer ausgetauscht worden. Die Möglichkeit, dass eine Terrororganisation an waffenfähiges Plutonium kommen könne, ist im Kino aber schon allzu oft durchgespielt worden. Hier wird in den siebziger Jahren ein israelischer Kampfjet über der Wüste abgeschossen, der mit einer Atombombe bestückt war. Jahrzehnte später buddeln zwei Araber das Ding aus, um den Stahl auf dem Schwarzmarkt zu verhökern. Ein Zwischenhändler erkennt Brisanz und Wert der Ware und kontaktiert einen Geschäftsmann in Wien. Der gehört zu einer einflussreichen Nazi-Gruppe, die mit arbeitslosen russischen Experten und korrupten Alt-Kommunisten kooperiert.

Ben Affleck als Agent Jack Ryan: zu spät, trotz Handy
AP

Ben Affleck als Agent Jack Ryan: zu spät, trotz Handy

Ryan hockt zu diesem Zeitpunkt noch als unbeachteter Analyst mit Schwerpunkt Russland vor einem Computer in der CIA-Zentrale. Denn mit Affleck wird Clancys Charakter, der von Harrison Ford in "Die Stunde der Patrioten" und "Das Kartell" als gestandener Agent gespielt wurde, zum Anfänger. Als sich über Nacht die Machtverhältnisse im Kreml ändern, rückt er ebenso überraschend in den Beraterstab seines Chefs Bill Cabot (Morgan Freeman) auf. Denn Ryan hatte über den neuen Präsidenten Nemerov (Ciaran Hind) mal ein Dossier verfasst, das natürlich keiner gelesen hat. Das ist nur eine von mehreren Pannen, die den Geheimdienst nicht gerade als effiziente Behörde zeigen.

Dafür macht Ryan neben Cabot beim Antrittsbesuch in Moskau nicht nur diplomatisch eine gute Figur, sondern auch als kombinationssicherer Spion. Während der Besichtigung einer russischen Fabrik für Atomwaffen fallen ihm Unregelmäßigkeiten auf, die die US-Regierung zu der Vermutung verleiten, hinter dem Anschlag auf Baltimore würden die Russen stecken.

Dass Ryan im Folgenden in Ereignisse hineingezogen wird, die er "nur aus dem Fernsehen" kennt, sofort mit einem Profikiller (Liev Schreiber) auf eine nächtliche Operation an der Schwarzmeerküste geschickt wird, mehrmals um sein Leben bangen muss und am Ende zwischen den beiden Präsidenten mit dem Finger am roten Knopf vermitteln muss, ist trotz Plausibilitätslücken der Dynamik und Phantastik des Kinos geschuldet. Dennoch nimmt der Film nie genug Fahrt auf, bleiben Humor und Action lau, pendelt er allzu unentschlossen zwischen Unterhaltung und realistischem Anspruch ­ etwa wenn sich herausstellt, dass das Plutonium aus US-Quellen stammt wie tatsächlich auch im Fall der Anthrax-Attentate.

Zudem ist nach dem Anschlag die Spannung raus, kann nun wirklich keiner mehr vermuten, dass die Filmemacher sich noch einen Atomkrieg zutrauen. So wird die Chance verschenkt, nach der atomaren Verwüstung das Grauen zu zeigen und Beklemmung zu schüren. Baltimore ist ausgelöscht, Konsequenzen gibt es keine. Und Ryan sitzt am Schluss mit seiner Freundin beim Picknick auf dem Rasen gegenüber des Weißen Hauses und lauscht zufrieden den Versöhnungsreden. Die Welt ist in guten Händen. Jedenfalls in Hollywood.

"Der Anschlag" ("The Sum Of All Fears"), USA 2001. Regie: Phil Alden Robinson; Drehbuch: Paul Attanasio, Daniel Pyne; Darsteller: Ben Affleck, Morgan Freeman, Liev Schreiber, James Cromwell, Alan Bates, Philip Baker Hall; Produktion: Paramount Pictures, Mace Neufeld; Verleih: UIP; Länge: 118 Minuten; Start: 9. August 2002.



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