Psycho-Thriller "Der Boden unter den Füßen" Ausgetrickst

Was war zuerst da? Die Paranoia oder der Kapitalismus? Der österreichische Thriller "Der Boden unter den Füßen" führt tief in die Verstrickungen von Selbstausbeutung und Selbsttäuschung.

Novotny Film

Sie, jung, gutaussehend, lesbisch, stellt sich neben ihren männlichen Kollegen ans Pissoir. Er ist aber nicht irgendein Kollege, sondern ihr größter Konkurrent, buhlt mit ihr um die Gunst der Chefin, für den nächsten Karriereschritt. Offensichtlich hat er sie mit falschen Zahlen in der Bilanz hereingelegt, um selbst besser dazustehen. Sie stellt ihn zur Rede, doch er lässt sich von der Konfrontation vorm Klo nicht aus der Ruhe bringen.

Die Machtverhältnisse klären sich damit schnell: Er kann weiter pinkeln, sie hat mit Betreten seines Terrains alle Souveränität verloren. Da spielt es gar keine Rolle mehr, ob sie im Recht ist. Im Gegenteil, wer erfolgreich trickst, ist der bessere Unternehmensberater, so scheint es. In Marie Kreutzers "Der Boden unter den Füßen" geht die Szene am Pissoir allerdings noch weiter. Denn die Regisseurin und Drehbuchautorin sucht für ihren Film stets nach den Momenten, die das Machtgefüge ins Wanken bringen.

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"Der Boden unter den Füßen": Ich trau mir selbst nicht mehr

Die Welt der Unternehmensberater mit Erfolgsdruck, Ränkespielen und großen Fallhöhen ist wie geschaffen dafür. Sebastian (Marc Benjamin) will seine plötzliche Überlegenheit in der Toilette auskosten. Er dreht sich zu Lola (Valerie Pachner), den Hosenschlitz unten und verweist auf die angebliche Macht seines Penis. Eine Geste des alltäglichen Mackertums, die bei Kreutzer umgehend ins Gegenteil verkehrt wird. In Windeseile macht ihre Heldin mit dem Handy ein Foto seines Geschlechts. Er ist entblößt.

Die Macht der Bilderbeweise ist nicht erst in Zeiten von Social Media und Video-Schiedsrichtern allgegenwärtig. "Der Boden unter den Füßen" ist sich dessen sehr bewusst. Gerade dann, wenn er nicht zeigt, wovon gerade die Rede ist. Der Film der österreichischen Regisseurin Kreutzer, der im Februar im Wettbewerb der Berlinale seine Premiere hatte, ist auf seine Weise sehr zeitgenössisch. Primär erzählt er von der schleichenden Verunsicherung, wenn es keine Bilder gibt. Wenn wir glauben müssen, was die Protagonisten sagen und hören. Und natürlich gibt es viele Gründe, das nicht zu tun, nicht nur, weil wir es mit ausgefuchsten Karrieristen und Berufslügnern zu tun haben.

Von einem Erfolg zum nächsten?

Das Psychodrama beginnt mit festem Boden unter den Füßen: Zunächst rast Lola wie eine Lichtfigur weiblicher Durchsetzungskraft von einem Erfolg zum nächsten. Doch von Beginn an hat das auch einen Preis: Nicht nur die kurz auf dem Gang, auf der Toilette oder im Hotelzimmer erhaschten Momente von Zärtlichkeit mit ihrer Chefin und Liebhaberin verheimlicht sie vor ihren Kollegen. Vor allem darf keiner von ihrer älteren, psychisch gestörten Schwester wissen, deren paranoide Schizophrenie wie das logische Gegenstück zum Kosmos der Unternehmensberatung erscheint.


"Der Boden unter den Füßen"
Österreich 2019
Buch und Regie: Marie Kreutzer
Darsteller: Valerie Pachner, Pia Hierzegger, Mavie Hörbiger, Michelle Barthel, Marc Benjamin, Axel Sichrovsky
Produktion: Novotny & Novotny Filmproduktion GmbH
Verleih: Salzgeber
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 16. Mai 2019


Die Beziehung von Lola und Elise (Pia Hierzegger), die nach einem Selbstmordversuch gerade wieder in die Klinik eingewiesen wurde, ist geprägt von Schuldgefühlen, Vorwürfen und schlechtem Gewissen. Nach und nach ziehen sie alles in Zweifel und Lola weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Ist sie selbst krank? Was träumt sie, was lebt sie, was halluziniert sie?

Kreutzer inszeniert diese sukzessive Verunsicherung nicht als Kontrast zum tristen Bild europäischer Wirtschaftsroutine. Eher ist es so, dass beim atemlosen Rennen zwischen austauschbaren Bürokomplexen, Hotels und Flughäfen jede Paranoia ziemlich naheliegend wirkt.

Kreutzers Ansatz lässt sich am ehesten mit filmischer Nachahmung beschreiben: So grau und steril wie die Welt, die sie beschreibt, gestaltet sie auch das Erscheinungsbild der Filmerfahrung. Ausweglos, alltäglich und latent gefährlich ist die Stimmung, die sie herstellt. Das markiert allerdings auch ein im Kern affirmatives Verhältnis des Films zur Welt. Was andernorts als finanzkapitalistische Exzesse und paternalistische Missstände entlarvt würde, wirkt bei Kreutzer vor allem unvermeidlich.

Im Video: Der Trailer zu "Der Boden unter den Füßen"

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Denkt man das zusammen mit ihrem Fokus auf die fragile Psychologie der beiden weiblichen Hauptfiguren, ließe sich leicht auf das reaktionäre Klischee zurückgreifen: Wenn etwas aus dem Lot zu sein scheint, dann ja wohl aufgrund der weiblichen Wahrnehmung. Doch so ambitioniert, einen größeren Rahmen mitzudenken, ist "Der Boden unter den Füßen" wohl nicht.



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