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14. März 2019, 14:38 Uhr

Nahost-Liebesdrama

Vögel ohne Horizont

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Wenn Liebe ein politischer Affront ist: Der Film "Der Fall Sarah & Saleem" zeigt eine Affäre zwischen einer Israelin und einem Palästinenser, die zur Staatssache wird.

Schwungvoll steigt eine Gruppe Vögel in einer Einstellung aus "Der Fall Sarah & Saleem" in die Luft über Jerusalem. Sicher, schnell und voller Zuversicht ziehen sie ihre Bahnen. Doch die Gelöstheit der Bewegungen reibt sich an dem Geflecht aus wild aneinander gereihten Häusern, das den Bildhintergrund bis zum oberen Rand ausfüllt.

Es gibt in dem Bild keinen Himmel, der ihnen offensteht, und keinen Horizont, der andere Orte und damit ein anderes Leben verheißt. Das Gefühl der Freiheit kann hier nur von kurzer Dauer sein - irgendwann muss jede Flugbahn in den starren und unpersönlichen Strukturen dieser Stadt verenden.

Einem solch zerbrechlichen Anflug von Freiheit geben sich Sarah, eine verheiratete israelische Cafébesitzerin, und Saleem, ein ebenfalls verheirateter palästinensischer Backwarenlieferant, heimlich hin: Regelmäßig fahren die beiden nachts mit Saleems Lieferwagen auf eine verlassene Höhenstraße am Stadtrand, um dort im Laderaum des Fahrzeugs miteinander zu schlafen.

Doch die unverhoffte Leidenschaft verleitet die beiden zu einer verhängnisvollen Unvorsichtigkeit: Bei einem spontanen Ausflug in das in den Palästinensergebieten gelegene Bethlehem kommt es zu einem Zwischenfall, der die mächtigen Getriebe sowohl der israelischen als auch der palästinensischen Sicherheitsbehörden in Gang setzt. Die Affäre zwischen Sarah und Saleem wird schnell zu einem bürokratischen "Fall", der nicht nur die Liebhaber, sondern auch deren gesamtes Umfeld aufzureiben droht.

Seinen tragischen Sog entwickelt Muayad Alayans Film dabei aus der illusionslosen Darstellung einer Gesellschaft, in der sich das Misstrauen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen vollständig institutionalisiert hat. Die Feindschaft zwischen Israelis und Palästinensern ist in "Der Fall Sarah & Saleem" kein persönliches Gefühl mehr, sondern eine abstrakte Lebensgrundlage. Sie ist das Prinzip, das der gesamten staatlichen und quasi-staatlichen Ordnung ihre leidliche Stabilität verleiht.


"Der Fall Sarah & Saleem"
Palästina, Niederlande, Deutschland, Mexiko 2018
Originaltitel: "The Reports on Sarah and Saleem"
Regie: Muayad Alayan
Drehbuch:
Rami Musa Alayan
Darsteller: Maisa Abd Elhadi, Adeeb Safadi, Sivane Kretchner, Ishai Golan, Hanan Hillo, Amer Khalil
Produktion: Palcine Productions et al.

Verleih: missingFILMs
Länge: 127 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 14. März 2019


Aus diesem Grund ist die Beziehung zwischen Sarah und Saleem für die bürokratischen Strukturen auch so eine Bedrohung: nicht, weil in ihr eine kulturelle Grenze überschritten wird, sondern weil sie einen Raum reklamiert, in dem nur die Gesetze des Zwischenmenschlichen gelten. Weil sich in ihr ein Drama abspielt, das ganz aus der Interaktion zweier Individuen entsteht und auch nur auf dieser Ebene bewältigt werden kann.

Je mehr die Institutionen diesen Bereich des Zwischenmenschlichen in Beschlag nehmen, desto weniger haben auch die melodramatischen Ausbrüche, die es in Alayans Film dennoch gibt, irgendwelche Auswirkungen auf den tatsächlichen Fortgang der Geschichte. Nicht vertraute Gespräche, nicht Tränen oder wütende Beschimpfungen treiben dann die Ereignisse voran, sondern nur mehr mit professioneller Nüchternheit geführte Verhöre, diskrete Unterredungen in Bürogängen und ruhige Hände, die wortlos einige Schriftstücke aus einer Mappe hervorholen. Private Räume verschwinden zunehmend, und irgendwann besteht die Welt - jedenfalls die Welt, auf die es ankommt - nur mehr aus Amtsstuben.

Die klaustrophobische Enge dieser gedämpften Innenräume bricht Alayans Film immer wieder auf mit Ansichten des chaotischen Stadtpanoramas von Jerusalem. Der Blick über das ausufernde Häusermeer ist dabei in dieser hügeligen Stadt notgedrungen immer auch auf einen gegenüberliegenden Hang gerichtet, auf stumme Fenster und bedrohlich verwinkelte Gassen. Bereits durch seine Topographie scheint Jerusalem in "Der Fall Sarah & Saleem" seinen Bewohnern eine permanente Lauerstellung aufzuzwingen.

Die grundlegende Tragödie des Films, ob auf persönlicher oder politischer Ebene: Sie ist eine Tragödie der Blicke. Die Figuren wie die Bevölkerungsgruppen schauen einander beharrlich in die Augen, doch sie tun das nicht aus Neugier oder gar Mitleid, sondern nur aus der kalten Überzeugung heraus, dass einfach schon viel zu viel vorgefallen ist, als dass man dem anderen noch irgendwas verzeihen könnte.

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