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11. Oktober 2019, 18:56 Uhr

Film über Obdachlose

Ein Sozialdrama als französische Komödie - läuft!  

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Eigentlich haben sie wenig zu lachen. Oder? Der französische Film "Der Glanz der Unsichtbaren" erzählt vom Leben obdachloser Frauen - mit dokumentarischer Genauigkeit und Selbstironie. Unser Film der Woche.

Wenn ein Filmemacher ein sozialkritisches Sachbuch und die dazugehörige Doku als Basis für seinen Film wählt und gleich auch die realen Personen als Laiendarstellerinnen einsetzt, läuft er Gefahr, unerträglichem Sozialkitsch zu verfallen - oder tumb die Moralkeule zu schwingen.

Nicht so der Franzose Louis-Julien Petit. Der hat sich von einer Filmdokumentation über wohnungslose Frauen in Nordfrankreich inspirieren lassen und sie in einem leichten Ton und mit dokumentarischem Blick weitererzählt. Einige der Protagonistinnen aus der Doku hat er gleich für seinen Film mit eingespannt. Voller Wärme gelingt ihm damit eine ungewöhnliche Symbiose von Sozialdrama und Komödie.

Petit siedelt seine Geschichte in einer Tagesstätte für obdachlose Frauen an. Täglich bemühen sich dort vier Sozialarbeiterinnen - manche fest angestellt, manche ehrenamtlich - um ihre Schützlinge, sorgen für warme Mahlzeiten und Duschen, versuchen sie bei einer Rückkehr in einen geregelten Alltag zu begleiten. Doch nur vier Prozent der betreuten Frauen gelingt es, von der Straße wegzukommen, wie die Stadtverwaltung eines Tages warnend feststellt. Der Einrichtung droht das Aus.

Lebenshilfe für alle

Als dann noch ein illegales Zeltlager von der Stadt geräumt wird, müssen die Sozialarbeiterinnen handeln. Die wohnungslosen Frauen schlagen verbotenerweise nicht nur ihre Schlafstätten in dem Zentrum auf, Sozialarbeiterin Audrey (Audrey Lamy) kommt auch auf die Idee, die Frauen in ihren Fähigkeiten und Qualifikationen zu schulen. Jene, die sich aus Scham Tarnnamen wie Lady Di, Brigitte Macron oder Edith Piaf gegeben haben, erobern sich so ihre Identitäten zurück, die lange verborgen waren.

Da ist Chantal (Adolpha Van Meerhaeghe), die alles reparieren kann, egal ob Waschmaschinen, Mopeds, Bügeleisen. Gelernt hat sie das im Gefängnis, wo sie einsaß, nachdem sie ihren prügelnden Mann umbrachte. Unverblümt erzählt sie das bei jedem Vorstellungsgespräch für den noch so kleinsten Aushilfsjob. Oder Catherine (Marie-Christine Orry), die einst Psychoanalytikerin war, wegen Depressionen aber auf der Straße landete. Nun coacht sie die Frauen in Rollenspielen für Bewerbungsgespräche und in sozialkompatiblen Gepflogenheiten. Dabei schont sie auch die Sozialarbeiterinnen nicht.


"Der Glanz der Unsichtbaren"
Frankreich 2018

Regie: Louis-Julien Petit
Drehbuch: Louis-Julien Petit, Claire Lajeunie, Marion Doussot, basierend auf dem Sachbuch von Claire Lajeunie
Darsteller: Audrey Lamy, Corinne Masiero, Adolpha Van Meerhaeg, Noémie Lvovsky, Déborah Lukumuena
Produktion: Elemiah; Apollo Films, France 3 Cinéma, Filmalac Information, Pictanovo
Verleih: Piffl Medien
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 10. Oktober 2019


Denn ebenso wie die wohnungslosen Frauen agieren auch die, die sich um sie kümmern, meist von der Gesellschaft unbemerkt. Und haben zugleich noch mit ihren eigenen Problemen zu tun: So wie etwa Audrey, jung, idealistisch und mit einem Helfersyndrom, das ihr keine Zeit für privates Glück lässt - vielleicht auch, weil sie davor Angst hat. Oder Hélène (Noémie Lvovsky), eine Ehrenamtliche, die die Leere ihrer scheiternden Ehe mit ihrem Engagement füllt. Manu (Corinne Masiero) führt die Tagesstätte ermattet von den Mühlen der Behörden mit Pragmatismus und warmherziger Nachgiebigkeit. Ihre jugendlich-aufbrausende Adoptivtochter Angélique (Déborah Lukumuena) hat sie einst vor einem vergewaltigenden Freund gerettet.

Regisseur und Drehbuchautor Petit wählt keine einzelne Hauptfigur, nicht unter den wohnungslosen Frauen, nicht unter den Sozialarbeiterinnen. Mit gleicher Aufmerksamkeit und gleichem Respekt behandelt er all seine Figuren, fast mäandernd folgt er der einen oder anderen. Das mag ziellos erscheinen, doch findet Petit damit eine Erzählweise, die das Umherirren wie das Herumgeschubstwerden der Frauen schlicht genau nachbildet. Er lässt Leerstellen in den Biografien, gibt keine eindeutigen Antworten. Beiläufig fängt er die Geschichten ein, den Mut, das Selbstbewusstsein und die Selbstironie der Frauen. Und manchmal auch die Resignation.

Im Video: Der Trailer zu "Der Glanz der Unsichtbaren"

Petit, Jahrgang 1986, widmete sich schon in seinem Debüt "Discount" (2014) sozialkritisch den prekären Bedingungen in Supermärkten, nennt Ken Loach und Stephen Frears als Vorbilder. Doch während vor allem Loach mit dem moralischen Zeigefinger wedelt, setzt Petit den Schieflagen etwas Hoffnungsvolles entgegen.

In einer Szene schreiten viele der Frauen mit erhobenem Kopf über einen Laufsteg aus gammeligen Matratzen aus der Unterkunft. Spätestens dann wird "Der Glanz der Unsichtbaren" auch zu einem klugen feministischen Manifest - begleitet von Annie Lennox' "Sisters are doin' it for themselves".

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