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Kino Alle werden erleuchtet

Die Filme des Regisseurs Jan Schomburg sind schlau, anrührend und immer ein wenig sonderbar. In der Liebeskomödie "Der göttliche Andere" fragt er nach dem Sinn von Religion.
aus DER SPIEGEL 33/2020
Filmemacher Schomburg: "Eigentlich mache ich ja noch was anderes"

Filmemacher Schomburg: "Eigentlich mache ich ja noch was anderes"

Foto:

Florian Hoffmeister

Die Story, mit der es Jan Schomburg zum ersten Mal gelang, ein größeres Publikum zu begeistern, erzählt von einem jungen Mann, der sich als einziger Mensch vorwärts bewegt in einer Welt, in der alles um ihn herum im Rückwärtsgang abläuft. Einem offenbar von Rivalen ermordeten Gangster ploppt die Pistolenkugel aus dem Bauch, und er rappelt sich vom Straßenpflaster auf. Mülleimer spucken Getränkedosen in die Hände von Passanten. Radfahrer radeln am Bonner Rheinufer rückwärts. Der Held aber entdeckt unter allen in die Gegenrichtung wegflutschenden Menschen eine fröhliche Frau, die ihn magisch anzieht – und findet tanzend, in einem perfekt aus Vorwärts und Rückwärts ausbalancierten Wiegeschritt, mit ihr zusammen.

"Ich hatte mir damals richtig vorgenommen, einen Film zu machen, der bei Festivals Preise gewinnt und den ich trotzdem mag", sagt Schomburg über das 2003 entstandene Konzeptkurzfilmwerk "Nie solo seiN". Tatsächlich gewann der Zehnminutenfilm (der Titel ist ein Palindrom, er lässt sich vorwärts und rückwärts lesen) zahlreiche Auszeichnungen. "Mit meiner Arbeit zu bewirken, dass ein ganzer Kinosaal gemeinsam lacht", berichtet der Regisseur, "war für mich ein kathartisches Erlebnis."

Seither ist der Filmemacher Schomburg, 44, zu einer Art Spezialist geworden für Figuren, die in grellem Kontrast zur Welt, die sie umgibt, sprechen, handeln und ihrer Wege gehen. Die Heldin in seinem neuen Film "Der göttliche Andere" jedenfalls hat beschlossen, sich aus der Gegenwart des 21. Jahrhunderts als Nonne in ein katholisches Kloster zurückzuziehen. "Ich suche nach etwas Tieferem", behauptet sie. Andere Menschen könnten ja jeden Morgen vor dem Gang ins Büro ein bisschen meditieren, "mir genügt das nicht".

DER SPIEGEL 33/2020

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Bei allem Ekel vor einer den Oberflächenreizen von Sex und Kommerz verfallenen Gesellschaft ist die Filmheldin Maria, dargestellt von der Schauspielerin Matilda De Angelis, allerdings nicht ganz frei von Zweifeln an den 2000 Jahre alten Ideen des Christentums. In ketzerischem Ernst verkündet sie noch kurz vor ihrer Klostereintrittsfeier: "Vielleicht bleibt uns am Ende nichts."

Der Film "Der göttliche Andere", gedreht von einem deutschen Regisseur in englischer und italienischer Sprache, ist kein religiöses Erweckungsdrama, sondern eine Liebeskomödie. In Rom ist Papstwahl, der britische Fernsehreporter Gregory (Callum Turner) hat sich mit seinem Team in einer Wohnung mit Dachterrasse und Blick auf den Vatikan eingemietet. Die Neugier der Journalisten gilt insbesondere jenem kleinen Schornstein, aus dem nach alter Tradition jeweils schwarzer oder weißer Rauch quillt, wenn die Kardinäle eines ihrer Abstimmungsrituale absolviert haben.

Der Reporter Gregory höhnt über das phallische Kaminrohr und "die alten Männer in roten Mänteln, eingesperrt in einem Raum, zu dem Frauen keinen Zutritt haben". Auch gegenüber seiner Assistentin und seinem Kameramann gefällt er sich als eitler Zyniker. Dann aber trifft das TV-Großmaul auf die zum Klosterfraudasein entschlossene Maria, die Tochter der Dachgartenvermieterin – und plötzlich geschehen rätselhafte Dinge, die gläubige Menschen womöglich als Wunder bezeichnen würden.

Darstellerin De Angelis (r.) in "Der göttliche Andere": Sehnsucht nach Tiefe

Darstellerin De Angelis (r.) in "Der göttliche Andere": Sehnsucht nach Tiefe

Foto: Warner Bros.

Es zischt, kracht und knallt immer wieder gewaltig in "Der göttliche Andere"; ein bärtiger Gott zwinkert von Wandgemälden herab; selbst mit zwei angeblich vom Kreuz Jesu stammenden rostigen Nägeln wird hantiert. In manchen Momenten sieht dieser Film so aus, als sei er der Lust an blasphemischem Quatsch verfallen. Filmemacher Schomburg allerdings sagt: "Ich glaube, dass die romantische Komödie ein Genre ist, in dem man von Dingen erzählen kann, die der gesellschaftlichen Entwicklung ein bisschen voraus sind."

Schomburg, schwarzer Bart, Hornbrille und meist verstrubbelte Haare, ist ein kluger, poetischer Einzelgänger. Gerade durch die Ängste und Zwänge der aktuellen Corona-Pandemie seien die Menschen in der Realität "geradezu fixiert auf die Rettung des Körpers, der materiellen Existenz", sagt er, während er beim Interview in seiner Berliner Wohnung vor dem Computer sitzt. Muss einem die Beschäftigung mit metaphysischen Fragen da nicht zwangsläufig avantgardistisch erscheinen? Im Film lässt Schomburg einen seiner Helden einmal sinnieren, ob es nun besser oder schlechter sei, wenn die Menschen sich wegen einer religiösen Fantasie an die Gurgel gingen statt im banalen Kampf ums tägliche Brot. Vor einiger Zeit habe er das Buch "Eine kurze Geschichte der Menschheit" des Bestsellerautors Yuval Noah Harari gelesen, sagt Schomburg, "und ich habe erstaunt festgestellt, dass der dort ganz ähnliche Fragen stellt".

Foto: Warner Bros.

Die Liebeskomödie "Der göttliche Andere" ist ein Renommeeprojekt der Berliner Produktionsfirma X-Filme und des Warner-Konzerns. Tatsächlich markiert es ein halsbrecherisches Crossover aus Mainstreamunterhaltung, Zeitanalyse und Cineastenkunst. Und dafür ist Schomburg der richtige Mann.

Sein erster, 2010 gedrehter Spielfilm "Über uns das All" gilt vielen Kinobegeisterten als kühl-stilisiertes deutsches Arthouse-Meisterwerk. Die Schauspielerin Sandra Hüller spielt darin eine Frau, die vom Selbstmord ihres Partners überrascht wird und bald mit einem neuen Mann ihr bisheriges Leben fast identisch weiterzuleben versucht – mit surrealer Konsequenz blendet sie aus, was geschehen ist. 2014 schilderte Schomburg in der Komödie "Vergiss mein Ich" die Geschicke einer Heldin, die ihr Gedächtnis komplett verloren hat und sich, weil sie sich weder an ihre Liebesbeziehungen noch an ihre Ängste erinnert, in vielen ulkigen Anläufen in ihr altes Leben zurücktastet. Die Hauptrolle spielt Maria Schrader, Schomburgs langjährige Lebens- und Arbeitsgefährtin.

Für den von Schrader inszenierten, von Kritikern gelobten und mehrfach ausgezeichneten Film "Vor der Morgenröte" (2016), der in sorgfältig ausgemalten biografischen Szenen von den Exiljahren des Schriftstellers Stefan Zweig erzählt, schrieben Schomburg und Schrader gemeinsam das Drehbuch. Aber auch für die Sat.1-Comedy-Serie "Rabenmütter" verfasste Schomburg Sketche und führte Regie.

"Ich mag es, Dinge zum ersten Mal zu tun", sagt der Regisseur. "Ich genieße das Gefühl, nur ein Tourist zu sein in meiner jeweiligen Arbeit, so nach dem Motto: Eigentlich mache ich ja noch was anderes." Anders als die meisten deutschen Filmemacherinnen und Filmemacher, die sich früh in ihrem Berufsleben auf ein bestimmtes Fach festlegen, ist Schomburg bekannt geworden als ziemlich phänomenale Vielfachbegabung.

Im Kampf zwischen Vernunft und Irrationalität siegt die Aufklärung – und der Papst hilft mit.

Im Jahr 2017 hat er sein Romandebüt "Das Licht und die Geräusche" veröffentlicht. Die Icherzählerin des Buches, ein 17-jähriges Mädchen, berichtet in einem wunderbar lakonischen Ton von ihrer komplizierten Liebe zu einem Jungen namens Boris, der eigentlich mit einer anderen zusammen ist, und vom jugendlichen Taumel zwischen Liebesbedürftigkeit, Lebensüberdruss und Identitätsfindungsglück. Unter den vielen begeisterten Lesern des Buches war auch der Fernsehkritiker Denis Scheck, der einen hymnischen Werbespruch ablieferte. In den vergangenen Jahren habe ihn "kein Buch über junge Erwachsene so begeistert" wie dieses. Schomburg selbst urteilt: "Vielleicht habe ich es mir mit meinem ersten Buch ein bisschen zu leicht gemacht."

Derzeit schreibt Jan Schomburg an einem historischen Roman, der zwischen 1890 und 1940 spielt, zum Teil in München und zum Teil in Haiti. Erscheinen soll er im Herbst 2021.

Schomburg spricht mit klarer, ruhiger Stimme, in der immer eine Spur Ironie mitzuschwingen scheint. Über die Ausstrahlung einer leicht einschüchternden Schlauheit verfügte er offenbar schon, als er vor zwei Jahrzehnten zur Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule für Medien in Köln antrat. Jedenfalls habe ihn damals eine Professorin gefragt, ob er nicht glaube, dass ihm sein Intellekt beim Filmemachen mal im Weg stehen werde. Er habe kurz nachgedacht – und Ja gesagt, erzählt Schomburg. Woraufhin alle zu lachen beginnen.

Vermutlich ergibt sich der Charme seiner Filme und Bücher gerade daraus, dass er bis heute keineswegs insgeheim, sondern offen und unermüdlich gegen die echte oder eingebildete eigene Verkopftheit anarbeitet.

So erzählt der Film "Der göttliche Andere" zunächst von einer Versuchsanordnung, in der zwei vollkommen gegensätzliche Menschen aufeinanderprallen, vom Kampf zwischen Vernunft und Irrationalität. Noch in der kleinsten Nebenhandlung, die sich um einen gewitzten Straßenjungen dreht, wird hier ein raffiniertes Spiel betrieben, in dem die Aufklärung klar den Sieg davonträgt. Dabei hilft selbst der neu gewählte, offensichtlich aus Afrika stammende Papst in einem kurzen Auftritt. Zugleich hält sich der Film mit Begeisterung und Herzenswärme an die Regeln der Liebeskomödie, nach denen ein krummes Missverständnis auf das andere folgen muss – und er führt ein absolut unwahrscheinliches Liebespaar auf eine Weise zusammen, die allen Beteiligten ein heiteres Erleuchtungswunder beschert.

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