"Der Herr der Ringe" Coming out eines Zauberers

Ian McKellen, Zauberer Gandalf in der "Herr der Ringe"-Verfilmung, ist auf dem besten Wege, zum Kult-Darsteller zu werden. Für die Tolkien-Fans ist er ein Star zum Anfassen und für Englands schwule Gemeinde ein Hoffnungsträger.

Von Rüdiger Sturm


Zauberer zum Anfassen: Ian McKellen

Zauberer zum Anfassen: Ian McKellen

Sir Alec Guinness war "not amused". Da gestand ihm ein kalifornischer Junge doch glatt, er habe "Krieg der Sterne" hundert Mal gesehen. "Leuchtkugeln des Wahnsinns begannen sich in seinen Augen zu bilden", schauderte der "Obi-Wan"-Darsteller. Prompt wollte er dem Fan ein folgenschweres Versprechen abnehmen: nie wieder "Star Wars" zu sehen.

Bei Sir Ian McKellen wäre so etwas unvorstellbar. Dabei scheint die Karriere des englischen Theaterstars die des 25 Jahre älteren Guinness widerzuspiegeln: Beide feierten grandiose Erfolge auf den britischen Bühnen, absolvierten verschiedene Filmeinsätze und übernahmen fast im gleichen Alter - Guinness mit 62, McKellen mit 60 - die Rolle einer Magierfigur in einem großen Kinomärchen. Seit über einem Jahr steht McKellen in Neuseeland in der "Herr der Ringe"-Verfilmung als Zauberer Gandalf vor der Kamera. Doch im Gegensatz zu dem unlängst verstorbenen Guinness genießt er seinen Part in der Pop-Ikonologie. Berührungsängste bezüglich der Fans kennt er nicht. Auf seiner Website www.mckellen.com führt er ein kunterbuntes Tagebuch zu den "Ring"-Dreharbeiten. Egal, ob er über seine Erfahrungen mit Filmpferden plaudert oder die Vorzüge der Bühne gegenüber dem Film abwägt, immer formuliert er mit Sinn für Pointe und Selbstironie. Engelsgeduldig und mit distinguiertem Charme beantwortet er E-Mails der Fans, die ihn mit Fragen bombardieren.

So revolutioniert McKellen wie im Vorbeigehen die Kommunikation zwischen Star und Publikum. Der 61-jährige Wahl-Londoner spielt aber nicht nur souverän mit den Pfeilen und Schleudern des öffentlichen Interesses, er jongliert auch ganz unbefangen mit seinen Rollen. Status und Auszeichnungen in der internationalen Theaterszene verdankt er dem klassischen Repertoire von Hamlet bis zu hin zum Mozart-Gegenspieler Antonio Salieri, für dessen Bühnen-Verkörperung er 1981 den begehrten "Tony Award" erhielt. Doch im puren Entertainment ist er genauso gut aufgehoben: Durch das Pet-Shop-Boys-Video "Heart" geisterte er als Graf Dracula. In einer "Peter Pan"-Produktion des Royal National Theatre, seines Stammhauses, schwang als er Captain Hook den Säbel und ließ sich am Ende des Stücks von einem monströsen Fiberglas-Krokodil auffressen. So war es kein weiter Schritt zum Superschurken Magneto im diesjährigen Box-Office-Erfolg "X-Men".

McKellen als "Gandalf": Obi-Wan Kenobi der Tolkien-Welt

McKellen als "Gandalf": Obi-Wan Kenobi der Tolkien-Welt

Auch der Privatier kennt McKellen keine Scheuklappen: Als die Thatcher-Regierung 1988 daran ging, die "public promotion" von Homosexualität zu verbieten, outete er sich in einer Radiodiskussion auf BBC 4, um ein Exempel zu statuieren. Seither kämpft er als leidenschaftlicher Aktivist gegen die englischen Anti-Schwulen-Gesetze; dem früheren Premierminister John Major unterbreitete er seinen Standpunkt sogar einmal bei einem Tässchen Tee. Er ist außerdem ein Gründungsmitglied der Gleichstellungs-Organisation Stonewall, die er durch Benefizveranstaltungen, etwa seine autobiografische One-Man-Show "A Knight Out", unterstützt. Auch Sir Alec Guinness versuchte er einst für den guten Zweck zu gewinnen, aber der blieb eisenhart: Schwule sollten weder ihre Sexualität öffentlich machen, noch für eine Gesetzesreform auf die Straße gehen, ließ der seinen Kollegen abblitzen.

McKellens Besetzung als Gandalf sorgte für giftige Kommentare unter homophoben Fans. Doch das Gros der Tolkien-Anhänger hat ihn längst akzeptiert. Als ein mehrminütiger "Ring"-Trailer im Juli beim "Comic Con" in San Diego gezeigt wurde, war McKellen präsent und erntete stehende Ovationen der anwesenden Gemeinde. Dabei hatte es mit seiner Filmkarriere zunächst gar nicht gut ausgesehen. Trotz seiner Erfolge als Salieri am Broadway überging ihn Milos Forman bei der Besetzung seiner "Amadeus"-Verfilmung. Und wenn er doch für kleinere Rollen ausgewählt wurde, dann landete er in Flops wie "Last Action Hero". Erst nach seiner modernen Adaption von "Richard III" (1995), einem Herzensprojekt, bei dem er auch Co-Autor- und Produzent war, begann das Kinopublikum ihn überhaupt wahrzunehmen. Für den wenig gesehenen, aber viel gelobten Film "Gods and Monsters" erhielt er 1999 eine Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller.

Noch immer besitzt McKellen jedoch die Unbefangenheit und Distanz des Nicht-Etablierten. So ist ihm das Kino ein lustvolles Experimentierfeld, in dem er ein Genre nach dem anderen auskostet. Für Alec Guinness, der sich über Jahrzehnte hinweg mit Leinwand-Epen wie "Die Brücke am Kwai" und "Lawrence von Arabien" einen seriösen Status zementiert hatte, war "Krieg der Sterne" nur ein besserer Pensions-Plan. Deshalb wohl auch die peinlichen Gefühle angesichts des unverhofften Jedi-Ruhms. McKellen dagegen verknüpft mit dem "Herrn der Ringe" ganz andere Hoffnungen: "Dass die Kinogänger künftig versucht sind, mich auch auf der Bühne zu sehen."



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