"Der Herr der Ringe" Kampagne für einen Kult

Mitte Januar begann der groß angelegte Werbefeldzug für die "Herr der Ringe"-Filme. Die Tolkien-Leser reagieren zwiespältig.

Von Rüdiger Sturm


Das Sat.1-Frühstücksfernsehen plante den großen Coup: Am 18. Januar wollte man den "Teaser-Trailer" des ersten "Herr der Ringe"-Films noch vor den Kino-Theatern zeigen. Doch dann lief nur eine abgekürzte Version, begleitet von Moderatoren-Talk. Prompt brach der Proteststurm los: Die Fangemeinde bombardierte die Redaktion mit zornigen Mails. Elf Monate vor dem Filmstart läuft die Marketingmaschine für eine der spektakulärsten Kinoproduktionen der letzten Jahrzehnte an. Das sorgt bei dem eingesessenen Tolkien-Publikum für Begeisterung und Besorgnis zugleich.

Neue "Herr der Ringe"-Homepage: "schlecht zu navigieren"

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Seit dem vergangenen Donnerstag sind rund 2000 Kopien des Teaser-Trailers verfügbar. Der Kinowelt-Verleih, der den cineastischen Appetithappen in der ersten Woche noch an den hauseigenen Streifen "Lost Souls" koppeln wollte, entschied sich für einen sofortigen Masseneinsatz. Auch deshalb, weil die Kinobesitzer nach dem Trailer verlangten. "Das ist absolut außergewöhnlich", meint Kinowelt-Marketingchef Xavier Chotard. Fans, die den eine Minute und 47 Sekunden langen Film auf einer exklusiven Europapremiere sahen, bekamen feuchte Augen. In den nächsten Tagen wird die Zahl der Kopien nochmals um 500 aufgestockt, so dass die Tolkien-Bilder auf über 60 Prozent der deutschen Leinwände laufen können. Im Netz stehen sie ohnehin zum Download bereit. Bald wird auch das erste Teaser-Plakat zum Film veröffentlicht.

Bereits seit dem 12. Januar ist die neu gestaltete offizielle "Herr der Ringe"-Website online, die unter anderem ein Interview mit Regisseur Peter Jackson im Real-Video-Format zeigt. In den ersten Tagen nach dem Neustart verzeichnete lordoftherings.net bereits 41 Millionen Hits. Doch trotz dieser Rekordzahlen gibt sich das Zielpublikum wenig beeindruckt: "Zwar ist das Design sehr gut, aber die Site ist schlecht zu navigieren und bietet außer dem Jackson-Interview kaum Infos", kritisiert Markus Ohler, Vorstand des Mittelerde Berlin e.V.

Mitte Januar trafen sich mehr als einhundert Ring-Anhänger zu einem Tolkienfest, das über Europas führende Fan-Site Herr-der-Ringe-Film.de veranstaltet wurde. Hunderte von Anmeldungen mussten wegen der begrenzten Teilnehmerzahl abgewiesen werden. Mehrere solcher Treffen sollen im Lauf des Jahres folgen. Einige der Fan-Sites haben bereits eine gemeinsame Plattform gegründet, die ab Sommer geballte Informationen rund um Tolkien und seine Mythenwelt bieten wird. Insgesamt solen sich, so die Pläne, ein rundes Dutzend der bekanntesten deutschsprachigen Sites unter einem Cyberdach zusammenfinden.

Provisorisches Filmplakat "Herr der Ringe": "Wann wird der Film ein Desaster?"

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Alle vereint ein Ziel: Bei der ganzen Film-Hysterie darf das Buch nicht in den Hintergrund geraten. Schon sehen sich einige der angestammten Fans von den künftigen Anhängern der Kinoversion überrollt, die sich nicht für die literarische Vorlage interessieren. "Wir werden unsere kleine eingeschworene Fan-Welt mit der großen Öffentlichkeit teilen müssen", prophezeite ein Tolkienjünger in einem der Internet-Foren.

Wie sensibilisiert die Gemeinde ist, zeigt sich auch an den zurzeit kursierenden Gerüchten. Schon wird befürchtet, Kinowelt könnte nach Vorbild von "Star Trek" und "Star Wars" einen offiziellen Film-Fanclub mit Massenveranstaltungen organisieren. Eine Vermutung, die vom Verleih ins Reich der Phantasie verwiesen wird. Ungeachtet aller Unkenrufe, die Fans sehen auch die positiven Seiten des Ring-Rummels. Marcel Bülles, Vorsitzender der Deutschen Tolkien Gesellschaft, freut sich schon: "Wir haben die Chance, unseren Autor einer riesigen Zahl von Kinogängern zu vermitteln."

Ihre Ängste bekämpft die Szene derweil mit Galgenhumor. Seit Monaten werden satirische Schreckensszenarien aufgestellt nach dem Motto "Wann wird der Film ein Desaster?" Im Mittelpunkt der Antworten stehen unter anderem die schlimmsten Merchandising-Artikel oder die bizarrsten Veränderungen gegenüber der Vorlage. Etwa wenn der Herrscher des Bösen zum Helden Frodo sagen sollte: "Ich bin dein Vater." Die größte Horrorvision eines Website-Betreibers ist indes sehr realistisch: "Liv Tyler spricht."



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