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05. Dezember 2012, 15:33 Uhr

Harte "Hobbit"-Kritiken

Oje, der Kleine ist zu lang

Droht uns Mittelmaß aus Mittelerde? Die ersten Urteile zu Peter Jacksons "Hobbit" fallen hart aus - viel zu lang und viel zu technikverliebt, maulen US-Kritiker kurz vor dem Kinostart der Tolkien-Verfilmung. Martin Freeman kommt in seiner Rolle als kleiner Titelheld dagegen groß raus.

Hamburg - Peter Jackson ist eigentlich nur Lob und Preis gewohnt. Seine "Herr der Ringe"-Trilogie kam bei Publikum und Kritikern bestens an, die drei Filme des Neuseeländers wurden mit insgesamt 17 Oscars geehrt. Sein neuester Tolkien-Streich "Der Hobbit" dürfte es womöglich schwerer haben - zumindest legen das erste Kritiken nahe, die eine Woche vor dem weltweiten Kinostart jetzt in den USA veröffentlicht wurden.

Viele Journalisten bemängeln darin besonders die Länge des Blockbusters. Todd McCarthy vom Branchenblatt "Hollywood Reporter" monierte, der Film gebe mit seinen drei Stunden und neun Minuten "jedes Komma, jeden Punkt und jedes Semikolon der ersten sechs Kapitel des Buches" wieder; eine Treue zum literarischen Werk, die Tolkien-Verehrer erfreuen, den normalen Kinogänger jedoch schnell überfordern dürfte. Vor allem die Exposition, in der Jackson mit epischer Breite in die Tolkien-Fantasiewelt namens Mittelerde einführt, kam durchwachsen an. "Es ist, als ob der 'Zauberer von Oz' eine Stunde bräuchte, um überhaupt aus Kansas herauszukommen", schrieb McCarthy.

Unzufrieden zeigte sich das Fachpublikum auch mit der Technik. Jackson hatte den "Hobbit" nicht nur als 3-D-Film drehen lassen, sondern überdies mit einer erhöhten Frequenz von 48 Bildern pro Sekunde - um nervige Ruckel-Effekte zu vermeiden. Jetzt sei der Film so scharf ausgefallen, dass er eher an Fernseh- denn an Kinowerke erinnere, meckerte James Rocci vom "Boxoffice Magazine".

Nun wünscht sich ja jeder Kinozuschauer eigentlich ein möglichst brillantes Bild - aber manches will man eben doch nicht ganz so genau sehen. Warum? "Alles nimmt eine künstliche Qualität an, bei der die Falschheit der Kostüme und der Dekoration deutlich zu Tage tritt", meinte Peter Debruge von Variety. "Als ob man ein Luxus-Heimvideo anschauen würde."

Dennoch ist sich die Branche einig, dass der Film wohl ein kommerzieller Erfolg wird. Allein in den USA ist laut "Boxoffice Magazine" für das Startwochenende mit Einnahmen von 137 Millionen Dollar zu rechnen. Dazu dürften nicht nur die Special Effects von Jacksons Firma Weta Digital und Andy Serkis' Darstellung des Gollum beitragen, sondern vielleicht auch der Auftritt von Martin Freeman, der die Titelfigur des Tolkien-Werkes spielt. Der Brite, hierzulande vor allem als Dr. Watson aus der BBC-Serie "Sherlock" bekannt, wurde von den Kritikern als Top-Besetzung gepriesen.

"Der Hobbit" erzählt von den Abenteuern des jungen Bilbo Beutlin, von seinem Kampf gegen den Drachen Smaug um einen Zwergenschatz und von seinem Fund jenes Ringes, der Mittelerde ins ewige Dunkel stürzen könnte. Die Verfilmung von Tolkiens Kinderbuch ist als Dreiteiler angelegt - genau wie der weitaus voluminösere "Ringe"-Roman zuvor. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE hatte Peter Jackson diese Entscheidung damit verteidigt, Löcher im Drehbuch stopfen zu wollen und Nebenfiguren mehr Platz zu lassen. "Irgendwann war einfach klar: Das wird zu eng mit zwei Filmen."

Bereits am vergangenen Mittwoch hatte "Der Hobbit" in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington seine Weltpremiere gefeiert. Die Tweets der geladenen Gäste, darunter des "Avatar"-Regisseurs James Cameron und des "X-Men"-Machers Bryan Singer, waren deutlich positiver ausgefallen. Singer beschrieb den Film als "erstaunlich und packend", Cameron lobte mit Blick auf die 3-D-Technik: "Man braucht solche gewagten Schritte, wenn man etwas verändern will."

sbr/Reuters

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