Fotostrecke

Japan in Thüringen: Jenseits der Kloßkultur

Foto: Movienet

DDR-Film "Sushi in Suhl" Der Osten macht den Mund auf

Den Schnaps gab's aus Eierbechern, die Kimonos waren aus Küchenschürzen und vor dem Essen zogen sich alle aus: Der sympathisch ehrliche Film "Sushi in Suhl" erzählt die wahre Geschichte eines Mannes, der in der tristen DDR-Provinz für seinen großen Traum kämpfte - ein japanisches Restaurant.

Behutsam legt Rolf Anschütz die Plastikbox ab. Sein Vater liegt auf dem Bett, blasse Füße lugen unter der Decke hervor. Im Zimmer verschmelzen eisblaue Keramikfliesen, Stellwand und Waschbecken zu einer tristen Krankenhauslandschaft. Rolf Anschütz fuchtelt mit Essstäbchen über dem Vater herum. "Wir wollten doch noch Sushi zusammen essen", sagt er. Er will ihm die Fischröllchen zum Mund führen, doch dann beginnt die Hand zu zittern - bis die Bewegung erstirbt. Sein Vater ist tot.

Als der Vater starb, war Anschütz nicht bei ihm. Er stand in seinem Restaurant "Waffenschmied" und wünschte einer Delegation der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) auf Japanisch einen guten Abend, "Konbanwa". Die LPG-Gesandten zählen in diesem Moment mehr als der Vater, denn sie sind ja Gäste und damit der Motor, der Anschütz' Leben antreibt.

Der Regisseur Carsten Fiebeler zeichnet mit dem Spielfilm "Sushi in Suhl" den Traum eines Idealisten nach. Es ist die wahre Geschichte des Rolf Anschütz, der im südthüringischen Suhl ein japanisches Restaurant aufmachte: Allerdings Mitte der Sechziger, da war Suhl noch eine Bezirkshauptstadt der DDR, 40.000 Einwohner.

Die Leute mögen hier Bratwürste, sie essen Klöße, Rouladen und Würzfleisch. Bekannt ist Suhl für die Schwalben des Fahrzeugherstellers Simson und, über Jahrhunderte hinweg, für die Waffenproduktion. Aber Japan? Damals in den Siebzigern ein unerreichbares Land für einen einfachen DDR-Bürger. Unvorstellbar auch; all die vielen Menschen, die Hektik, die Schnelligkeit, blinkende Werbetafeln, die Neonlicht-Reklame. In Suhl gab es auch mal eine große Leuchtreklame: "Suhler Waffen haben Weltruf". Eines Tages fiel das W in Waffen aus und die Werbung verwandelte sich jahrelang Nacht für Nacht in einen Spott-Slogan.

Pflaumenwein und Nacktbad

Doch Anschütz ist glücklich in Suhl und zimmert sich im Thüringer Wald sein eigenes kleines Japan zusammen. Er lässt Küchenschürzen zu Kimonos umnähen, serviert Schnaps aus Eierbechern und würzt mit Worcester- statt Soja-Sauce. "Aus nichts was machen", so lautet seine Losung. Und damit ist Anschütz erfolgreich.

Regisseur Fiebeler, 1965 in Zwickau geboren, widmet sich mit einem Wechselspiel aus Komik und Tragik und einem liebevollen Sinn für Details dem Leben von Rolf Anschütz und dessen Weg vom Fehlen zum Haben. Fiebeler selbst begann erst im Alter von 29 Jahren sein Regiestudium, er hat womöglich eine Ahnung davon, wie das sein mag, mit den großen Träumen, von denen man einfach nicht lassen kann. Er zeigt Anschütz als einen Mann, der Ängste und Unsicherheiten einfach aus dem Weg wischt, so wie Brotkrümel vom Esstisch. Uwe Steimle, der in der Krimireihe "Polizeiruf 110" den Schweriner Hauptkommissar Jens Hinrichs spielte und 2005 den Grimme-Preis erhielt, versteht es, Anschütz als schüchternen, sensiblen und zugleich euphorisierten Menschen darzustellen; beinahe wie ein Kind, das staunend die Welt entdeckt.

Allein die Szenen mit Elke Malaschke (Deborah Kaufmann), Direktorin der Handelsorganisation (im DDR-Sprech zu HO abgekürzt), wirken zu gekünstelt, zu gewollt. Der HO-Kreisdirektor Hans Leutner (Thorsten Merten) sowie der HO-Bezirksdirektor Lothar Jäger (Michael Kind), die regionalen Vertreter der staatlichen Einzelhandelsorganisation, reden ihrer Chefin so sehr nach dem Mund und sind dem Staat so offensichtlich hörig, dass die Systemkritik zum Klischee gerinnt. Auch die Sprache passt nicht zum Setting - statt mit thüringischem Dialekt reden die Akteure mit sächsischem Einschlag.

Dennoch: "Sushi in Suhl" ist weitgehend ostalgiefrei und gerade das macht den Film sympathisch und ehrlicher als etwa "Good Bye, Lenin" oder "Sonnenallee". Obwohl natürlich auch Anschütz den Zuschauern ein gerütteltes Maß an wohlfühliger Rührseligkeit beschert, wenn er sich müht, das perfekte Japan-Erlebnis zu schaffen - inklusive Pflaumenwein und Fado-Bad, für das sich die Gäste vor dem Essen voreinander ausziehen und miteinander baden.

Das Naked-before-Lunch-Konzept kommt jedenfalls bestens an, es bringt Licht und Sinnlichkeit ins Graugrau der DDR-Provinz. Bald müssen die Menschen ein bis zwei Jahre warten, um einen Tisch im "Waffenschmied" zu bekommen, bis 1986 hält auch das fragile Arrangement mit dem System. Doch "Sushi in Suhl" zeigt auch, was es kosten kann, unbedingt seinen Traum verwirklichen zu wollen. Am Ende muss Anschütz nicht nur um seinen Vater trauern, er wird noch mehr Menschen verlieren, wenn auch nicht an den Tod.