Animationsmusical "Der König der Löwen" Ein optisches Update - aber sonst?

In einem schwierigen Balanceakt lässt Disney den König der Löwen wieder in der Serengeti singen: Das optisch faszinierende Musical um Simba hält sich strikt an den Zeichentrick-Klassiker. Doch das ist auch sein Problem.
Von Till Kadritzke
Animationsmusical "Der König der Löwen": Ein optisches Update - aber sonst?

Animationsmusical "Der König der Löwen": Ein optisches Update - aber sonst?

Foto: Disney

Der verheißungsvolle Ruf, der zu Beginn durch die Serengeti schallt, klingt vertraut, die Bilder, die ihm folgen, sind bekannt: die blutrote Sonne, der Gepard, der auf den Hügel steigt, aufhorchende Gazellen und allerlei Vögel, die sich in die Lüfte erheben. Die Anfangssequenz von Disneys neuer Version des "König der Löwen", in der sich die Tiere der Savanne aufmachen in Richtung Pride Rock, um den neuen Königssohn präsentiert zu bekommen, ist faszinierend und irritierend zugleich - weil sie fast Einstellung für Einstellung die Zeichentrickversion von 1994 nachbildet.

Faszinierend ist das, weil die mit neuester CGI-Technik lebensecht animierten Tiere tatsächlich aussehen wie in den allgegenwärtigen Naturdokus, die Liebe zum Detail, die die insgesamt über 600 Animationsdesigner in Setting und unzählige Tierarten gesteckt haben, ist schlicht beeindruckend. Wer vor 25 Jahren im Kino gemeinsam mit Königssohn Simba bitterlich um Vater Mufasa weinte, nachdem der von seinem bösen Bruder Scar in den Canyon gestoßen wurde, der wird erst mal gepackt sein: Hier wird ein Zeichentrick-Klassiker im wahrsten Sinne des Wortes zum Leben erweckt.

Irritierend ist diese neue Ästhetik aber auch, weil Regisseur Jon Favreau sich ansonsten strikt an die Vorlage hält. Die "echten" Tiere beginnen also zu sprechen und zu singen, die zentralen Dialoge sind weitestgehend unverändert geblieben. Das macht den neuen "König der Löwen" von Beginn an zu einem prekären Balanceakt, zwischen dem ernsten Naturalismus der Computeranimation und der lockeren Stimmung des Disney-Musicals, das ja gerade nicht auf Realismus hinauswill, sondern auf Exzess und Entertainment. Das ist die Herausforderung, der sich Disney-Updates stellen müssen: Wo nicht mehr gezeichnet wird, kann auch nicht mehr überzeichnet werden.

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Foto: Disney

Der neue "König der Löwen" versprach aber mehr als nur ein technisches Update. Vor allem die Verpflichtung zweier zentraler Figuren der gegenwärtigen US-Kulturlandschaft für die Hauptrollen ließ die Erwartungen im Vorfeld dramatisch ansteigen. So wird Simba im englischen Original von Donald Glover gesprochen, der als Childish Gambino mit seinem rassismuskritischen "This Is America"-Musikvideo im letzten Jahr für Aufsehen sorgte. Und niemand geringeres als Beyoncé verleiht ihre Stimme der Löwin Nala, die nach finsteren Jahren unter der Herrschaft Scars den Pride Rock verlässt und weit weg im Dschungel den längst für tot gehaltenen Simba aufspürt, ihn zur Rückkehr bewegt, auf dass er Scar verjagt und seinen rechtmäßigen Platz als König einnimmt.

Die Hyänisierung des Abendlands

Mit der Besetzung der Protagonisten durch Glover und Beyoncé war der "König der Löwen"-Cast nun nicht nur weniger weiß, man durfte zudem hoffen, dass die auch politisch stimmgewaltigen Künstler vielleicht sogar den Monarchiefetisch unterwandern oder den problematischen Unterbau der Lion-King-Welt infiltrieren. Denn die Harmonie der Savanne ist auf ein Außen angewiesen: Das Geweihte Land ist von einem von Hyänen bevölkerten Schattenland umgeben, das brave Löwenkinder besser nicht betreten, und nach Scars Machtergreifung schreitet in Abwesenheit eines guten und starken Führers die Hyänisierung des Abendlands unaufhaltsam voran.

Doch Favreau scheint wenig daran interessiert, seine Stars für mehr als ein stimmliches Update zu nutzen. Überhaupt wird die Treue, die die Neuauflage dem Original geschworen hat, zunehmend zum Problem. Wie ein neues Kinoerlebnis wirkt "König der Löwen" nur dann, wenn er sich nicht nur optisch aus dem Korsett der Vorlage befreit.

Etwa in jenem Abschnitt, in dem Simba mit seinen neuen Freunden Timon und Pumba dem Slacker-Dasein frönt und zum Bio-Veggie-Löwen wird, funktioniert der Film am besten, weil er sich endlich ein paar Freiheiten nimmt und den Humor auf den neuesten Stand bringt. Und wenn das beliebte Duo aus Erdmännchen und Warzenschwein nicht nur ihr "Hakuna Matata" zum Besten geben, sondern mit der "bedeutungslosen Linie der Indifferenz" eine nihilistische Alternative zum pathetischen Ewigen Kreis des Lebens entwerfen, dann kommt wenigstens kurz ein spielerischer, ironischerer Umgang mit dem Original zum Vorschein, der dem Film insgesamt gut zu Gesicht gestanden hätte.


"Der König der Löwen"
USA 2019

Regie: Jon Favreau
Drehbuch: Jeff Nathanson, Brenda Chapman
Produktion: Fairview Entertainment, Walt Disney Pictures
Verleih: Walt Disney
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 17. Juli 2019


Natürlich gibt es in der neuen Fassung auch ein paar Highlights: Der abschließende Kampf zwischen Simbas Allianz und Scars Hyänenarmee ist packend inszeniert und sieht vor allem deshalb toll aus, weil Tiere hier ganz Tiere sein dürfen. Der 1994 wenig bedrohliche Scar ist in der neuen Fassung ein finstererer Gesell, und Chiwetel Ejiofor verleiht ihm deutlich mehr Tiefe. Und auch die weiblichen Löwen bekommen mehr Autonomie und eigene Szenen spendiert.

Das große Problem mit dem Film scheint allerdings ein strukturelles zu sein. Hinter den Disney-Remakes der letzten Jahre steckt ein doppeltes Kalkül. Man will einerseits den technischen State of the Art demonstrieren, andererseits die Beliebtheit des eigenen Kanons anzapfen, also sowohl techno-voyeuristische wie nostalgische Bedürfnisse befriedigen. Finanziell geht diese Doppelstrategie auf, auch der "König der Löwen" erzielte bereits vor offiziellem Kinostart riesige Vorverkaufsgewinne. Künstlerisch tut sie es in diesem Fall kaum: Hier die technische Optimierung, gewissermaßen Lion King 2.0, dort der Plot mit den altbekannten Liedern und Dialogen.

Im Video: Der Trailer zu "Der König der Löwen"

Wenn Glover und Beyoncé dann das heiß ersehnte Duett "Can You Feel the Love Tonight" performen, sind die jeweiligen Affekte schon säuberlich voneinander getrennt. Da starren sich dann zwei "echte" Löwen an, während auf der Tonspur zwei Popstars einen Hit performen, während es eigentlich um die entscheidende Wendung in der Filmhandlung geht. So verheißungsvoll der Ruf zu Beginn des Films durch die Serengeti schallte, so dissonant klingt vieles von dem, was auf ihn folgt.