"Der Krieger und die Kaiserin" Marathon der Liebe

Was lange währt, wird endlich gut: In Tom Tykwers neuem Film müssen eine Krankenpflegerin und ein Ex-Soldat zueinander finden.

Von Oliver Hüttmann


Franka Potente in "Der Krieger und die Kaiserin": Starr und röchelnd
X-Filme

Franka Potente in "Der Krieger und die Kaiserin": Starr und röchelnd

Lange galt Tom Tykwer als talentierter Bursche, der seelenvolle, aber sperrige Filme dreht und dem man dafür aufmunternd auf die Schulter klopft. Sein autistisches, artifizielles Drama "Die tödliche Maria" und der klaustrophobische Reigen "Winterschläfer" waren höchstens Kritikererfolge. Aber dann kam "Lola rennt", ein kurzer, trockener Haken, in dem er all seine visuellen und erzählerischen Stilmittel verdichtete. Franka Potente hastete als Triathletin des Lebens durch Berlin, um in drei Versuchen ihren Freund zu retten. Ein Popfilm. Ein Publikumsfilm. Lola stürzte zwar beim Start in Frankreich, lief dafür aber phänomenal in Amerika. Und Tykwer war plötzlich der Darling der Kinomedien, der Heilsbringer des deutschen Films.

Auf den zweiten Blick entpuppte sich der mitreißende Film als Flickwerk aus Kunstgriffen ­ aber wer kann das sonst noch in diesem Lande? Nach "Lola rennt" wurde mehr experimentiert, wenn auch die Ergebnisse weiterhin recht schal ausfielen. Und was macht Tykwer? Dreht zwei Jahre an einem mehr als zwei Stunden langen Melodram. Nach dem furiosen Sprint also ein Marathon.

Potente und Fürmann: Luftröhrenschnitt als Liebesakt
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Potente und Fürmann: Luftröhrenschnitt als Liebesakt

"Der Krieger und die Kaiserin" ist ein typischer Tom-Tykwer-Film: Wie immer geht es um Menschen, die sich in der Liebe erlösen müssen. Sissi (Franka Potente) ist als Krankenpflegerin die Kaiserin einer Wuppertaler Psychiatrie ­ eines Reichs, das sie selten verlässt und in dem sie vor allem von den männlichen Patienten umschwärmt wird. Bodo, gespielt von Benno Fürmann, ist der Krieger, ein Ex-Soldat, der am ersten Tag seinen Job als Sargträger verliert, weil er beim Begräbnis heult.

Bodo flüchtet nach einem Diebstahl an einer Tankstelle vor zwei Männern und hechtet auf einen Tanklaster. Der abgelenkte Fahrer überfährt daraufhin Sissi, die mit dem blinden Otto den Zebrastreifen überquert. Bodo springt ab, hastet weiter, aber läuft im Kreis ­ szenische Metapher für das ganze Dasein der Charaktere. Am Unfallort versteckt er sich unter dem Lkw, wo starr und röchelnd Sissi liegt. Beherzt rettet er sie mit einem Luftröhrenschnitt vor dem Ersticken.

All das ist eine präzise erdachte und brillant gedrehte Schlüsselsequenz, der Pfeiler des Films, um den sich die Geschichte dreht. Der kleine Schnitt in die Kehle wird zum großen Einschnitt in beider Leben. Ein Liebesakt. "Heute war ich mal nützlich. Ich habe jemanden gerettet", sagt Bodo abends zu seinem Bruder Walter, gespielt von Joachim Król. Und Sissi will ihren unbekannten Lebensretter wiedersehen. "Ich habe Angst, dass alles nie mehr so sein wird wie vorher", sagt sie dennoch, und Otto antwortet: "Du hast Angst, dass alles wieder so sein wird wie vorher."

Mit einem Knopf seiner Militärjacke in der Hand spürt sie ihn schließlich auf. "Ich muss wissen, ob es etwas bedeutet, dass du an dem Tag unter dem Lastwagen warst. Oder ob es einfach ein Zufall war. Ich will wissen, ob ich mein Leben ändern muss und ob du der Grund dafür bist", sagt Sissi zum perplexen Bodo. Der erklärt sie für bescheuert.

Bewegend sind die Momente, in denen Sissi ebenso stur um Bodo ringt, wie er sie wortwörtlich zurückstößt und im Regen stehen lässt. Natürlich spielt der idealistische Romantiker Tykwer noch einmal Schicksal und lässt die beiden Auserwählten schließlich auch in der Bank, in der Walter arbeitet, aufeinander treffen. Dort versuchen die Brüder gerade eine Geldlieferung zu stehlen, und diesmal muss Sissi Bodo retten.

Als einsame, traumatisierte, lebensfremde, ja lebensmüde Menschenkinder geben Fürman mit Hundeblick und Potente durch somnambule Stimme und Gestik ihren Figuren viel Seele. Doch Tykwer lässt sie nicht los. Allzu selbstverliebt in seine Einfälle und das mäandernde Arrangement seines modernen Märchens, muss er pedantisch immer noch einen Konflikt lösen und die Geschichte unbedingt an jener portugiesischen Steilküste enden lassen, an der alles begann. Okay, der Kreis schließt sich. Aber wenn Sissi und Bodo dort endlich angekommen sind, wird Tom Tykwer sein Publikum wohl bereits verloren haben. Schade. Aber toll.

"Der Krieger und die Kaiserin". BRD 2000. Regie: Tom Tykwer; Drehbuch: Tom Tykwer; Darsteller: Franka Potente, Benno Fürmann, Joachim Król. Verleih: X-Filme; Länge: 130 Minuten; Start: 12. Oktober 2000.



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