Kino und Rechtsruck "Mehr tun, als nur wählen zu gehen"

In ihrem experimentellen Film "Der lange Sommer der Theorie" macht sich die Berliner Filmemacherin Irene von Alberti auf die Suche nach Strategien, wie Rechtspopulismus künstlerisch beizukommen ist.
Zur Person
Foto: imago/ Sven Simon

Irene von Alberti, Jahrgang 1963, arbeitete bereits während ihres Ingenieurstudiums als Kameraassistentin. 1987 eröffnete sie gemeinsam mit Frieder Schlaich die Filmgalerie 451 in Stuttgart, aus der später ein Kinoverleih und DVD-Label entstand. Gleichzeitig ist Alberti als Regisseurin und Produzentin tätig. Motive aus ihrem Film "Stadt als Beute" von 2005 führt sie nun in ihrem Film "Der lange Sommer der Theorie" (Kinostart 24.11.2017) fort.

Wie sieht linker politischer Aktivismus heute aus? Die Berliner Regisseurin Irene von Alberti hat mit "Der lange Sommer der Theorie" einen ungewöhnlichen Spielfilm gedreht, der drei jungen Künstlerinnen dabei folgt, wie sie Antworten auf diese Frage suchen. Konfrontiert mit Gentrifizierung und rechten Populisten, wollen die Frauen nicht länger in ihrer WG sitzen, sondern etwas verändern. Angesichts permanenter Selbstzweifel erweist sich das aber als kompliziert. Interviews mit Philosophen, Soziologen und Historikern sollen ihnen aus der Situation heraushelfen.

SPIEGEL ONLINE: Frau von Alberti, Ihre drei Hauptfiguren fragen sich wegen des drohenden Rauswurfs aus ihrer Künstler-WG sehr grundsätzlich: "Was tun?" Doch sie sagen auch: "Warum beschweren wir uns denn eigentlich?" Gibt es konkrete Situationen, auf die Sie sich mit den beiden Fragen beziehen?

Alberti: Ich hatte den Eindruck, dass gerade eine neue politische Zeit anbricht, weswegen man die eigene Nische, in der man es sich bequem gemacht hat, verlassen muss, wenn man nicht will, dass alles den Bach runtergeht. Mir war früher immer klar, wo ich politisch stehe: Ich war immer links und immer die Opposition. Das ändert sich gerade - und dadurch auch mein ganzes Selbstverständnis.

SPIEGEL ONLINE: Wieso ändert sich das?

Alberti: Ich dachte früher, es reicht schon aufzupassen, dass Kleinigkeiten im eigenen Leben nicht schiefgehen. Wenn jetzt aber das ganze Gefüge kracht und Menschen das System grundsätzlich verändern wollen, weil sie nicht mehr mit dem Rechtsstaat zufrieden sind, dann ist wirklich etwas in Gefahr. Ich glaube, da muss man mehr tun, als nur wählen zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Mit politischen Filmen beschäftigen Sie sich schon länger, nicht zuletzt bei ihrer Produktionsfirma Filmgalerie 451, mit der Sie Filme von Christoph Schlingensief, Werner Schroeter oder Omer Fast produziert haben. In "Der lange Sommer der Theorie" stellen Sie die Frage ganz explizit: Wie kann mit Kunst etwas politisch bewirkt werden? Ist der Film schon die Antwort darauf?

Alberti: Ich will Fragen stellen und ein Nachdenken auslösen. Der Film kann nur ein Anfang sein. Wir wollten ihn so konzipieren, dass man danach Lust hat, sich aktiv weiter zu informieren. Man kann damit beginnen, die Interviews, die wir für den Film gemacht haben, in voller Länge auf YouTube anzugucken, oder mehr zu lesen - im Abspann steht auch eine Bibliografie. Ein Wunsch wäre, dass etwas gegen die Zerfaserung der Linken passiert. Ich habe das Gefühl, rechte Gruppierungen haben ein sehr viel größeres Veränderungspotenzial, sicherlich auch auf der Grundlage einer sehr starken Unzufriedenheit.

Filmszene: "Ein politischer Film muss offen sein"

Filmszene: "Ein politischer Film muss offen sein"

Foto: Grandfilm

SPIEGEL ONLINE: Der Film beschäftigt sich weniger mit rechten Bewegungen wie den Identitären als mit der linken Berliner Bohème. Geht es Ihnen also eher um das bereits skizzierte "Wir" als darum, die gesamte Gesellschaft in den Blick zu nehmen?

Alberti: "Der lange Sommer der Theorie" versucht, ein paar Facetten zu beleuchten. Dazu gehört auch die rechte Bewegung. Ich habe den Film aber von Anfang an als Bestandsaufnahme verstanden. Vielleicht müsste man in einer Fortsetzung, die ich bereits plane, dort recherchieren und fragen, wie sich diese Bürgerbewegungen und Verschwörungstheoretiker organisieren und was sie vorhaben. Immerhin waren zwischenzeitlich Bundestagswahlen, und der Erfolg der AfD, den wir befürchtet haben, ist konkret geworden.

SPIEGEL ONLINE: Eine zentrale Frage Ihres Films ist, was politisches Kino überhaupt kann. Was kann es Ihrer Meinung nach denn?

Alberti: Als politisch in meinem Sinn begegnen mir gar nicht so viele Filme. Ich finde, ein politischer Film muss offen sein, er muss das Gehirn derjenigen, die ihn sehen, aktivieren können. Das haben die Filmemacher in den Siebzigern viel besser draufgehabt. Da gab es viel mehr Filme, die etwas ausgelöst haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Sie das inspiriert?

Alberti: Ich habe versucht, "Der lange Sommer der Theorie" als einen nichtautoritären Film zu machen. Das heißt, dass zwar meine Haltung zu spüren ist, aber ich nicht sage, wie was gemacht werden soll. Der Film soll überraschen, auch weil er lustig ist. Das ist für mich eher politisch im Sinne einer Wirkung.

SPIEGEL ONLINE: Die Interviews in Ihrem Film sind Fragmente, die sich sowohl ergänzen als auch widersprechen. Ein Gesprächspartner verteidigt die Identifikation mit einem Filmhelden, weil man aktiver werde, wenn man das wirkliche Leben wie einen Film denke; der andere dagegen argumentiert für den Bruch der Illusion, damit man aus einer Geschichte rausgeworfen werde. Sehen Sie das auch so?

Alberti: Die zweite Alternative funktioniert besser für mein Ziel, weil es ums aktive Mitdenken geht. Wenn man einen Helden sieht, der Revolutionär ist, dann mag man sich herausgefordert fühlen, es ihm gleichzutun, aber das ist noch nicht politisch. Solche Filme gibt es zuhauf, wenn man etwa an die Verklärungen der RAF denkt, diese schönen Menschen mit den coolen Klamotten und Bewegungen. Aber das erschöpft sich in dieser Romantik.

Im Video: Der Trailer zu "Der lange Sommer der Theorie"

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