"Der Leuchtturm" mit Willem Dafoe und Robert Pattinson Sie sind die Welle

Sehr beeindruckend, sehr unappetitlich: Im archaischen Horrorfilm "Der Leuchtturm" liefern sich Willem Dafoe und Robert Pattinson einen Machtkampf, bevor sie gemeinsam in Wahnsinn, Meerwasser und Exkrementen versinken.

Universal Pictures

Dichter Nebel hängt am Anfang von Robert Eggers' "Der Leuchtturm" über der dunklen Fläche des Meeres. Wasser und Luft scheinen unterschiedslos ineinander überzugehen, als hätte sich die Welt noch nicht voll ausgeformt. Zwei dunkle Figuren stehen reglos am Bug eines Schiffes und schweben durch die um sie herum schwappende Ursuppe.

Plötzlich durchbricht ein scharfes Licht die Dunstschwaden, und die Umrisse eines noch weit entfernten Leuchtturms werden sichtbar. Dieses kurze Aufblitzen reicht aus, um die ganze Umgebung zu verwandeln: Land und Meer werden voneinander getrennt, das Schiff bekommt ein Ziel, und der mächtige Seegang wird berechenbar, fast harmlos.

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"Der Leuchtturm": Oben und Unten

Gleich in den ersten Minuten stattet "Der Leuchtturm" sein titelgebendes Bauwerk so mit einer kosmischen Wirkungsmacht aus. Wie schon in Eggers' Debütwerk, dem Horrorfilm "The Witch" (2015), markiert diese Schauerromantik auch einen neuralgischen Punkt der amerikanischen Geschichte: Dort war es der Puritanismus der ersten europäischen Siedler, der in der Hexerei seinen dunklen Spiegel fand. Hier ist es nun der Rationalismus von Fischerei- und Handelsindustrie, der in Isolation und Wahnsinn mündet.

Die symbolisch aufgeladenen Spannungen der ersten Szenen entladen sich alsbald in den Zusammenstößen zweier Männer, die wie Kreaturen aus unterschiedlichen Phasen der Schöpfung erscheinen: Der alte Leuchtturmwärter Thomas Wake (Willem Dafoe) ist mit seinem zerfurchten Äußeren und seiner krächzenden Stimme ein Wesen der Oberfläche, gegerbt durch Wind und Gischt. Sein neuer Assistent Ephraim Winslow (Robert Pattinson) wirkt mit seinen glubschigen Augen und seinem schwitzenden, wie von einer Schleimschicht überzogenen Antlitz hingegen, als sei er direkt aus der Tiefsee emporgestiegen.

Diese Unterscheidung von Oben und Unten bestimmt auch das Verhältnis der beiden. Auf dem Leuchtturm herrscht eine strenge Hierarchie: Wärter Wake ist für das Licht zuständig, nur ihm ist der Zutritt in das Allerheiligste, in die Leuchtkammer gestattet. Gehilfe Winslow hingegen muss sich um die körperlichen Arbeiten kümmern, die den Betrieb am Laufen halten: die Befeuerung des Ofens, das Heranschleppen des Leuchtöls, die Reparatur von Dächern und Wänden.

Von dem Sinn seiner Anstrengungen bleibt Winslow ausgeschlossen. Nie bekommt er das grelle Licht direkt zu sehen, das den Schiffen und ihren wertvollen Ladungen Orientierung gibt. Für ihn gibt es nur Dreck, glitschige Felsen und eine vollgeschissene Latrine.


"Der Leuchtturm"
Originaltitel: "The Lighthouse"
USA, Kanada 2019

Regie: Robert Eggers
Buch: Max Eggers, Robert Eggers
Darsteller: Willem Dafoe, Robert Pattinson, Valeriia Karaman
Verleih: Universal Pictures Germany
Länge: 109 Minuten
FSK: Ab 16 Jahren
Kinostart: 28. November 2019


Es sind die stärksten Momente von Eggers' Film - wenn er sich für den symbolischen Gehalt seines Settings gar nicht groß interessiert, sondern nur dessen hässlichen Unterbau offenlegt. Über die erste Hälfte des Films entsteht dadurch ein eindringliches Gefüge aus traumartig überhöhten Sinneseindrücken: Wie ein urzeitlicher Donner dröhnt das Nebelhorn, wie flüssiges Metall schimmert das Meer bei Mondschein, wie von einer dunklen Macht geleitet umschwirren die Möwen Winslows Haupt.

Auch die Dialoge entwickeln ihre Dramatik vor allem durch ihren Klang. Die Figuren sprechen eine barock verschnörkelte Seemannssprache, die Eggers zeitgenössischen Tagebüchern von Leuchtturmwärtern sowie den Werken Herman Melvilles entnommen hat. Der archäologische Gestus wird durch das körnige Schwarz-Weiß und das quadratische Bildformat noch gesteigert, die den Film wie ein Relikt aus einer schroffen Vorzeit wirken lassen - ein Relikt, das nicht bedeutsam, sondern vor allem fremdartig ist.

Als das Versorgungsschiff, das die Ablöse für Wake und Winslow bringen soll, nicht erscheint, lösen sich alle klaren Strukturen, löst sich die Zeit und auch die Persönlichkeit der beiden Figuren zunehmend auf. Von diesem Punkt an wird der Film jedoch von einer eigentümlichen Unkonzentriertheit erfasst. Zwar reiht Eggers immer noch kraftvolle Bilder aneinander, doch in ihrer Überflut werden die vielfältigen maritimen Motive nie weiterentwickelt oder abgewandelt. Sie markieren eine Mehrdeutigkeit, die sie nicht tatsächlich entstehen lassen.

Im Video: Der Trailer zum Film "Der Leuchtturm"

Universal Pictures

So bleibt "Der Leuchtturm" am Ende ein Erlebnis von großer, aber formloser Intensität. Der Film ist wie eine mächtige Welle: Seine Wucht ist sein ganzes Wesen, und man kann nichts anderes tun, als sich von ihm mitschleifen zu lassen.



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freid 28.11.2019
1. Schon die Überschrift ist ein Spoiler,
vielen Dank dafür!
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