"Der Name der Rose" als Serie Trailer zum Buch, siebenstündig

Die Verfilmung mit Sean Connery wurde einst ein Welterfolg - jetzt gibt es eine Serien-Adaption von Umberto Ecos "Der Name der Rose". Doch auch in dieser Version geht die philosophische Vielschichtigkeit der Vorlage flöten.

11 Marzo Film/ Palomar/ TMG/ Sky

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Vielleicht sollte man, wenn's denn unbedingt sein muss, Umberto Ecos "Der Name der Rose" beizeiten für ein Computerspiel adaptieren - mit einer VR-Brille auf der Nase in Sandalen durch den Schnee stapfen, sich in alten Gemäuern verlieren und mit dem Abt des Klosters darüber diskutieren, was uns der Abdruck von Hufen über das Wesen des Universums verrät.

Denn der zweite Versuch, den unwahrscheinlichen Besteller des italienischen Semiotikers in eine TV-Serie zu verwandeln, scheitert an den gleichen Problemen wie die Verfilmung fürs Kino 1986.

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Der Name der Rose: Werktreue als Fallstrick

Jean-Jacques Annaud setzte damals ganz auf Schauwerte. Die düstere Abtei. Ahnungsvolle Gesichter im Kerzenschein. Sean Connery. Wer mordet? Was verbirgt sich in der Bibliothek?

Der Kinofilm reduzierte die Handlung um William von Baskerville, diesen frommen Sherlock Holmes des 14. Jahrhunderts, ganz auf die Detektivgeschichte, die sie im Kern auch ist. Die Kritik daran, auch von Eco selbst, war so einleuchtend wie wohlfeil: An die mäandernde Komplexität der literarischen Vorlage reicht die Verfilmung nicht heran.

John Turturros persönliches Anliegen

Eine TV-Variante hat den Vorteil, sich nicht auf 126 Minuten beschränken zu müssen. Die deutsch-italienische Koproduktion nimmt sich dagegen knapp sieben Stunden, um das gebildete Rate- und Ränkespiel vor historischer Kulisse aufs Luxuriöseste zu entfalten. Mehr Zeit also, den theologischen Diskussionen und philosophischen Exkursen des Buches zu folgen.

Das Herz dieses ambitionierten Unternehmens ist John Turturro. Dem US-Schauspieler ("Die Farbe des Geldes", "Barton Fink", "Transformers") war das Projekt ein persönliches Anliegen. Er zeichnet als einer von vier Drehbuchautoren verantwortlich, und er gibt einen - im Vergleich zu Sean Connery - besseren, weil präziseren William von Baskerville.

Turturro ist auch der größte Schauwert der Serie. Inzwischen hat das Publikum den Anspruch, im künstlich erzeugten Mittelalter regelrecht spazieren gehen zu können, um sich alles in Ruhe anzuschauen. In "Der Name der Rose" begegnet uns hingegen noch einmal der alte Trick, "das alte Florenz" oder "die unheimliche Abtei" nur so kurz zu zeigen, dass die Schwächen der CGI nicht allzu sehr ins Gewicht fallen.

Aktuelle Bezüge dürfen mitgelesen werden

Bei einem geschätzten Budget von nur rund 25 Millionen Euro wirken eben auch große Schlachten eher wie Scharmützel im Wald. Für die Sehgewohnheiten des Netflix-Publikums ist das zu wenig. Hier ist die klassische Fernsehproduktion - auch wenn sie sich, wie hier, international aufspreizt und in mehr als 130 Länder verkauft wurde - rein visuell hoffnungslos im Hintertreffen.

Umso liebevoller ist der theologische und historische Kontext in Szene gesetzt. Spürbar werden die brüderlichen Spannungen zwischen Franziskanern und Benediktinern, der absolutistische Anspruch des Heiligen Stuhls (Rupert Everett als Inquisitor), der Konflikt kirchlicher mit weltlicher Macht, das Schroffe und Dekadente - und die Suche nach der Wahrheit. Aktuelle Bezüge dürfen mitgelesen werden, wenn etwa William von Baskerville darüber referiert, in dieser Welt leiteten "Blinde andere Blinde an den Rand des Abgrunds".

In der Verfilmung von 1986 ist die Rose nur ein sogenannter MacGuffin - ein beliebiges Objekt zur Erzeugung von Spannung, auch erotischer, aber ohne Einfluss auf die eigentliche Handlung. 2019 hat sich nur die Anzahl der Frauen erhöht, nicht aber ihr Stellenwert (als Opfer). Auch hier bleibt "Der Name der Rose" sowohl dem Roman als auch den historischen Realitäten treu ergeben.

Werktreue wird zum Fallstrick

Bei ihrem kurzweiligen Abwandern der verschlungenen Pfade des Plots also kann man der Serie durchaus folgen - und sei es auch nur als Abklingbecken für den "Game of Thrones"-Entzug. Selbst die paritätische Unsitte, dass internationale Produktionen auch international besetzt sein müssen (Sebastian Koch fürs deutsche Publikum), gereicht der Serie ausnahmsweise nicht zum Nachteil. Es hockten halt damals und dort auch wirklich Bayern, Briten, Lombarden und Okzitanier beisammen.

Wenn "Der Name der Rose" ein fundamentales Problem hat, dann ist das paradoxerweise gerade seine Länge. Das serielle Ausmären entbindet nur scheinbar von der filmischen Pflicht zum Weglassen und Konzentrieren. Je mehr die Serie sich der Dichte und Komplexität ihrer Vorlage annähert, umso konventioneller - und damit obsoleter - wird sie. Werktreue wird hier zum Fallstrick.

Im Video: Der Trailer zu "Der Name der Rose"

11 Marzo Film/ Palomar/ TMG/ Sky

Sieben Stunden vor dem Bildschirm mögen bequemer sein als sieben Stunden mit dem Roman. Dennoch ist auch diese Variante von "Der Name der Rose" im Grunde nicht mehr als ein weiterer Trailer für ein Buch, das seinerseits auf eine ganze Bibliothek verweist, von Arthur Conan Doyle bis Aristoteles.


"Der Name der Rose" läuft ab dem 24. Mai immer freitags auf Sky 1, beim Streamingdienst Sky Ticket sind gleich alle acht Folgen zu sehen.



insgesamt 11 Beiträge
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three-horses 24.05.2019
1. Bücher die Tabu sind.
"weiterer Trailer für ein Buch, das seinerseits auf eine ganze Bibliothek verweist, von Arthur Conan Doyle bis Aristoteles"...da haben Sie aber den Donatien Alphonse François, Marquis de Sade vergessen, der die Perversitäten der Kirche, lange vorher beschrieben hatte. Und eher die Lektüre von Umberto Ecco war als Conan Doyle bis Aristoteles.
Little_Nemo 24.05.2019
2. Tödliche Lektüre
John "Jesus" Turturro als William von Baskerville? Ich bin angefixt. Obwohl ich die Idee einer Umsetzung als Serie, ob des Umfangs und der Tiefe der Vorlage, gut finde, erwarte ich allerdings nicht allzu viel werktreue. Zum einen, weil das aufgrund der Unterschiedlichkeit der Medien Buch und Film kaum möglich wäre, zum anderen, weil ich auch gar nichts davon hätte, denn das Buch habe ich ja schon gelesen, und warum sollte ich mir die Geschichte nochmal haargenau gleich erzählen lassen? Ich fand auch Annauds Verfilmung auf ihre Art schon sehr gelungen, wenngleich sie natürlich viele Aspekte des Buches nicht verwirklichen konnte und sich leider auch ein paar hollywoodeske Platitüden nicht verkniffen hat. Immerhin hat sie aber eine Scharte ausgewetzt, die Eco in seinem Meisterwerk glatt vergessen hatte: Im Film erhält die Tatsache, dass sich das Labyrinth der Bibliothek in einem Turm befindet, einen Sinn. Eco hatte es nur auf einem Stockwerk angelegt und die anderen Stockwerke des Turms ganz vergessen. Als "fromm" würde ich William übrigens nicht unbedingt bezeichnen. Vielleicht sogar eher im Gegenteil. Er scheint mir doch jemand zu sein, der die relative Sicherheit und die Privilegien des Mönchsdaseins in seiner Zeit nutzt um sich ganz der Aufklärung widmen zu können. Denn Bildung war seinerzeit ja weitestgehend dem Klerus vorbehalten, der sein Privileg eifersüchtig hütete. William ist also tief in seinem Inneren eigentlich sogar ein Ketzer. Jedenfalls aus Sicht seiner frommen Zeitgenossen. Und seiner Zeit weit voraus.
moerre 24.05.2019
3. Als ich das Buch las,...
... viele Jahre nach dem Film erst, war ich erstaunt, wie wenig die Kriminalhandlung doch tatsächlich mit dem Großteil des Buches zu tun hat. Klar, um diese Rahmenhandlung herum wird alles erzählt, aber man merkt schnell, dass diese Handlung nur dazu dient, Geschichte erzählen zu können. Nein, philosophisch würde ich das nicht nennen! Eco hat nicht herumspekuliert, es war ein Geschichtsbuch! Es gab sehr interessante Parallelen zur heutigen Zeit. Es ging um ausgegrenzte Menschen, insb. die mörderische Bewegung, der zwei der Mönche mal angehörten, die von einem irren Mörder angeführt wurde. Die aber, so merkt man in der Erzählung, nur dadurch so viel Zulauf finden konnte, und dadurch dem irren Führer folgend wahnsinnige Greueltaten durchführte, weil viele Menschen unzufrieden, ausgegrenzt und extrem arm und sonst ohne Hoffnung waren. Es geht viel um verschiedene Meinungen (wie heute - wie immer!) und wie Menschen damit umgehen. Das war damals (wie heute?) Ausgrenzen und ignorieren besonders armer Menschen, die keinen Einfluss haben, und wenn sich da eine größere Bewegung gründet, durch die Ausgrenzung oft unter wirklich schrecklicher Führung, werden sie halt mit extremere Gewalt bekämpft (die Bewegung selber ist dann auch extrem gewalttätig., so dass das legitim erscheint, wenn man die Entwicklung bis dahin ignoriert). Eco hat dabei keinerlei Partei ergriffen, er beschrieb einfach nur europäische und Kirchengeschichte - letzteres ja untrennbar mit ersterem verbunden. Ich fand es sehr lehrreich, der "Krimi" Teil war im Buch tatsächlich nebensächlich. Wer sich halt nur dafür interessierte statt für größere - und halt eher unpersönliche - Blicke auf größere Einheiten als einzelne Menschen, der konnte sich natürlich ganz auf diese Rahmenhandliung konzentrieren. Im Film war es mehr als nur umgekehrt, dort merkte man vom tiefen Fokus des Buchs überhaupt nichts. Es wurde am Rande kurz erwähnt, aber es bedeute nichts. Klar, ein Standard 90 Minuten Film hat schon genug damit zu tun, auch nur eine Geschichte zu erzählen.
Little_Nemo 24.05.2019
4. Papier ist geduldig, Zelluloid nicht
Zitat von moerre... viele Jahre nach dem Film erst, war ich erstaunt, wie wenig die Kriminalhandlung doch tatsächlich mit dem Großteil des Buches zu tun hat. Klar, um diese Rahmenhandlung herum wird alles erzählt, aber man merkt schnell, dass diese Handlung nur dazu dient, Geschichte erzählen zu können. Nein, philosophisch würde ich das nicht nennen! Eco hat nicht herumspekuliert, es war ein Geschichtsbuch! Es gab sehr interessante Parallelen zur heutigen Zeit. Es ging um ausgegrenzte Menschen, insb. die mörderische Bewegung, der zwei der Mönche mal angehörten, die von einem irren Mörder angeführt wurde. Die aber, so merkt man in der Erzählung, nur dadurch so viel Zulauf finden konnte, und dadurch dem irren Führer folgend wahnsinnige Greueltaten durchführte, weil viele Menschen unzufrieden, ausgegrenzt und extrem arm und sonst ohne Hoffnung waren. Es geht viel um verschiedene Meinungen (wie heute - wie immer!) und wie Menschen damit umgehen. Das war damals (wie heute?) Ausgrenzen und ignorieren besonders armer Menschen, die keinen Einfluss haben, und wenn sich da eine größere Bewegung gründet, durch die Ausgrenzung oft unter wirklich schrecklicher Führung, werden sie halt mit extremere Gewalt bekämpft (die Bewegung selber ist dann auch extrem gewalttätig., so dass das legitim erscheint, wenn man die Entwicklung bis dahin ignoriert). Eco hat dabei keinerlei Partei ergriffen, er beschrieb einfach nur europäische und Kirchengeschichte - letzteres ja untrennbar mit ersterem verbunden. Ich fand es sehr lehrreich, der "Krimi" Teil war im Buch tatsächlich nebensächlich. Wer sich halt nur dafür interessierte statt für größere - und halt eher unpersönliche - Blicke auf größere Einheiten als einzelne Menschen, der konnte sich natürlich ganz auf diese Rahmenhandliung konzentrieren. Im Film war es mehr als nur umgekehrt, dort merkte man vom tiefen Fokus des Buchs überhaupt nichts. Es wurde am Rande kurz erwähnt, aber es bedeute nichts. Klar, ein Standard 90 Minuten Film hat schon genug damit zu tun, auch nur eine Geschichte zu erzählen.
Doch, natürlich, es geht um Geistesgeschichte. Eco zeigt die verschiedenen philosophischen und theologischen (das war damals nicht so klar zu trennen wie heute) Strömungen der Zeit. Vor allem geht es ihm um die aufkeimende Aufklärung, verdichtet in William von Baskerville, der sich auf die Urväter der Aufklärung in der Antike (Aristoteles) und dem Mittelalter (William von Ockham, Roger Bacon, Thomas von Aquin...) bezieht. Aber auch die teils bizarren religiösen Verirrungen, Dogmen und Trugschlüsse und ihre Auswirkungen, (Unterdrückung, Missbrauch, feudale Anmaßung des Klerus, Folter, Ketzerjagd...). Dabei ist durchaus eine Parteinahme spürbar. Eco war ein bekennender Linker, ein großer Kritiker der Kirche und ein glühender Verfechter der Aufklärung. Dass der Film das allenfalls andeuten und anreißen konnte liegt an den wesensgemäßen Zwängen des Mediums.
Sal.Paradies 24.05.2019
5. Glücklicherweise mache ich mich von solchen Besprechungen
eines verfilmten Buches nicht abhängig, sondern betrachte einfach nur den Film, ohne dabei permanent an die Romanvorlage zu denken. Auch beim Herrn der Ringe machte ich es so und musste erstaunt feststellen, dass ich viele Passagen des Filmes sehr viel besser als im Roman beschrieben umgesetzt fand. Wie genial dort z.B. die Orks umgesetzt wurden, konnte ich mir beim lesen niemals so vorstellen und war fasziniert, wie perfekt die Maskenbildner ihre Arbeit verrichtet hatten. Beim Namen der Rose ist es ähnlich. Ich muss zugeben, dass ich damals, als ich den Roman in Händen hielt, nicht die Geduld für all die langatmigen Beschreibungen aufbringen konnte, so dass ich das Buch weglegte, um viele Jahre später den Film zu schauen. Was der Film hier wieder gut bis sehr gut machte, ist, wie die "Stimmung" dieses Ortes und der darin lebenden Mönche wiedergegeben wurde. Ich habe bis heute diesen Film bestimmt 4-5 Mal gesehen und fand ihn nie langweilig oder schlecht umgesetzt. Vielleicht liegt der Fehler des Autors einfach darin, dass er glaubt jeder Film müsse eine Buchvorlage zu 100% umsetzen, was aber weite Teile der Zuschauer gar nicht verlangen. Letztendlich ist mir ein Film lieber der gut unterhält und dem Zuschauer keine Doktorarbeit abverlangt. Vermutlich kann sich der Autor dieses Artikels nicht vorstellen, dass ein Film, der alle Details des Buches beinhaltet, den normalen Zuschauer eher überfordern und ermüden würde. Was mich angeht, werde ich mir diese TV-Produktion sehr gerne ansehen und bin gespannt darauf, was in meinem Kopf vor sich geht, wenn ich altes mit neuem vergleiche.
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