SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

10. November 2006, 12:06 Uhr

Der neue Bond

Lizenz zum Menscheln

Von

Neuer Mann, neuer Stil, neue Härte: Mit "Casino Royale" kehrt James Bond zu seinen Anfängen zurück. Daniel Craig erweist sich als gute Wahl: Der neue Agenten-Darsteller macht aus dem alten Salonlöwen Bond wieder eine gefährliche Bestie.

Kein Wunder, dass er die Rolle zuerst abgelehnt hat. Der neue Bond zu sein, das ist eine Bürde, die man erst einmal (er-)tragen muss. Daniel Craig, 38, erfuhr das am eigenen Leib: Die Presse stürzte sich auf ihn, bevor auch nur ein Schnipsel des neuen Kino-Abenteuers "Casino Royale" zu sehen war. Er sei zu weich für die Rolle, er sehe nicht aus wie ein Bond; sogar seine blonde Haarfarbe warf man dem inzwischen sechsten 007-Darsteller vor. James Bond, das ist eine mythisch aufgeladene Figur, die zwar eigentlich nach dem Ende des Kalten Krieges längst in Rente gehört, aber dennoch auch nach über 50 Jahren Dienst nichts von ihrem Reiz eingebüßt hat.

Seit Anfang dieser Woche ist jegliche Kritik an Daniel Craig so gut wie vergessen. Einhelliges Lob tönt von den britischen Medien, die den Film zuerst sehen durften. Der neue Bond sei "glaubwürdiger als seine Vorgänger", schrieb die Londoner "Times", das kommt fast einem Ritterschlag gleich.

Tatsächlich haben sich die Bond-Produzenten mit dem Abschied des stets etwas zu geleckten Dressmans Pierce Brosnan einen Relaunch der Reihe über den berühmten Spion mit der Lizenz zum Töten verordnet. Nach jahrelangem Streit um die Rechte konnten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson endlich den ersten James-Bond-Roman verfilmen, den Ian Fleming 1953 veröffentlicht hatte. Die Filmserie um 007, damals produziert von Barbaras Vater Albert R. Broccoli, begann 1962 mit "James Bond jagt Dr. No" und zählt bis heute 21 Teile. Broccoli hatte alle Filmrechte an Flemings Romanen erworben, nur "Casino Royale" gehörte Charles Feldman, der 1966 mit einer eigenen Produktion versuchte, an der damals grassierenden Bond-Mania teilzunehmen. Die Agentenparodie mit David Niven geriet jedoch zum künstlerischen wie kommerziellen Flop.

Am 23. November kommt "Casino Royale" nun erneut ins Kino - und hat weder mit Feldmans Persiflage noch mit Flemings Buch viel zu tun. Vielmehr, verriet Barbara Broccoli in einem Interview, soll die Figur James Bond wieder näher an das aktuelle politische Tagesgeschehen heranrücken. Man wolle mit realistischeren Szenarien eine "Atmosphäre der momentanen Weltlage" erschaffen. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Politische Thriller werden Bond-Filme wohl nie werden, aber zumindest signalisiert "Casino Royale", dass mit Witzfiguren, die die Welt beherrschen wollen, schlüpfrigen Altherrenwitzen und bis zur Lächerlichkeit überzogenen Macho-Sprüchen; dass mit all den Slapstick-Einlagen und unfreiwillig komischen Action-Gewittern vorerst Schluss sein wird. Die realpolitischen Zeiten des Terrors sind hart und undurchsichtig, also muss auch der letzte der moralisch aufrechten Actionhelden wieder härter, zäher und kälter werden.

Der Film führt mit einer grobkörnigen Eröffnungssequenz in Schwarzweiß zurück zu den Anfängen der Figur, die ihre Doppelnull, sprich: Lizenz zum Töten, erst frisch erworben hat. Bond ist wild und hungrig und muss sich das Vertrauen seiner Chefin M. (Judi Dench) erst noch erwerben. Er dürfe sich nicht von Emotionen leiten lassen, warnt sie ihn nach einer völlig vergurkten Mission zu Beginn des Films. Im Zuge der Geschichte um illegale Geldtransfers, die den Agenten nach Montenegro führt, wo er den zwielichtigen Geschäftemacher Le Chiffre (Mads Mikkelsen) in einer millionenschweren Poker-Partie besiegen muss, wird er noch öfter an die Worte der weisen Dame denken.

Was Bond nicht tötet, härtet ihn ab

Denn dem jungen und unerfahrenen Spion passiert etwas, was der spätere Bond nicht mehr zulassen wird: Er verliebt sich, und zwar in die hübsche Vesper Lynd, die ihm als Buchhalterin der britischen Regierung aberwitzige Beträge zusteckt, die er gegen LeChiffre einsetzt. Eva Green, seit "The Dreamers" immer wieder brillant, spielt Lynd als unnahbare Kratzbürste, die von dem markigen Kerl mit dem knackigen Hintern abgestoßen und angezogen zugleich ist. Eine Szene im Zug, als die beiden sich kennenlernen und spitzzüngig duellieren wie zwei misstrauische Katzen, enthält einen der geschliffensten Dialoge des ganzen Bond-Universums. Für Momente wie diese, und es gibt tatsächlich einige davon in "Casino Royale", stand Paul Haggis ("Million Dollar Baby", "L.A. Crash") Pate, der das Drehbuch von Neal Purvis und Robert Wade noch einmal aufmöbelte.

Bond verliebt? Das kam nicht oft vor, aber wenn, dann ging es am Ende schief. Auch hier, so viel sei verraten, nimmt die Love Story kein gutes Ende - und die Lektion, die Bond am Ende von "Casino Royale" für immer und alle früheren wie kommenden Filme lernt, ist: Vertraue niemandem. Um bei den Phrasen zu bleiben: Man könnte als Motto auch unter den Filmtitel schreiben: Was Bond nicht tötet, härtet ihn ab.

Mission: Terrorbekämpfung

Denn bevor der mit knapp 140 Minuten recht opulent geratene Thriller auf sein erstaunlich melodramatisches Ende zusteuert, muss der arme Agent ein körperlich wie psychisch äußerst anspruchsvolles Martyrium durchlaufen: Gleich zu Beginn liefert sich Bond eine Verfolgungsjagd in schwindelnder Höhe auf den Auslegern zweier Kräne. Sein Gegenspieler ist ein afrikanischer Bombenbauer, der von dem französischen Extremsportler Sébastien Foucan gespielt wird, ein Meister der halsbrecherischen Disziplin "Parkour", bei dem urbane Schluchten und Hindernisse mit reiner Körperkraft und Geschicklichkeit überwunden werden. Entsprechend atemberaubend geriet die Choreographie dieser Sequenz.

In einer weiteren gelungenen Action-Szene liefert sich Bond einen halsbrecherischen Faustkampf rund um das Führerhaus eines rasenden Jet-Betankungsfahrzeugs. Es gilt immerhin, das größte Passagierflugzeug der Welt vor dem flammenden Inferno eines Anschlags zu retten. So viel zu den neuen Einsatzmöglichkeiten des britischen Geheimdienstes: Der Flughafen-Terrorist trägt unverhohlen arabische Züge.

Bevor Bond am Ende von Le Chiffre übel gefoltert wird, wird er noch beinahe mit einem Säbel in zwei Teile zerhackt und muss sich mit einem Defibrillator selbst wieder ins Leben zurückrufen, nachdem er beim Poker vergiftet wurde. Praktisches neues Bond-Gimmick: das kleine Reanimationsgerät im Handschuhfach des Dienstsportwagens von Aston Martin.

Klar, es gibt sie, die kleinen humorigen Momente, die jeder Bond-Film braucht, aber insgesamt weht ein kühlerer, geradezu harscher Wind durch "Casino Royale". In einer undurchsichtigen Welt voller Terrornetzwerke und Doppelidentitäten, in der die globalen Machtkarten täglich neu gemischt werden, scheint der Tod, ständiger Mitspieler jedes Agentenpokers, wieder aus dem Schatten der Gewohnheit zu treten. In einer ungewöhnlich beklemmenden Szene muss Bond die völlig verstörte Vesper trösten, die zum ersten Mal in einen tödlichen Kampf verwickelt war und den Horror spürt, Blut an den Händen zu haben. Gezeichnet vom Geschäft mit dem Tod sitzen beide unter einer Hotelzimmerdusche und halten sich aneinander fest. Hier ist, im Gegensatz zu früheren Filmen der Serie, das Morden noch keine Fließbandarbeit, hier tut jeder Faustschlag noch weh, bereitet jede Kugel Höllenqualen. "Casino Royale" bohrt so tief in die Abgründe des Charakters und seines Metiers hinein wie kaum ein Bond zuvor.

Der Agent als Masochist

Daniel Craig ist bei dieser Neujustierung der entscheidende Faktor. Mit seinem wässrig-blauem Blick und seinen kantigen Gesichtszügen verleiht er dem kompromisslosen Killer mit dem Rest-Gewissen zwingende Glaubwürdigkeit. In manchen Szenen schafft er es sogar, jenes Virile, brutal Animalische zu verströmen, über das Sean Connery in seinen ersten Auftritten als Bond verfügte. In solchen Momenten ist Bond wieder der unberechenbare Schläger, der das elegante Dinner-Jackett nur zur Tarnung trägt. In der nachträglich für die Altersfreigabe entschärften Folterszene, als LeChiffre Bonds Genitalien mit einem derben Seil prügelt, wird das Finstere der Figur deutlich: Statt um Gnade zu winseln, verzieht er sein Gesicht zu einem schiefen Grinsen - und bettelt um mehr. Schlag' mich, peitsch' mich - als Geheimagent, der immer wieder freiwillig sein Leben riskiert, muss man wohl Sadist ebenso wie Masochist sein.

Aber auch in den Liebesszenen macht Craig eine mehr als gute Figur, selbst wenn das Drehbuch hier zuweilen etwas arg ins Schmalzige driftet. Aber das sei verziehen, es handelt sich bei derlei Turteleien schließlich um ungewohntes Terrain - nach all den Jahren des oberflächlichen Geballers und Gebumses. Fest steht, dass die Bond-Produzenten mit Daniel Craig über einen 007-Darsteller verfügen, der den alten Salonlöwen James Bond wieder in eine angriffslustige Raubkatze verwandelt hat. Für zwei weitere Filme hat er bereits unterschrieben.

Die neue, sehr zeitgeistige Aggressivität zeigt sich nicht nur im coolen, handwerklich soliden, fast schon reduzierten Look des Films und in den packenden, ohne viel Brimborium inszenierten Action-Sequenzen, sie dringt bis ins kleinste Detail: Auf die nett gemeinte Frage eines Kellners, ob er seinen Martini gerührt oder geschüttelt haben möchte, erwidert Bond mit gefährlichem Unterton: "Sehe ich so aus, als ob mich das interessiert?" Die alten Gags sind Geschichte. Endlich.

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung