Kolonialismusdrama Schuhplattler im Regenwald

Ein deutscher Ethnologe im Amazonasgebiet: Der Film "Der Schamane und die Schlange" beklagt die Verbrechen des Kolonialismus und beschwört die magischen Kräfte des Kinos.
Von Jörg Schöning
Kolonialismusdrama: Schuhplattler im Regenwald

Kolonialismusdrama: Schuhplattler im Regenwald

Foto: MFA+

"Iah iah iah ho!" Es gehört zu den schönen Überraschungen dieses an schönen Überraschungen reichen Films, mitten im kolumbianischen Regenwald Ohren- und Augenzeuge einer urdeutschen Performance zu werden. Das "Esellied", ein alpenländisches Traditional , das im Repertoire der "Wildach Buam" wie auch bei diversen Fernsehfestivitäten das Publikum der Volksmusik beglückt - hier ertönt es mitten im südamerikanischen Regenwald!

Als Gast eines Eingeborenenstammes am Amazonas darum gebeten, zur Abendunterhaltung beizutragen, stimmt der Tübinger Ethnologe Theo von Martius (Jan Bijvoet) nicht nur den bajuwarischen Evergreen an. Sondern er legt in der grünen Hölle - und zur großen Gaudi der indigenen Gemeinschaft - auch noch einen zünftigen Schuhplattler aufs Tropenholzparkett.

Nicht immer wird in dem Spielfilm des Regisseurs Ciro Guerra jede interkulturelle Begegnung auf eine so leichte, spielerische Weise tatsächlich zur transkulturellen Kommunikation. "Der Schamane und die Schlange" erzählt von den Reisen zweier Forscher im kolumbianischen Amazonasgebiet: Während Theo von Martius in den frühen Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf der Suche nach der seltenen Yakruna-Pflanze ist, die sein Tropenfieber heilen kann, macht sich 40 Jahre später der US-Biologe Evan (Brionne Davis) ebenfalls auf die Suche nach dem Gewächs, das ihm nicht nur als Halluzinogen, sondern auch zur Kautschuk-Veredelung dienen soll.

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Urwaldtrip "Der Schamane und die Schlange": Verbrechen des Kolonialismus

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Das christliche Abendmahl gerät zum kannibalischen Akt

Beide Reisenden hat es wirklich gegeben. In Theo von Martius ist unschwer der deutsche Ethnologe Theodor Koch-Grünberg (1872-1924) wieder zu erkennen, während sich hinter Evans der Ethno-Botaniker Richard Evans Schultes (1915-2001) verbirgt. Aus Büchern, Journalen und Briefen der beiden hat Regisseur Guerra seine Filmhandlung extrahiert - und in gemeinsamer, vierjähriger Arbeit mit Vertretern indigener Ethnien in Amazonien zum Drehbuch entwickelt.

So steht in dessen Zentrum nun auch ein Urbewohner: Der Schamane Karamakate, der im Abstand von vier Jahrzehnten die weißen Wissenschaftler durch den unwirtlichen Dschungel lotst. Seine Sicht der Welt ist auch jene des Films. Aus seiner Perspektive gerät der Schuhplattler zum "exotischen" Spaß, wird das christliche Abendmahl zum kannibalischen Akt. An ihm ist es auch, die, wenn man so will, "Botschaft" des Films in Worte zu fassen: "Wenn die Weißen nicht lernen, ist das unser Ende und das Ende von allem."

Worin er mit Koch-Grünberg allerdings übereinstimmt. Nicht nur registrierte der in seinem 1909/10 erschienen Hauptwerk "Zwei Jahre unter den Indianern" musikalische Exotica im Urwald ("Eine Musikbande spielte die Donauwellen "). Auch der indigenen Wirklichkeit begegnete er hellsichtig. Den "Pesthauch einer Pseudozivilisation" nannte Koch-Grünberg das Walten und Wüten der europäischen Kautschukbarone: "Wo die rohen Banden der Kautschuksammler hinkommen, da ist kein Bleiben für den wilden Indianer." Ebenso kritisch sah er deren Missionierung: "Katechese - ein christliches Wort - dient häufig dazu, die Vergewaltigung der armen Indianer zu verschleiern." Kurz: "Rohe Gewalttaten, Misshandlungen, Totschlag sind an der Tagesordnung."

Dialog der Kulturen

Alles das lässt Guerras Film nicht aus. Und so gleichen die Fahrten von Martius und Evans "Reisen in das Herz der Finsternis", vorbei an Plantagen, auf denen Sklaven verkrüppelt wurden, und an Missionsstationen, in denen Priester Kinder mit der Peitsche züchtigen oder - 40 Jahre später - als Psychosekten-Gurus ihr Unwesen treiben. Und doch macht die eindringliche Anklage all dieser Übel nicht den Kern des vor allem durch Bilder beeindruckenden Werks aus.

Mit fließenden Übergängen zwischen den Dekaden schafft es "Der Schamane und die Schlange" auf dem mäandernden Flusslauf jenes "Wilde Denken" abzubilden, von dem sein "Entdecker" Claude Lévi-Strauss sagt, es gehe schlicht darum, "das Andere in das Unsere und umgekehrt zu übersetzen". Aus der Warte des Schamanen Karamakate erzählt, wirkt der Film wie eine visuelle Initiation, die auf den atemberaubenden Kanufahrten zwischen Stromschnellen und tropischen Regengüssen den Dialog der Kulturen in Gang setzt - bis hin zu einer farbigen Vision, mit der sich das Kino einmal mehr als das wirksamste aller frei zugänglichen Halluzinogene erweist.

Denn auch Koch-Grünberg nahm das Land am Amazonas nicht allein mit wissenschaftlicher Akkuratesse und moralischer Emphase wahr. Er ließ sich von dessen ästhetischen Reizen hinreißen. So notierte er auf seinem Trip durch den Tropenwald: "Es gibt keine Sprache, in der sich die Schönheit und Pracht, die sich mir in diesen verzauberten Stunden bot, ausdrücken ließe."

Leicht variiert stellt Regisseur Guerra diese Worte seinem Film voran. Wer sich auf dem betörend schönen Schwarzweißtrip im Kinosaal zwei Stunden lang offenen Auges verzaubern lässt, schließt sich ihnen ohne Einschränkung an.

Im Video: Der Trailer zu "Der Schamane und die Schlange"

"Der Schamane und die Schlange"

Kolumbien 2015

Buch und Regie: Ciro Guerra

Darsteller: Jan Bijvoet, Brionne Davis, Nilbio Torres, Antonio Bolivar

Produktion: Cristina Gallego

Verleih: MFA

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 21. April 2016

Offizielle Website: Der Schamane und die Schlange 
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