"Der Tintenfisch und der Wal" Eine schrecklich nette Familie

Passend zur Debatte um die Wahrung der Familienwerte: Noah Baumbach seziert in seinem autobiografischen Film "Der Tintenfisch und der Wal" den tragikomischen Niedergang einer Intellektuellen-Ehe im Brooklyn der achtziger Jahre - ein etwas anderes Scheidungsdrama.

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Filmkritiker lieben solche Filme: Ein Jugendlicher, den die Adoleszenz zum Melancholiker macht, lernt auf schmerzhafte Art und Weise, das Erwachsensein bedeutet, Dinge so zu nehmen, wie sie sind und seinen eigenen Weg zu gehen. Filmkritiker lieben diese so genannten Coming-of-Age-Geschichten - von "Sie küssten und sie schlugen ihn" bis zur "Reifeprüfung" so sehr, dass sie "Der Tintenfisch und der Wal" so lange lobten, bis Regisseur Baumbach neben zahlreichen anderen Preisen den Director's Award des Sundance Festivals gewann und mit seinem Drehbuch für einen Oscar nominiert wurde. Schlicht gesagt: "Der Tintenfisch und der Wal" ist einer jener Filme, über die viel geredet wird, die aber leider niemand sehen will. An der US-Kinokasse versagte das nur 81 Minuten lange Familiendrama jedenfalls kläglich - mit mageren 151 Kopien spielte es in 24 Wochen Laufzeit gerade mal 7,3 Millionen Dollar ein.

Vielleicht liegt der mangelnde Erfolg dieser hervorragend besetzten und mit grimmiger Komik gewürzten Story darin begründet, dass sie zu großen Teilen wahr ist - und kein gutes Licht auf den Zustand der modernen Familie wirft. Baumbach, ältester Sohn des Schriftsteller/Filmkritiker-Paares Jonathan Baumbach und Georgia Brown, verarbeitete in seinem vierten Spielfilm die Trennung seiner Eltern im Brooklyn der achtziger Jahre und die Auswirkungen, die dieser Schock auf ihn und seinen kleinen Bruder gehabt haben. Er habe das Leben schon immer als Material für Filme betrachtet, sagt der heute 36-jährige New Yorker, der zuvor das Drehbuch für Wes Andersons "Die Tiefseetaucher" schrieb.

So illustriert "Der Tintenfisch und der Wal" gleich in der ersten Szene erste Zerfallserscheinungen: "Ich und Mom gegen Dich und Dad", sagt der elfjährige Frank (Owen Kline) zu seinem 16 Jahre alten Bruder Walt (Jesse Eisenberg). Obwohl es nur um ein interfamiliäres Tennis-Match geht, manifestiert sich bereits hier die künftige Trennlinie, die alsbald mitten durch die vierköpfige Berkman-Familie verläuft.

Denn der ehemals erfolgreiche Schriftsteller Bernard (Jeff Daniels), der seinen Lebensunterhalt lustlos als Uni-Dozent verdient, und die aufstrebende Autorin Joan (Laura Linney) halten ihre von Neid, gegenseitiger Verachtung und außerehelichem Sex zerrüttete Beziehung eigentlich nur noch wegen der Kinder aufrecht. Als Joan Bernards Notizen über das Ende ihrer jüngsten Story nicht verwendet, kommt es zum endgültigen Bruch. Die beiden Intellektuellen entwerfen einen detaillierten Plan für das gemeinsame Sorgerecht, das sogar die Katze einbezieht. Doch die Spaltung der Familie können sie nicht verhindern.

Baumbachs pubertierendes Alter ego Walt, um den sich der Film hauptsächlich dreht, vergöttert seinen Vater, der mit köstlicher Arroganz Kafka als "einen seiner Vorgänger" betrachtet und "Eine Geschichte aus zwei Städten" als "unbedeutendes" Dickens-Werk abtut. Natürlich fährt er ein europäisches Auto, wie es sich für einen echten Brooklyn-Bohemien gehört; natürlich hegt und pflegt er seinen Vollbart, Symbol des schriftstellerischen Alphatiers. Nur einen Verleger für seine Bücher findet Bernard nicht mehr. Zum Zeichen seines stillen Selbstmitleids trägt er ständig eine Ausgabe von Saul Bellows "Opfer" mit sich herum und zieht mit den Kids in eine Bruchbude, die er als "Filetstück" des Viertels bezeichnet.

Der linkische Walt versucht, diesen über die Jahre perfektionierten Habitus zu kopieren, merkt aber schnell, dass er damit nicht weit kommt. Um seine Schulkameradin Sophie zu beeindrucken, lobt er Kafkas "Verwandlung" als "sehr kafkaesk". Das Mädchen merkt, dass er das Buch gar nicht gelesen hat und nur mit Bernards apodiktischen Urteilen angibt. Milde lächelnd geht sie darüber hinweg und zeigt dem Unbeholfenen sogar, wie man richtig küsst. Walt bedankt sich mit einer von Bernard abgeguckten Grobheit: "Ich wünschte, du hättest nicht so viele Sommersprossen im Gesicht".

Später, bei einem Schulwettbewerb, trägt Walt eine akustische Version von Pink Floyds "Hey You" vor, behauptet aber, den Song selbst geschrieben zu haben. Natürlich fliegt der Schwindel auf. Der Songtext indes könnte als Botschaft an seine streitenden Eltern wahrlich nicht passender sein: "Hey you, out there in the cold/ Getting lonely, getting old/ Can you feel me?"

Bernard und Joan, die scharfsinnige Denker, aber offensichtlich keine mitfühlenden Eltern sind, kreisen ausschließlich um sich selbst. Joan erzählt den Kindern freimütig von ihren zahlreichen Affären, während Bernard vor den Augen der Kids mit einer 20-jährigen Studentin turtelt, um sein geschrumpftes Ego aufzurichten. Im berserkerhaften Ringen und Zerren um die Zuneigung der Söhne geht auch der letzte Rest von Zusammenhalt vor die Hunde.

So viel Aufdeckung elterlicher Schwäche und Sexualität bleibt nicht ohne Folgen: Der kleine Frank fängt an, mit Flüchen um sich zu werfen, Bier zu trinken und heimlich in der Schule zu masturbieren. Das Sperma verteilt er geflissentlich mal in der Bibliothek, mal am Spind einer favorisierten Mitschülerin. Aus purem Trotz gegenüber Bernards zur Schau gestellter Intellektualität bändelt er mit Joans neuesten Lover an, Franks netten, aber debilen Tennis-Coach Ivan (William Baldwin), was den Vater rasend macht. Zu den besten Momenten des Films zählt ein Ping-Pong-Match zwischen Frank und Bernard, das zum tragikomischen Kräftemessen gerät.

Baumbach beobachtet diese in viele pointierte Szenen unterteilte Chronik eines Scheiterns ohne die üblichen dramatischen Zuspitzungen. Mit distanziertem Blick erspart er dem Zuschauer keinen Kraftausdruck, keinen peinlichen Moment, vermeidet es aber, selbst Partei zu ergreifen. Hinter den geschliffenen Dialogen und der diskursgeschulten Redegewandtheit der Eltern entlarvt er einen Abgrund an Emotionslosigkeit.

Das verleiht dem Film einen lakonisch-bitteren Grundton, der vielleicht absichtlich an frühe Woody-Allen-Werke erinnert. Die siebziger Jahre mit ihren vor allem bei der liberalen Intelligenzija beliebten Ansichten über offene Erziehung, Individualismus und Selbstverwirklichung haben die Familienbande zermürbt, auch das zeigt diese Momentaufnahme aus dem Jahre 1986. Vor allem die Vaterfigur Bernard, mit massiger Präsenz verkörpert von Jeff Daniels, steht am Ende als erbärmlicher Egoist da, der keinen Zugang zu seinen Gefühlen kennt. Die Demontage seines Idols hilft Walt, seinen Frieden mit der Mutter zu machen und nach vorne zu blicken.

Man muss kein Filmkritiker sein, um diesen kleinen Film für sein genaues Hinsehen, seine Furchtlosigkeit, zu lieben. Verkrachte Familiengeschichten haben wir schließlich fast alle zu erzählen.



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