"Der Weg nach El Dorado" Aufgalopp zum Dino-Donner

Goldschatz aus der Zeichenfeder: Bevor Disneys Saurier in Deutschland durchstarten, schickt Dreamworks zwei schlitzohrige Abenteurer nach El Dorado.

Von Manfred Müller


Miguel und Tulio: Vom gezinkten Würfel in die mythische Urwaldstadt

Miguel und Tulio: Vom gezinkten Würfel in die mythische Urwaldstadt

Es war ein gelungener Coup, als die Dreamworks Studios vor zwei Jahren im Vorfeld von Disneys Ameisen-Adventure "Das große Krabbeln" ihren eigenen Film "Antz" platzierten. Eine unmissverständliche Kampfansage an den Branchenprimus. Im langen Schatten, den "Disneys Dinosaurier" zurzeit vorauswerfen, schickt Dreamworks jetzt zwei spanische Abenteurer nach El Dorado, um mit dem sagenumwobenen Gold der Inka noch einmal Kasse zu machen, bevor die reanimierten Urviecher auf Wochen die Abspielstätten hier zu Lande blockieren werden.

Der Auftakt ist viel versprechend. Mit dem Charme einer Realfilmhandlung werden wir in die Zeit der spanischen Eroberer zurückversetzt. Miguel und Tulio verdienen mit gezinkten Würfeln ihren Lebensunterhalt. Kein krisenfestes Gewerbe in einer spanischen Hafenstadt, denn alsbald müssen sich die beiden Schlitzohren vor dem Zorn der betrogenen Meute in den Frachtraum eines Hochseeseglers retten. Das Schiff zählt zur Flotte von Kapitän Cortez, der mit den blinden Passagieren Kurs auf Südamerika nimmt.

Chel: Gegenentwurf zur "Edlen Wilden"

Chel: Gegenentwurf zur "Edlen Wilden"

Ein stilsicheres Intro im behaglichen Mantel- und Degen-Look, bei dem sich die Zeichner vom Geist der Abenteuerkomödien um Bob Hope und Bing Crosby inspirieren ließen. Aber leider findet der Stil keine konsequente Fortsetzung. "Antz" hatte mit raffinierten Einstellungswechseln, mit ungewöhnlichen Bildwinkeln und simulierten Kamerafahrten, vor allem aber mit einer originellen Story fern der possierlichen Disneystereotype einen eigenen Stil begründet. Die Geschichte von Tulio und Miguel hätte Spielraum geboten, diese Ansätze weiter zu verfolgen. Die unfreiwilligen Seefahrer stranden an einer unbewohnten Küste, von wo sie ein Schatzplan nach El Dorado führt. Hier werden die weißhäutigen Fremden zunächst als Götter begrüßt und mit Gold überschüttet, treffen aber dann bei den vermeintlich naiven Eingeborenen auf höchst menschliche Charaktereigenschaften. Allen voran das durchtriebene Luder Chel setzt einen krassen Gegenentwurf zum "Edlen Wilden" des Pocahontas-Typus.

Elton John: Laue Songs als Leihgabe

Elton John: Laue Songs als Leihgabe

Da steckt Substanz drin, die aber nicht wirklich ausgereizt wird. Weder die stürmische Überfahrt noch der Weg durch den Dschungel oder die Architektur der mythischen Urwaldstadt zeigen eine klare eigene Handschrift, wodurch das rein tricktechnische Defizit gegenüber dem Markführer offenbar wird. Die Animation wirkt flächig, die Hintergründe unbelebt und die Bewegungen schematisch. Man vermisst die überwältigende Detailtreue, mit der Löwen, Ameisen und demnächst eben Dinosaurier unter dem Disney-Signet die Leinwand bevölkern. Und der Soundtrack dazu mit lauen Songs von Elton John und einer routinierten Musik von Hans Zimmer, die für Disneys "König der Löwen" Oscar-Ehren einfuhren, klingt wie eine Leihgabe.

Wenige Szenen zeigen ein eigenes optisches Profil, wie der plastisch gezeichnete Goldschatz, der für wenige Augenblicke wirklichen Zauber weckt. So reicht der Weg nach El Dorado wohl doch nur zum Aufgalopp für die Dino-Stampede, die Mitte November über uns hinweg donnern wird.

"Der Weg nach El Dorado" ("Road to El Dorado"). USA 2000. Regie: Don Paul, Eric Bergeron Will Finn, David Silverman; Drehbuch: Ted Elliott, Terry Rossio; Verleih: UIP; Länge: 90 Minuten; Start: 5. Oktober 2000



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