Deutsch-indische Klatschblätter "Bunte" aus Bollywood

Indiens Filmindustrie ist eine Schmonzetten-Fabrik, die inzwischen Welterfolge feiert. In Deutschland sind bereits vier Bollywood-Magazine auf dem Markt. "Stardust", die mit Abstand bizarrste Klatsch-Postille, beantwortet endlich Fragen wie: Ist Ash zu gut für Ramu?

Von


Hamburg - Es geht immer um Liebe. Um Männer und Frauen, die nicht miteinander dürfen, weil soziale, religiöse, familiäre Gründe sie trennen. Sie kämpfen für ihre Liebe und gegen die Ignoranz der ganzen Welt, brechen soziale Tabus, tragen so zur Verbesserung ihrer Gesellschaft bei - und finden am Ende, natürlich, zueinander.

Indische Filme sind alle gleich: ewig lang, ziemlich bunt und durchsetzt mit Liedern und Tänzen. Gewalt ist tabu, Sex ebenfalls, er wird nur durch im Wind hin und her wogende Bäume, durch eine aufgehende Blüte oder ähnlich kitschige Metaphern angedeutet. In den Kinos von Neu-Delhi oder Bangalore kichern die Menschen an diesen Stellen oder sagen "Ah" und "Oh". Selbst Küsse bleiben den Zuschauern erspart. Indische Filme sind familientauglich. Die Geschichte geht immer gut aus, das Publikum ist zufrieden.

In Deutschland entdeckt man allmählich, dass Indien eine Filmindustrie hat. Eine, die mit mindestens 1000 Filmen pro Jahr mehr produziert als die in den USA und 2006 so viel verdient hat wie nie zuvor. Die Manager der Studios werden nicht müde, das herauszustellen.

"Ich gebe zu, dass ich noch vor ein paar Jahren nichts von indischen Filmen wusste", sagt Joyce Mariel, Pressesprecherin bei RTL II - jenem Sender, der den indischen Spielfilmen in Deutschland seit November 2004 zum Durchbruch verholfen hat. Vorher liefen sie nur zu nächtlicher Stunde bei Vox und Arte. Auf Hindi, mit deutschen Untertiteln.

Versuch, den Deutschen Indien zu erklären

2001 schaffte es erstmals ein indischer Streifen auf die Internationalen Filmfestspiele Berlin. RTL II wagte den Schritt, "Kabi Khushi Kabi Gham" synchronisieren zu lassen und unter dem Titel "In guten wie in schlechten Zeiten" auf den 20.15-Uhr-Sendeplatz zu hieven. Fast zwei Millionen Menschen schalteten ein - ein Marktanteil von 7,2 Prozent. Der Sender war baff. Jetzt gehören die Bollywood-Filme fest ins Programm, im Schnitt zweimal im Monat .

Inzwischen versuchen vier Zeitschriften, den Deutschen Indien zu erklären. Im August 2006 startete das Magazin "Bollywood", herausgegeben vom Filmverleih Rapid Eye Movies, Auflage nach eigenen Angaben: rund 30.000 Stück. "Uns geht es nicht nur um Filme, sondern um indische Kultur", sagt eine Sprecherin des Kölner Unternehmens. "Wir erklären in Hintergrundberichten die Themen, um die es in den Filmen geht - Religion, Soziales, Feste." Konkurrenten dagegen nennen das 70-seitige, alle drei Monate erscheinende Blatt "ein Marketinginstrument für die Filme aus dem eigenen Verleih".

Im September folgten gleich zwei weitere Zeitschriften: "Ishq"" und das "Indien-Magazin" - beides Titel, die beanspruchen, mehr als nur Filmzeitschriften zu sein. "Ishq" sieht sich als "Lifestyle-Magazin", "so etwas wie 'Glamour' mit Indien-Themen", sagt Naseem B. Khan von der Ishq Publishing Group in Dinslaken. Filme und Stars würden genauso behandelt wie "Fashion- und Beauty-Themen".

In dem Blatt finden sich außerdem Reisetipps, die sich auf Informationen wie "Am besten ist pflegeleichte und strapazierfähige Kleidung", "Die beste Reisezeit liegt zwischen Oktober und Februar" oder die Anschrift der indischen Botschaft in Berlin beschränken. "Wir sind umfangreicher als die anderen", sagt Khan: 160 Seiten ist das Heft dick - allerdings ist auch das Format kleiner. "Ishq" erscheint vierteljährlich mit 10.000 Stück Auflage.

Panik beim größten indischen Filmmagazin

Das "Indien-Magazin" ist das anspruchsvollste unter den Indien-Heften, aber auch das mit der niedrigsten Auflage. Bei 5000 liege sie, sagt Chefredakteurin und Herausgeberin Michaela Ohrem. "Wir wollen aber noch größer werden." Die zweimonatlich erscheinende Zeitschrift mit Kulturreportagen, Reiseberichten, aber auch Geschichten aus der Filmbranche gibt es im Gegensatz zu den anderen Titeln nicht am Bahnhofs- oder Flughafenkiosk, sondern nur auf Bestellung beim Verlag in Hürth und im Abo.

Drei neue indische Magazine in Deutschland binnen weniger Wochen - da wurde der Verlag Magna Publishing aus Bombay unruhig. Er gibt "Stardust" heraus, die Nummer eins unter den Filmzeitschriften in Indien (Auflage: 200.000 Stück). Eine deutsche "Stardust"-Ausgabe musste her. Und zwar so schnell wie möglich, weshalb Pläne verworfen wurden, ein Blatt eigens für die deutsche Leserschaft zu konzipieren. Zu zeitintensiv, zu aufwändig.

Die Macher nahmen den auf Hindi und Englisch produzierten "Stardust", ließen ihn in aller Eile eins zu eins übersetzen und brachten im Dezember die erste Ausgabe mit 7500 Exemplaren in den deutschen Handel. "Unser Ziel sind 30.000 Stück und eine monatliche Erscheinungsweise", sagt der deutsche Herausgeber Mustafa Ahmadi, Geschäftsführer der Frankfurter Filmvertriebsfirma Cinefilms.

Die wachsende, wenngleich noch kleine Gruppe von Bollywood-Fans in Deutschland war empört. Schwulstige Texte voller Stilblüten, Rechtschreib- und Grammatikfehler - manche Sätze muss man dreimal lesen, um ihre Bedeutung zu erahnen. Manche bleiben auch danach sinnfrei. "Grottig" sei das, urteilten die Indien-Blogger.

Öffentliche Entschuldigung nach Blogger-Kritik

Cinefilms sah sich zum Handeln genötigt: "Wir möchten uns für die schlechte Textqualität in aller Form entschuldigen und kurz erklären, wie es dazu kam", schreibt das Unternehmen nun auf seiner Internetseite. Man habe mit der Übersetzung der ersten Ausgabe ein Textbüro beauftragt, "das seine Zusage aber so kurzfristig wieder zurückzog, dass wir gezwungen waren, in allerkürzester Zeit Ersatz zu finden. Es zeigte sich jedoch, dass das nachfolgende Übersetzungsbüro der Aufgabe und unseren Qualitätsansprüchen in keiner Weise gerecht wurde".

Von der Original-Ausgabe aus Indien wurde auch das Layout übernommen: große Bilder, ein paar Texte drumherum, fertig. Schauspieler Shiney Ahuja findet sich gleich fünfmal in machohafter Pose im Heft abgebildet und sagt Sachen wie: "Männer sind von Natur aus polygam und Frauen monogam. Frauen sind im Prinzip liebe Geschöpfe." Wer mit wem, wer gegen wen, das sind die Fragen, die Indiens "Bunte" interessieren.

Die "Stardust"-Redaktion macht kein Geheimnis daraus, wen sie mag und wen nicht. Superstar Aishwarya ("Ash"), die derzeit in jedem Blockbuster aus Indien eine Rolle spielt und in Deutschland vor allem als L'Oréal-Gesicht bekannt ist, zählt nicht zu den Lieblingen der "Stardust"-Schreiber. "Sie ist eine kopfbetonte Frau, von der man weiß, dass sie ihre Schritte genau kalkuliert", steht da. Doch weil sie sich nach ewiger Geheimniskrämerei mit Abhishek Bachchan, selbst Schauspieler und Sohn des nahezu als heilig verehrten Superstars Amitabh Bachchan, verlobt hat, ist sie dem Blatt seitenlange Berichte wert. Da gibt dann selbst die Frage, ob Aishwarya eine zu gute Schauspielerin für Regisseur Ramu ist, ein Titelthema her.

Hauptsache, Ash ist auf dem Cover zu sehen. Und Shah Rukh Khan, jener andere Superstar, der praktisch in jedem erfolgreichen Bollywood-Film vorkommt und als Schwarm der indischen Frauenwelt gilt.

So sehr die deutschen Indien-Blätter versuchen, sich voneinander zu unterscheiden - eines haben sie gelernt: Mit Shah Rukh Khan verkauft sich das Blatt besser. Alle vier bildeten den Darsteller auf dem Titel ihrer ersten Ausgabe ab.

Mehr zum Thema


insgesamt 62 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Sadiq Khan 29.01.2007
1.
kitsch. die heutigen filme kann man nur noch als schrott bezeichnen. hier wird versucht, angeblich "moderne" elemente mit traditionellem zu vermischen, was gruendlich fehlgeschlagen hat. fuer mich ist bollywood vergangenheit, ausser, wenn diese wieder zu den urspruengen zurueckkehren. von den herzenswaermenden filmen ("kuch kuch hota hai", "devdas", "mughal-e-azam", "suryavansham") ist nichts mehr uebrig geblieben.
sojiti, 29.01.2007
2.
---Zitat von sysop--- Lieben Sie Bollywood? ---Zitatende--- Nein!!! (anselmi, sach auch mal was. Ich finde diese Filme so schrecklich, ich kann da nicht sachlich bleiben)
fritze meier, 29.01.2007
3. ist vielleicht was für apu nahasapeemapetilon...
...aber hier wird nur ein völlig überkandidelter modeschnurbel zelebriert. es schnallt sowieso kein europäer, was da in diesen filmchen eigentlich wirklich los ist. dennoch, die hoffnung auf rettung ist da: tamagotchis, hawaiihemden, patschuli, henna und andere weltversteh-absurditäten kamen langsam, blieben mitunter sehr hartnäckig und gingen dann aber huschhusch wieder ihr nirwanakörbchen.
anselmi 29.01.2007
4.
---Zitat von sojiti--- (anselmi, sach auch mal was. Ich finde diese Filme so schrecklich, ich kann da nicht sachlich bleiben) ---Zitatende--- Welcome to the wonderful world of Neue Sachlichkeit! Was soll man sich aufregen? Diese quietschebunten Schmacht-Sülz- und Singspiele bedienen den einfachen Geschmack und lassen den ökonomisch aufstrebenden Subkontinentler für drei hirnerweichende Stunden den grauen Alltag im Softwarelabor oder Callcenter vergessen. Damit erfüllt die indische Filmindustrie die gleiche Funktion wie der bundesdeutsche Heimatfilm der 50er Jahre, als auch unser Land Zerstreuung vom Wirtschaftswunder suchte. Insofern zeichnen sich wirtschaftliche Boomregionen offenbar durch lausige Filme aus. Na und? Wenigstens ist der ganze Mist herrlich unprätentiös und gibt gar nicht vor, große Kunst sein zu wollen. Auch ich habe mich einmal selbstlos (unter Androhung von Liebesentzug) einem Machwerk made im Mumbai ausgesetzt und ... ganz, ganz, ganz doll ehrlich jetzt: Ich fand den Schwachsinn halb so schlimm, wie Lola rennt oder Die wunderbare Amélie Poulain (oder wie das Gerümpel hieß...).
icaros, 30.01.2007
5.
---Zitat von sysop--- Bollywood boomt: Immer mehr Menschen in der ganzen Welt werden zu Fans von Filmen aus indischer Produktion. Darin wird gesungen und getanzt, gestritten und geliebt: Kitsch oder Kult - was halten Sie von Bollywood? ---Zitatende--- Nichts
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.