Deutsche Oscar-Ambitionen "Die Hoffnung stirbt zuletzt"

Sechs deutsche Filme sind dieses Jahr für Oscars nominiert, allen voran der "Baader Meinhof Komplex" und die Antarktis-Dokumentation "Encounters at the End of the World". Doch auch die Konkurrenz ist diesmal härter denn je - die Aussichten stehen schlecht.

Los Angeles - Eigentlich mag Bernd Eichinger nur noch schmunzeln über die Kritiker. "Eine Form von Hysterie" nennt er die Debatte, die sein RAF-Film "Der Baader Meinhof Komplex" voriges Jahr in Deutschland auslöste. Daheim sei Vergangenheitsbewältigung im Kino eben bis heute ein kompliziertes Thema: "Die Deutschen", findet er, "sind traumatisiert."

Eichinger, 59, sitzt im Gartenrestaurant eines Nobelhotels in West Hollywood, unweit seines Büros am Sunset Boulevard - und noch weiter weg von deutschen Hysterien. Ein Brunnen plätschert, Gläser klirren, Vögel zwitschern, alles ist "very Zen", wie sie hier gerne sagen. Stumme Kellner huschen herbei und schenken stilles Wasser nach. Die Ruhe vor dem Sturm.

Schön entspannt wirkt auch Eichinger, in Jeans, Sakko und Sporthemd. Obwohl "BMK" um einen Oscar als bester fremdsprachiger Film kämpft, bewegt den Produzenten und Drehbuchautor weniger die Spannung darum als eine Art innere Genugtuung über die späte Anerkennung in seiner Wahlheimat USA, nach all der deutschen Kritik. So erinnert er spitz an die "FAZ", die den Film "Polit-Porno" genannt hat: Das kratzt Eichinger wohl noch immer, zumindest bringt er es ungefragt zur Sprache.

"Die Nominierung kann uns keiner nehmen"

"Was uns wirklich stolz macht, ist, dass wir die Nominierung bekommen haben", sagt er also. Und rasselt sofort all die internationalen Filmpreis-Nominierungen für den "Baader Meinhof Komplex" herunter. Golden Globes, BAFTA, nun die Oscars: "Die Beachtung im Ausland", freut sich Eichinger und lehnt sich sanft zurück, "kann uns keiner mehr nehmen."

Stefan Aust kommt an den Tisch, um Hallo zu sagen. Der Ex-SPIEGEL-Chefredakteur, auf dessen Bestseller das von Eichinger und Regisseur Uli Edel verfasste Drehbuch beruht, ist gerade eingetroffen, um an dem ganzen Oscar-Brimborium mit teilzuhaben. "Schön braun bist", lobt Eichinger. Und, fragt Aust, wie stünden die Oscar-Chancen? Da kann Eichinger nur laut lachen: "Die Hoffnung stirbt zuletzt."

In der Tat: Diesmal könnte es sein, dass es für die Deutschen bei der Hoffnung bleibt. Zwar waren selten so viele deutsche Produktionen und Co-Produktionen für Oscars nominiert: Insgesamt treten da vier Filme an - fünf, rechnet man Österreich mit, sechs inklusive des co-produzierten Hollywood-Dramas "Der Vorleser". Doch selten war die Konkurrenz auch, wie Eichinger es formuliert, so "brutal".

Schweres Kaliber der Konkurrenz

In der Auslandskategorie tritt "BMK" gegen schweres Kaliber an. "Dieses Jahr war extrem stark", sagt AMPAS-Chef Bruce Davis. "Entre les murs" aus Frankreich, das in Cannes die Goldene Palme abräumte. "Okuribito", erst am Freitag zum besten japanischer Film gekürt. "Revanche" aus Österreich, der bei der Berlinale weite Beachtung fand. Und "Waltz with Bashir", der israelische Trickfilm über den Libanon-Krieg 1982, der in Cannes "in die Erdumlaufbahn geschossen wurde", wie sein Regisseur Ari Folman am Samstag prahlt, bei einer Podiumsdiskussion mit seinen vier rivalisierenden Kollegen in Beverly Hills.

Da sitzen sie alle artig nebeneinander auf der Bühne des opulenten Goldwyn Theatres, des Hauskinos der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS), flankiert von zwei riesigen Oscar-Statuen. Doch anders als bei den traditionellen Rendezvous früherer Jahre ist die Stimmung diesmal spürbar gespannter. Hände werden kaum geschüttelt, man beäugt sich aus dem Augenwinkel, und Edel - in schwarzer Lederjacke und weißen Turnschuhen - klebt mit nervös-ernster Miene im Sessel.

Fast widerwillig gibt Edel zum zigsten Mal Auskunft über die Entstehungsgeschichte von "BMK", über die Finanzierung ("Da sollten Sie besser den Bernd fragen"), über die Besetzung der 130 Sprechrollen, die fast die gesamte deutsche Schauspieler-Elite beschäftigt habe. Und auch er schlägt in die gleiche Kerbe wie Eichinger: "Es ist besonders wichtig, dass ein deutscher Film so im Ausland anerkannt wird."

Bangen in der Kategorie Kurzfilm

Ähnliches Nägelkauen spielt sich auch in der Kurzspielfilm-Kategorie ab - doch viel jovialer. Da sind gleich zwei deutsche Produktionen nominiert: "Auf der Strecke" des Deutsch-Schweizers Reto Caffi - der dafür 2008 schon den Studenten-Oscar bekam - und "Spielzeugland" des Berliners Jochen Alexander Freydank. Die beiden sind sich bei den vielen Fototerminen diese Woche hier inzwischen so oft über den Weg gelaufen, dass sie sich freundschaftlich auf die Schulter hauen.

"Es ist ganz schwierig, da eine Prognose zu stellen", sagt Caffi im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE über seine Chancen. Der Absolvent der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) sieht sich sowieso nicht als Botschafter einer einzigen Nation: Seine 30-minütige Parabel auf Schuld, Zivilcourage und Feigheit war eine KHM-Studentenarbeit und wurde in Bern und Zürich gedreht. "Filmemachen", sagt Caffi, "ist international, grenzüberschreitend, ich mag nicht für ein Land ins Rennen ziehen."

Caffi sitzt am Pool des historischen Roosevelt Hotels, wo 1929 die ersten Oscars verliehen wurden - gegenüber vom Kodak Theatre, wo das Spektakel seit 2002 stattfindet. Aus seinem Zimmerfenster kann Caffi direkt auf den roten Teppich gucken, wo die Arbeiter gerade die letzten Zierhecken auffahren.

Den AMPAS-Rummel hat Caffi zwar schon bei den Studenten-Oscars mitgemacht. Doch dies ist natürlich noch mal eine ganz andere Stufe des Wahnsinns. Bei aller Nonchalance kann er sich einen Funken nicht verkneifen: "Wäre natürlich großartig, wenn's klappen würde."

Oscar-Verleihung aus der Innenansicht

So weit will Jochen Alexander Freydank gar nicht erst denken. "Nicht mal als Kind hätte ich mir das träumen lassen", sagt der frühere DDR-Bürger SPIEGEL ONLINE bei einer Vorabvisite auf dem roten Teppich. Ringsum wuseln Kulissenschieber und leicht beschürzte TV-Damen, Freydank kann sich ein Grinsen nicht verkneifen: "Mein größter Traum war früher allerhöchstens, dass ich mal zur Defa komme."

Zweieinhalb Jahre lang hat Freydank die Gelder für seine Holocaust-Vignette zusammengekratzt. 30.000 Euro bekam er, "200.000 Euro hätte ich gebraucht". Weshalb ihm die Oscar-Nominierung allein schon viel bedeute - selbst wenn er sich jetzt noch "so einen Scheiß-Smoking" habe kaufen müssen.

Den wird auch Kinolegende Werner Herzog tragen, wenn er mit Gattin Lena zum ersten Mal in seinem Leben über den roten Teppich am Kodak laufen wird. Der exzentrische Tausendsassa ("Fitzcarraldo") ist für seinen Dokumentarfilm "Encounters at the End of the World" nominiert, ein eklektisches Porträt der Antarktis und der Forscher in der Kälte dort.

Trotz aller betonten Distanz, die Herzog stets zur Popcorn-Filmmaschinerie hält, will er sich jetzt einen Spaß gönnen: "Das Schöne an der Sache ist ja, dass ich mal die Innenansicht erleben kann", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Das ist doch herrlich, klar."

Für Eichinger steht einiges auf dem Spiel

Trotzdem zieht Herzog - der in Los Angeles lebt - hier sein eigenes Programm durch. So präsentiert er sich am Freitagabend auf dem idyllischen Campus der University of California (UCLA) im Dialog mit Paul Holdengräber, dem Direktor des öffentlichen Bildungsprogramms der New York Public Library. Der Event war binnen einer Stunde ausverkauft, und fast 2000 Zuschauer verfolgen mit angehaltenem Atem, wie Holdengräber seinem Freund Herzog immer neue Räuberpistolen über sein Leben, sein Werk und Klaus Kinski aus der Nase zieht.

Im Publikum sitzt auch der französische Hochseilartist Philippe Petit. Dessen Luftwanderung zwischen den Türmen des World Trade Centers 1974 ist Gegenstand des US-Dokumentarfilms "Man on Wire", der ebenfalls im Oscar-Rennen steht und nach Meinung vieler Kritiker die besten Siegesaussichten hat.

Die Oscars sind für Herzog denn auch eher eine Fußnote, wie er anschließend in seiner Garderobe erklärt. In einer Woche beginnt er schon mit den Dreharbeiten zu seinem neuen Spielfilm, da gebe es noch "Probleme mit der Besetzung", parallel soll sein letzter Streifen "Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans" mit Nicolas Cage in die Kinos kommen. Und dann hat er noch 320 Seiten seines Tagebuchs "Eroberung des Nutzlosen" durchzukorrigieren.

"Die Dringlichkeiten und die Dramen", murrt Herzog, "sind nicht am Sonntagnachmittag."

Zumindest für ihn nicht. Für andere aber steht schon einiges auf dem Spiel. Für Bernd Eichinger und Uli Edel zum Beispiel wäre dies ihr erster Oscar - und die Krönung einer Zusammenarbeit, die 1981 mit "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" begonnen hat.

Und für beide wäre das von tief persönlicher Natur: Mit "Baader Meinhof Komplex" haben sie ja auch private Lebensgeschichte verarbeitet. In seiner eigenen Vergangenheit zu recherchieren, sagt Eichinger, "das war ganz merkwürdig und manchmal auch schmerzhaft". Nach all dem Sperrfeuer aus Deutschland hätten sie nun wenigstens die Genugtuung, dafür allein mit einer Oscar-Nominierung geehrt worden zu sein: "Warum wohl? Weil sie ihn für einen guten Film halten!"

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