Hannah Pilarczyk

Deutscher Filmpreis 2017 Unter uns

Am Freitagabend wird in Berlin der Deutsche Filmpreis vergeben. Wofür der Preis steht, ist jedoch unklarer denn je - für eine europäische Perspektive auf Deutschland und das Kino jedenfalls nicht.
Pierre Niney und Paula Beer in "Frantz"

Pierre Niney und Paula Beer in "Frantz"

Foto: X-Verleih

Vielleicht haben Sie es mitbekommen: Der Verband der deutschen Automobilhersteller hat kürzlich wieder seine Nominierungen für die Autos des Jahres bekannt gegeben. Jedes der nominierten sechs Modelle erhält schon für die Nominierung 250.000 Euro. Knapp drei Millionen Euro Steuergelder werden insgesamt vergeben.

Unter die Kandidaten für das Auto des Jahres haben es 2017 diese Modelle geschafft: eines, das im In- und Ausland für seine ausgefeilte Technik und intuitive Bedienung gelobt wurde und diverse internationale Preise gewonnen hat; eines, das unter Experten als ingenieurstechnischer Totalausfall gilt; eines, das vor allem in Deutschland wegen seines risikofreudigen Designs gelobt wurde; eines, das nach einer Erfolgsvorlage weiterentwickelt wurde, letztlich aber hinter den erwarteten Verkaufszahlen zurückblieb; eines, das allen Standards der Branche genügte; und schließlich noch das meistverkaufte Auto des Jahres.

Drei Fragen werden Sie sich jetzt wohl stellen: Was bitte die Kriterien für diese willkürliche Auswahl sein sollen. Warum genau Steuergelder ausgegeben werden, wenn sich doch die Branche untereinander auszeichnet. Und warum Sie von diesem seltsamen Preis ehrlich gesagt doch noch nichts mitbekommen haben.

Deutscher Filmpreis für finnischen Boxerfilm?

Tatsächlich gibt es einen solchen Preis für das Auto des Jahres nicht, wohl aber den Deutschen Filmpreis - und darauf lässt sich das oben genannte ziemlich genau übertragen.

Der Deutsche Filmpreis, man muss es immer wieder betonen, ist die höchstdotierte Kulturauszeichnung des Landes. Die Seltsamkeiten des Deutschen Filmpreises - die undurchsichtigen Auswahlkriterien, die exorbitanten Dotierungen - sind seit Jahren bekannt und von Kritikerinnen und Kritikern immer wieder thematisiert worden. Doch geändert hat sich am Filmpreis nichts, im Gegenteil: Die Seltsamkeiten haben sich im vergangenen Jahr noch einmal potenziert.

Zum einen hat die Auswahl der sechs Kandidaten für den besten Film einen neuen Grad der Unnachvollziehbarkeit erreicht: Es braucht schon buchstäblich Kopflosigkeit, um "Toni Erdmann" neben die verhunzte Vergangenheitsbewältigungs-Farce "Die Blumen von gestern" neben das dystopische Beziehungsexperiment "Wild" neben "Tschick" neben das Spätabtreibungsdrama "24 Wochen" neben den Kassenschlager "Willkommen bei den Hartmanns" zu stellen.

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"Die Blumen von gestern": Extrem gestört

Foto: Piffl Medien

Dass mit besagter Kopflosigkeit ziemlich viele Steuergelder verteilt werden, hat zum anderen die Europäische Kommission auf den Plan gerufen. Es ist nämlich nicht die Regel: Nationale Auszeichnungen wie der französische César oder der britische Bafta sind undotiert. Die Europäische Kommission monierte, dass die Preisgelder nach den bestehenden Vergabekriterien einer europarechtlich unzulässigen Subvention gleich kämen und mahnte eine Öffnung für nicht-deutsche Produzenten und Regisseure an.

Deutscher Filmpreis für einen finnischen Boxerfilm oder ein rumänisches Korruptionsdrama - das mag zunächst albern klingen. Tatsächlich hat das europäische Kino finanziell aber längst die nationalstaatlichen Grenzen überwunden. Internationale Co-Produktionen sind Standard, und gerade die deutsche Kinobranche weist im Vorfeld großer Festivals wie Cannes immer wieder mit einigem Eifer daraufhin, in welchen internationalen Prestigeprojekten auch ein wenig deutsches Geld steckt.

Trotzdem hat sich die Deutsche Filmakademie als Ausrichterin des Filmpreises entschlossen, den Anforderungen der EU-Kommission zu genügen, durch eine Ergänzung ihrer Richtlinien europäische Filme de facto aber weiterhin auszuschließen: Als neues Kriterium für den Filmpreis 2017 ist eingeführt worden, dass die reguläre Kino-Erstauswertung, also der erste Kinostart, in Deutschland stattfinden muss.

Schuld trifft Lust

Die Erstauswertung in Deutschland lohnt sich aber nur für Filme, die hier auf nennenswerte Aufmerksamkeit und Besucherzahlen hoffen können. Da sich Deutschland kinomental gerade extrem abschottet und außer französischer Komödien kaum noch europäische Filme reinlässt, kommt eine Erstauswertung hierzulande praktisch nur für deutsche Filme infrage.

Die Folge der wirtschaftlichen Beschränkung aufs "rein" deutsche Kino ist auch eine kreative Horizontverknappung. Wie toll wäre es gewesen, wenn in diesem Jahr "Frantz" von François Ozon unter den Nominierten gewesen wäre. Die französisch-deutsche Co-Produktion hat überaus viele Gemeinsamkeiten mit "Die Blumen von gestern" von Chris Kraus, dem meistnominierten Film dieses Jahrgangs. Im Mittelpunkt beider Filme steht ein deutsch-französisches Paar, das die Geschichte ihrer Familien und ihrer Heimatländer verhandeln muss, das für sich einen Weg finden muss, wie es mit Schuld und wie es mit Lust umgehen will.

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Weltkriegsdrama "Frantz": Grenzenloses Glück

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Ozon spinnt aus dieser Konstellation heraus eine feinfühlige Geschichte übers Lügen und Vergeben, er führt die Nationalismen auf beiden Seiten vor, lässt die Eltern nach ihrer Schuld fragen und die Kinder ihre Art der Verantwortung übernehmen. Chris Kraus walzt dagegen historische und emotionale Nuancen mit Brachialhumor und mangelndem Handwerk platt. Während Paula Beer, die deutsche Hauptdarstellerin von "Frantz", in Frankreich durch den Film zum Star wurde, ist die gefeierte französische Schauspielerin Adèle Haenel in "Die Blumen von gestern" in ihrer bislang schlechtesten Rolle zu sehen.

Aber Filme wie "Frantz" müssen beim Deutschen Filmpreis draußen bleiben. Dass ein französischer Regisseur für seinen klugen Blick auf die deutsch-französische Geschichte mit einem deutschen Preis ausgezeichnet werden könnte: Es erscheint nicht umsetzbar. Dabei könnte man sich gerade in diesen Tagen, vor dieser Wahl doch kaum Schöneres, Wegweisenderes vorstellen.

Doch wie für so bedauerlich viele Menschen weltweit, gilt auch für das deutsche Kino, seine Macher genauso wie für seine Zuschauer: Wir bleiben lieber unter uns.


Der Deutsche Filmpreis wird am Freitagabend in Berlin vergeben. Das ZDF zeigt ab 22.50 Uhr eine Zusammenfassung der Gala.