Verleihung des Deutschen Filmpreises System TV gesprengt

Die ARD übertrug die Verleihung des Deutschen Filmpreises live aus einer leeren Halle - es war eine sympathisch ungelenke Gala. Bewegende Reden über den Zauber des Kinos inklusive.
Auf soziale Distanz bedacht: Laudatorin Iris Berben und Moderator Edin Hasanovic im ziemlich leeren TV-Studio

Auf soziale Distanz bedacht: Laudatorin Iris Berben und Moderator Edin Hasanovic im ziemlich leeren TV-Studio

Foto: Florian Liedel/ dpa

Ich danke meiner Mutter. Ohne sie wäre es mir unmöglich gewesen, diesen Bericht über die Verleihung des 70. Deutschen Filmpreises zu schreiben. Ich danke auch meiner Frau und den Kindern. Ich danke dem ganzen Team unserer Redaktion, das gerade einen unglaublichen Job macht. Und gern würde ich auch meiner Ernährungsberaterin danken, nur leider beschäftige ich keine. 

Der Freitagabend bietet eine schöne Gelegenheit, sich zweieinviertel Fernsehstunden lang probeweise in der Kunst der Danksagungsfloskeln zu üben, in der bei der diesjährigen Filmpreisverleihung der Schauspieler Albrecht Schuch zu besonders großer Form aufläuft.

Schuch ist auf der Leinwand ein stets hinreißend konzentrierter Darsteller. Im Film "Berlin Alexanderplatz" spielt er einen irrlichternden Kleingangster, dafür gewinnt er die "Lola" genannte Filmpreis-Trophäe als bester Nebendarsteller. Im Film "Systemsprenger" spielt er den von Zuneigung und Selbstzweifeln gebeutelten Betreuer eines sehr anstrengenden Kindes, dafür bekommt er die "Lola" als bester Hauptdarsteller.

Dem Moderator fehlt das Publikum

Zweimal wird Schuch also beim Filmpreis live aus seinem Zuhause zugeschaltet – und erweist sich dabei als herrlich konfuser Dankesredner. Ein bisschen erinnert er mich an den Regisseur Roberto Benigni, der sich mal bei der Entgegennahme seiner Oscar-Trophäe in Hollywood mit dem Satz bedankte: "Das muss ein furchtbarer Irrtum sein." Schuch sagt in seinem ersten Begeisterungsschwall: "Ich danke meiner Ernährungsberaterin."

Es ist eine merkwürdige Filmpreis-Zeremonie, die da am späten Freitagabend live aus einer großen und weitgehend menschenleeren Berliner Studiohalle übertragen wird. Wegen der Corona-Not tritt der als Moderator engagierte Schauspieler Edin Hasanovic ohne Publikum und mit nur wenigen Saalgästen auf. Zu Beginn zeigt Hasanovic einen wilden Solotanz. Dann streift er japsend durch den Raum, breitet elegant die Arme aus, plaudert mit einem Hund, strahlt und scherzt in die Kamera, dass der deutsche Film leider kein Geld für eine richtige Gala habe – und wirkt schon bei dieser lahmen Pointe sehr alleingelassen.

Die charmante Unverschämtheit, mit der Hasanovic sonst den Filou gibt, ist im zuschauerlosen Saal leider ein bisschen verschenkt. Der Moderator begreift seine Arbeit denn auch mehr und mehr als die eines Videojockeys, der so beiläufig, als jongliere er mit einer Fernbedienung, von einer Schalte zur nächsten überleitet. Der erste auf einem Bildschirm aufploppende Auswärtsgast ist Anke Engelke als Patin des Filmpreises für die beste Hauptdarstellerin. Die ist elf Jahre alt, spielt die Titelheldin in "Systemsprenger" und heißt Helena Zengel. Während die Siegerin in die Kamera winkt, hört man die verzerrten Jubelschreie von Zengels unsichtbaren Familienangehörigen.

Über den Mangel an Glamour muss man zum Glück nicht streiten

Es ruckelt und zuckelt in vielen Bildern, es knarzt auf vielen Toneinspielungen an diesem Fernsehabend, der das Kino feiern soll. Die meisten kritischen Berichte über die Verleihungszeremonien zum Deutschen Filmpreis liefen in den vergangenen Jahren ja auf den Vorwurf hinaus, es mangele der Gala an Glamour. Darüber muss man zum Glück diesmal gar nicht urteilen. Die Schraddel-Ästhetik der eingeblendeten Videobilder von Preispaten mit ihren Kurzansagen, von Kandidaten und Siegern ist erstaunlich homogen.

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Preisträger beim Deutschen Filmpreis 2020

Die Details der Chatbilder aber sind hochinteressant. Die Regisseurin Nora Fingscheidt zum Beispiel ist vor einer Hochhauskulisse im kanadischen Vancouver zu sehen. Sehr heiter blickt sie in eine Computerkamera, während die Bilder immer wieder malerisch verwischen und nur einzelne von Fingscheidts Sätzen ans Ohr der deutschen Zuschauer durchdringen. "Ohne mein Team wäre ich verloren", sagt sie.

Der zweite wichtige Beanstandungsgrund für Berichterstatter und Kritiker, die in den Vorjahren ihre Unzufriedenheit über die Gala zur Verleihung des Deutschen Filmpreises äußerten, waren die Entscheidungen der Akademiemitglieder. Die dürfen über die Preise in diversen Kategorien jeweils unter Nominierten abstimmen, die von einer Vorjury ausgewählt sind.

Triumph für die Regisseurin Nora Fingscheidt

Weil die Auswahl diesmal offenkundig sehr gut war, fällt auch dieser Grund zum Rummäkeln weitgehend weg. Dank Maryam Zaree etwa, die mit der autobiografischen Iran-Recherche "Born in Evin" den Preis für den besten Dokumentarfilm gewinnt - vor allem aber dank Nora Fingscheidt. Der 70. Deutsche Filmpreis wird zum Triumph ihres Films "Systemsprenger", der – sehr ungewöhnlich für ein deutsches Kinowerk – den Zuschauern das Denken und die Parteinahme für die Figuren selbst überlässt. Fingscheidts Sozialdrama gewinnt am Freitagabend außer dem Hauptpreis für den besten Film auch den für die beste Regie und für das beste Drehbuch, insgesamt sind es acht "Lolas" für "Systemsprenger"

Natürlich kann man am Freitag ein bisschen belustigt darüber staunen, dass ein teurer, bunter, grotesk harmloser Unterhaltungsfilm wie "Ich war noch niemals in New York" es mit mehreren Nominierungen in die Filmpreis-Endauswahl geschafft hat. Natürlich hatten sich manche Kinobegeisterte für Burhan Qurbanis zupackende Version von "Berlin Alexanderplatz" noch ein paar Preise mehr erhofft. Aber während der Gala im fast leeren Studioraum wird auch klar, dass das deutsche Kino derzeit ein paar grundsätzlichere Sorgen hat. Fast alle Kinos stehen wegen der Corona-Not leer, nahezu sämtliche Dreharbeiten sind unterbrochen, die Branche diskutiert über finstere Zukunftsaussichten. 

Im Studio scheint Iris Berben beinahe in Tränen auszubrechen wegen der Krise. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters sagt den Filmschaffenden ein paar aufmunternde Worte. Der Schauspieler Ulrich Matthes, als Präsident der deutschen Filmakademie Ausrichter der Preisverleihung, spricht mit strubbeligem Haar, frohgemutem Gesicht und feierlicher Stimme: "Vergesst die Kultur nicht!"

Berührend ist auch der Auftritt des Regisseurs Edgar Reitz, der auf einem Bildschirm aus einem Privatfestsaal eingespielt wird. Reitz, der Schöpfer der "Heimat"-Trilogie, ist 87 Jahre alt und erhält völlig zu Recht in diesem Jahr die Ehrenauszeichnung des Deutschen Filmpreises. Gemeinsam mit seiner Frau Salome Kammer schwenkt er Champagnergläser. "Das Kino ist ein Ort der Erinnerung", sagt er. "Wir werden es neu erfinden." 

Es ist die beste Dankesrede dieses Freitagabends.