Filmpreis Lola 2021 Das La La Land des deutschen Kinos

Die Gala zum Deutschen Filmpreis war leicht verkrampft auf Harmonie getrimmt. Zum Glück machte Doris Dörrie eine klare Ansage an Filmschaffende, die in Videokampagnen mit Coronaleugnern sympathisieren.
Stolze Gewinnerin einer Lola: Lorna Ishema

Stolze Gewinnerin einer Lola: Lorna Ishema

Foto: Britta Pedersen / dpa

Der Siegerfilm des Abends handelt von einer Welt, in der Menschen sich mit frigiden Robotern vergnügen und Gefühle als Störfall behandelt werden. Der Veranstaltungsort im Berliner Palais am Funkturm, in dem sich die bedeutenden Filmschaffenden des Landes versammelt hatten, war mehr als drei Stunden lang auf Gefrierschranktemperaturen heruntergekühlt. Trotzdem gab es ein paar herzerwärmende Momente zu erleben bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises am Freitagabend.

Der fröhlichste Jubel brach im Publikum nach der Preisverkündung für die beste Nebendarstellerin aus. Da spazierte sehr lässig die Schauspielerin Lorna Ishema, die 1989 in Uganda geboren wurde und in Hannover aufgewachsen ist, auf die Bühne und nahm die Lola-Statue für ihre Leistung im Kinofilm »Ivie wie Ivie« von Sarah Blaßkiewitz über die Identitätssuche zweier afrodeutscher Halbschwestern entgegen. Die Begeisterung der Zuschauerinnen und Zuschauer galt natürlich der stolzen Frau im Rampenlicht, zugleich aber feierten die Filmmenschen auch entschlossen sich selbst – dafür, dass im deutschen Filmgeschäft des Jahres 2021 endlich etwas deutlicher die Diversität jener Gesellschaft widergespiegelt wird, von der ein lebendiges Gegenwartskino erzählen sollte.

»Eure Leinwand ist zu weiß«

Es gibt viel lobenswerten Willen zu Aufgeschlossenheit und Fortschritt unter den Filmmenschen, das war die deutlichste Lektion dieser Gala. Zwei Frauen, die Regisseurin Maria Schrader und ihre Produzentin Lisa Blumenberg, wurden von den mehr als 2000 Mitgliedern der Deutschen Filmakademie mit den Hauptpreisen für den besten Film und die beste Regie bedacht – für ihre Komödie »Ich bin dein Mensch« über die Affäre einer einsamen Heldin (Maren Eggert) mit einem Robotermann. Ein vor der Zerstörung der Welt warnender Science-Fiction-Film, »Tides« von Tim Fehlbaum, bekam immerhin vier Lolas, unter anderem für das beste Szenenbild. Die Hamburger Rapperin Eunique, die Vorfahren in Trinidad und Ghana hat, sang: »Eure Leinwand ist zu weiß.« Und der wieselig-aufgekratzte Moderator Daniel Donskoy trat einmal im Kleid auf, trug ein Lied namens »We Are United« vor und behauptete: »Wir sind alle fluide Wesen.«

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Der Deutsche Filmpreis 2021 – die Bilder

Foto: Soeren Stache / dpa

Nach einem Jahr, in dem wegen der Pandemie die Kinos lange geschlossen waren, wurde am Freitagabend eindringlich und manchmal auch rührend die Lebendigkeit der »Kinonation« beschworen, von der Ulrich Matthes, derzeitiger Präsident der Deutschen Filmakademie, in seiner Begrüßungsrede sprach. »Wir sollten zusammenhalten, als Filmbranche und als Gesellschaft«, fand Matthes.

Er erinnerte daran, dass viele im Filmgeschäft arbeitende Menschen durch Shutdowns und andere Einschränkungen der Coronazeit »existenziell bedrohlich getroffen« worden seien und bedankte sich später überschwänglich bei der an seiner Seite auftretenden Kulturstaatsministerin Monika Grütters, weil sie finanzielle Hilfen für viele aus der Branche auf den Weg gebracht habe.

Angesichts der allseits beschworenen Corona-Entbehrungen wirkte es geradezu tröstlich, als Palina Rojinski und Elyas M'Barek sich gemeinsam mit ihrem Regisseur Simon Verhoeven für den von immerhin 1,3 Millionen Menschen besuchten Publikumshit des Kinojahres, die Komödie »Nightlife«, auszeichnen lassen durften – und Verhoeven gar nicht damit aufhören wollte, sich bei den Kinogängerinnen und Kinogängern fürs Filmgucken zu bedanken.

Ist also alles auf Harmonie getrimmt im La La Land des deutschen Filmwesens? Irgendwann musste an diesem Abend dann doch daran erinnert werden, dass einige in der Branche werkelnde Menschen sich in den vergangenen Monaten darin gefallen haben, mit seltsamen Mitteln gegen die Coronamaßnahmen der in Deutschland Regierenden zu agitieren.

Der Streit, den einige Schauspielerinnen und Schauspieler sowie weitere Filmschaffende mit Videoaktionen wie #allesdichtmachen (im April) und #allesaufdentisch (seit ein paar Tagen) ausgelöst haben, dreht sich nicht wirklich um das Recht auf Meinungsfreiheit. Filmschaffende müssen keineswegs zwingend Intelligenz in ihren Beruf mitbringen und sollten durchaus auch Blödsinn verbreiten dürfen. Das Nachdenken über die eigene moralische Verantwortung aber darf man ihnen nicht ersparen. Das machte die als Laudatorin auftretende Regisseurin Doris Dörrie am Freitagabend sehr schön deutlich. »Es muss nicht alles auf den Tisch«, sagte sie in Anspielung auf die jüngste Desinformationskampagne von Schauspielkräften wie Volker Bruch und Wotan Wilke Möhring. »Niemand hat ein Recht, ein Virus zu verbreiten.«

Applaus für einen kämpferischen Journalisten

Keinerlei Widerspruch und heftigen Applaus gab es für Dörries Ansage. Ein zweites politisches Statement und ein großer Augenblick dieses Filmpreises war es, als sich die Zuschauerinnen und Zuschauer für den kämpferischen Journalisten Can Dündar klatschend von ihren Sitzen erhoben. Dündar war als Preisredner für die Auszeichnung des besten Dokumentarfilms da, die zu Recht an Maria Speths »Herr Bachmann und seine Klasse« ging. Aber auf wirklich ergreifende Weise gefeiert wurde er für seinen Mut, die von der Regierung des türkischen Machthabers Recep Tayyip Erdoğan verantworteten Menschenrechtsverletzungen und Waffenlieferungsskandale anzuprangern.

Der schönste und natürlich ein bisschen absehbare emotionale Glanzmoment des Abends gehörte Senta Berger. Sie wolle keine Rede halten, sondern nur etwas sagen, verkündete sie auf der Bühne, als sie den Ehrenpreis der Filmakademie entgegennehmen sollte. Berger, die zuvor schon von Klaus Maria Brandauer als »Löwin« gepriesen worden war, sprach dann wirklich nur ein paar kluge Worte über ihre Anfänge, über Berlin und ihre Familie – und bewies allein mit der Wärme ihrer Stimme und dem Strahlen in ihrem Gesicht, dass im deutschen Kino Menschen arbeiten, deren Kunst jederzeit die Arbeit von noch so perfekt konstruierten Robotern übertrumpft.

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