Deutsches Kino auf dem Filmfest München Oh Mom

Der erste deutsche Netflix-Film, Neues vom "Oh Boy"-Regisseur: Das Filmfest München wartet mit großen Marken und Namen auf. Die halten aber nur selten, was sie versprechen.

Frederic Batier/ Studiocanal/ Filmfest München

Steif, verbissen und unglücklich steht Corinna Harfouch in der Gegend herum. Ganz so, als wäre sie die bildgewordene Essenz des deutschen Kinos auf dem Filmfest München. Voller Ehrgeiz, aber zerfressen von der Angst, sich zu blamieren, erzählt die Titelfigur in "Lara" (Kinostart: 7. November) viel über das, was im Argen liegt im deutschen Film.

Sieben Jahre nach seinem Überraschungserfolg "Oh Boy" wagt Jan-Ole Gerster eine Art filmische Re-Animation, die Wiederbelebung einer versteinerten Existenz: Lara ist eine Frau, die nur Härte und Haltung kennt, im Verlauf des Films aber lernen soll, Gefühle zu zeigen. Ihr Sohn (Tom Schilling) lebt den Traum, den sie sich selbst verkniffen hat: Er ist Konzertpianist und hat am Abend einen großen Auftritt - eine Gelegenheit zur Versöhnung.

Gerster nutzt für seinen zweiten Film das Image Harfouchs aus früheren Rollen (etwa der verkniffenen Matriarchin aus "Was bleibt"), blickt auf sie aber auch mit der aus "Oh Boy" bekannten melancholischen Ironie. Auch Lara stolpert wieder an einem einzigen Tag durch Berlin, nur koinzidiert der hier mit ihrem 60. Geburtstag.

Die starren Bilder betonen lakonisch Laras Entfremdung von der Gegenwart, zeugen aber gleichzeitig von einer hinterlistigen Versuchsanordnung: Lara hat von Anfang an keine Chance, sich nicht zu blamieren. Fortwährend schafft Gerster Situationen, in denen sie alt, deplatziert, zu ernst, abwesend oder aufdringlich, überfordert oder überfordernd wirkt. Die Witze gehen immer wieder auf ihre Kosten, als wäre der Film eine Rache am Bildungsbürgertum. Was auch als Selbstkritik verstanden werden könnte, denn der Film selbst verlässt nie die Codes des bildungsbürgerlichen Kinos.


Filmszene aus "Prélude"
Filmfest München

Filmszene aus "Prélude"

Gediegene, teils gar betuliche Filme aus Deutschland gibt es in diesem Jahr zuhauf in München zu sehen. In ihrem Langfilmdebüt "Prélude" (Start: 29. August) erzählt Sabrina Sarabi so etwas wie das lebensalterliche Gegenstück zu "Lara": die Geschichte eines jungen Pianisten, der keine Schutzmechanismen gegen Leistungsdruck hat. David ("Dark"-Star Louis Hofmann, Foto) will unbedingt reüssieren, dann kommt die Liebe dazu ("Babylon Berlin"-Star Liv Lisa Fries), und alles wird ihm zu viel. Sarabi inszeniert das melodramatisch, aber nie überbordend. Das Schauspiel steht im Vordergrund, nur wirkt alles kursorisch, sichtbar auf den dramatischen Effekt hin konzipiert, weshalb das Versprechen des Jungstar-Kinos unerfüllt bleibt und sich die Teile nicht zusammenfügen.


Filmszene aus "Was gewesen wäre"
Filmfest München

Filmszene aus "Was gewesen wäre"

Beim Regiedebüt von Florian Koerner von Gustorf, Produzent vieler Filme von Christian Petzold oder Angela Schanelec, ist das schon deswegen anders, weil er zwei Erzählstränge nebeneinander stellt, bei denen es um die wechselseitige Distanz geht. "Was gewesen wäre" (Start: 21. November) springt zwischen den Zeiten und den politischen Systemen, um eine deutsch-deutsche Geschichte zu erzählen, kurz vor dem Mauerfall und 25 Jahre später. Das Drehbuch stammt von Gregor Sander, der damit seinen eigenen Roman adaptiert hat.

Mit Leonard Kunz und Mercedes Müller (Foto) bzw. Christiane Paul und Ronald Zehrfeld in den Hauptrollen konzentriert sich "Was gewesen wäre" stark auf die Rekonstruktion von Historie durch die Gesichter von Schauspielern und bleibt - ähnlich wie "Prélude" - stets vorsichtig, wenn irgendwo ein Exzess an Gefühlen aufscheint. Dass die Vergangenheit aber just von jugendlicher Euphorie, Verliebtsein und existenziellen Fragen zeugen soll, produziert in den wenigsten Momenten die zu erwartende Spannung mit der reservierten Erzählhaltung. Die Nüchternheit und zurückhaltende Eleganz, die der Film ausstrahlt, wirken wie Konventionen, keine Notwendigkeiten.


Filmszene aus "Kidnapping Stella"
Filmfest München

Filmszene aus "Kidnapping Stella"

In dem ersten von Netflix angekauften deutschen Spielfilm "Kidnapping Stella" stellt Regisseur Thomas Sieben die Konventionen geradezu aus. Es ist das Remake des britischen Thrillers "The Disappearance of Alice Creed", ursprünglich von ProSieben produziert und ab dem 12. Juli als Stream verfügbar.

Für die deutsche Fassung wurde das Original in einigen wesentlichen Punkten verändert, wozu die fragwürdige Entscheidung gehört, den homosexuellen Subplot zu streichen, um ihn durch eine Schwangerschaft zu ersetzen. Die Biederkeit setzt sich auch im Look fort, der jede Form von Eigensinn vermissen lässt, und in der Arbeit mit den Hauptdarstellern Jella Haase (Foto), Max von der Groeben und Clemens Schick, die der Film lediglich als Typen nutzt. Das wirkt immer wieder sehr steif, nur nicht absichtlich wie bei "Lara", und kippt früher oder später ins unfreiwillig Komische.


Filmszene aus "Golden Twenties"
Filmfest München

Filmszene aus "Golden Twenties"

Wer nicht so genau hinschaut, könnte auch "Golden Twenties" (Start: 29. August) für einen steifen Film halten, dabei ist Sophie Kluges Debüt nur daran interessiert, einen Raum zu erkunden, in dem Bewegung keine Lösung sein muss. Die Regisseurin, Tochter von Filmdenker und Autor Alexander Kluge, ist so neugierig wie sonst niemand in diesem Münchner Jahrgang auf das, was sich vor der Kamera ereignet.

Sie erzählt von einer Tochter (Henriette Confurius, Foto), die nach dem Studium wieder in die Altbauwohnung ihrer Mutter (Inga Busch) einzieht. Sie beginnt eine Hospitanz am Theater, verliebt sich ein bisschen in einen Schauspieler (Max Krause) und schaut ansonsten in die Ferne. Die größeren Entscheidungen ihres Lebens scheinen alle noch auszustehen. Das dramatische Potenzial dieser Geschichte ist Kluge bewusst, aber ihr Zugang ist viel stärker an den Menschen orientiert, an ihren Regungen und Eigenarten, weswegen das riesige Ensemble in einer kleinen Szene nach der anderen beeindruckend zum Tragen kommt. In der Ruhe und im Mäandern liegt die Kraft dieses Films.


Filmszene aus "Mein Ende. Dein Anfang."
Filmfest München

Filmszene aus "Mein Ende. Dein Anfang."

Das komplette Gegenteil davon ist "Mein Ende. Dein Anfang." (Start: 28. November) von Mariko Minoguchi, die wie Kluge keine Filmschule besucht hat, aber dafür viel praktische Erfahrung als Produzentin und Drehbuchautorin gesammelt hat.

In München zeigt sie nun ihr fulminantes Spielfilmdebüt, ein selten intensives Kinoerlebnis, ständig in Bewegung, intim und nah dran, ohne Angst vor Pathos. Gleich am Anfang inszeniert Minoguchi einen Banküberfall und einen Todesfall, der die Hauptfigur (Saskia Rosendahl, Foto) ins Wanken bringt - und für einen kurzen Moment mag man verwundert innehalten, was doch alles in deutschen Filmen möglich ist, wenn dahinter ein unbedingter Erzählwille steckt.

Minoguchi hat das Drehbuch samt Zeitsprüngen und irren Koinzidenzen selbst verfasst, sie überhöht das Eigenartige und das Merkwürdige und lässt es zu einer romantischen Erzählung epischen Ausmaßes anwachsen. "Mein Ende. Dein Anfang." ist ein Werk, das sehr darauf vertraut, dass das Kino als Affektraum bespielt werden kann und es dafür Mechanismen gibt. Dass dieses Kalkül aufgeht, ist eine umso größere Überraschung - die wohl schönste in diesem Münchner Jahrgang.



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bhang 04.07.2019
1. Schon super gespannt
auf "Lara"...
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