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"Deutschstunde": Keifende Uniformträger, ohnmächtige Frauen

Foto: Wild Bunch
Hannah Pilarczyk

Deutsches Kino Bedeutungslose Bedeutsamkeit

Mit Christian Schwochows "Deutschstunde"-Verfilmung startet am 3. Oktober wieder staatsbürgerliches Erziehungskino. Wie so viele deutsche Filme hat er weder über die Vergangenheit noch über die Gegenwart etwas zu sagen.

Als letztes Exponat in der großen Emil-Nolde-Ausstellung , die vor zwei Wochen im Hamburger Bahnhof, Berlin, zu Ende ging, war ein Schwarz-Weiß-Foto zu sehen. Es zeigte den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt, wie er dem Fotografen den Rücken zukehrte und auf das Gemälde "Meer III" von Emil Nolde schaute.

Der engagierte Wehrmachtsoldat und der glühende Antisemit, auf unterschiedliche Weisen rehabilitiert und auf unterschiedlichen Wegen ins Kanzleramt gelangt: Das Foto ist um 1976 entstanden und hält auf einzigartige Weise fest, was damals, in den rund 30 seit dem Zweiten Weltkrieg vergangenen Jahren, an Aufarbeitung noch nicht geleistet worden war. Die Berliner Ausstellung zog den Zeitrahmen nochmals 45 Jahre weiter auf, bis in die Gegenwart, als Angela Merkel, gewissermaßen durch die in der Ausstellung versammelten Erkenntnisse genötigt, im April 2019 das letzte Bild von Nolde aus dem Kanzleramt entfernen ließ.

Im Video: Der Trailer zu "Deutschstunde"

Wild Bunch

Nun hat Christian Schwochow "Deutschstunde" verfilmt, Siegfried Lenz' großen Nolde-Verklärungsroman. Doch der Film erzählt nichts von 2019. Auch nicht von 1974 und auch nicht von 1968, als der Roman erschien und offenbar die Art von Vergangenheitsbewältigung darstellte, für die man in Westdeutschland gern Platz im Bücherregal machte.

Schwochows Film verkapselt sich vielmehr in einem Vakuum, das jede Anbindung an relevante zeithistorische Debatten unmöglich macht: Hier wird Lenz' Parabel auf falsch verstandene Pflichterfüllung so kontextlos heruntererzählt, mit den üblichen keifenden Uniformträgern (Ulrich Noethen mit dem Schauspielhackebeil) und ohnmächtigen Ehefrauen (Johanna Wokalek, wie immer historisch in die Weite schauend), dass der Film schon wieder etwas Akutes über die Gegenwart aussagt. Denn wie "Deutschstunde" misslingt, ist gerade typisch für den deutschen Film.

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"Deutschstunde": Keifende Uniformträger, ohnmächtige Frauen

Foto: Wild Bunch

Von schwindender Bedeutung und rückläufigen Besucherzahlen getrieben, stützt sich dieser immer öfter auf bekannte oder sogar schon verfilmte Stoffe. Von der "Deutschstunde" drehte Peter Beauvais schon 1971 seine Version. Der große Weihnachtsfilm 2019: Die Neuverfilmung von "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl".

90 Minuten "Wehret den Anfängen"

Ähnlich wie in Hollywood, wo unter dem Marketing-Schlachtwort der Pre-Awareness beständig Sequels, Reboots und Prequels in Auftrag gegeben werden, ist der kreative Ertrag dabei oftmals überschaubar - siehe die Neuverfilmung von "Das Tagebuch der Anne Frank".

Anders als im Ausland redet sich die hiesige Kinobranche das aber auch noch schön, weil es sich beim Wiederverfilmten oftmals um Geschichten aus dem Nationalsozialismus handelt und diese durch den aktuellen Rechtspopulismus scheinbar automatisch wieder relevant sein sollen. 90 Minuten "Wehret den Anfängen" sind die Folge, dabei ist hinlänglich ausdiskutiert, dass die Anfänge des Hitler-Regimes keine Entsprechung in der Gegenwart haben.

Cornelia Koppetsch  hat zum Beispiel in ihrem Buch "Die Gesellschaft des Zorns" herausgearbeitet, welchen Einfluss die Globalisierung und der Umgang der etablierten Parteien damit auf den Aufstieg von rechten und rechtsextremen Positionen gehabt haben. Das Buch war wochenlang auf den Bestsellerlisten, und Koppetsch' Thesen wurden breit diskutiert. Auch dieser intellektuellen Gegenwart verweigert sich das deutsche Kino, wenn es 1933 und 2019 umstandslos in eins setzt.

Dabei gibt es zeitgenössische Filme, die etwas übers Jetzt und übers Damals zu sagen haben und das mit originär filmischen Mitteln auszudrücken wissen. Am einen stilistischen Ende ist Jan Bonnys NSU-Fiktion "Wintermärchen", drastisches Körperkino, wie es in Deutschland nur alle paar Jahre gelingt; am anderen Ende ist Thomas Heises Doku-Epos "Heimat ist ein Raum aus Zeit", das neue Bilder für die grauenhafte Logistik des Holocausts findet, indem es die Kamera die Listen der deportierten Wiener Juden über 20 Minuten lang abfahren lässt und sich der Zeitpunkt, an dem die Namen von Heises Urgroßeltern auftauchen werden, unaufhaltsam nähert.

Vom Sozialismus abgeschreckt

Eindrücklichere Minuten gibt es in diesem Kinojahr kaum, weniger gesehene allerdings wohl auch nicht, denn Aufmerksamkeit und Kinosäle gehören in Deutschland eben Filmen wie "Deutschstunde", der in mehr als 120 Kinos starten wird (zum Vergleich: "Heimat ist ein Raum aus Zeit" in acht) - und dann auch noch am staatstragenden 3. Oktober. Eine mit "Werk ohne Autor", der 2018 am selben Feiertag ins Kino kam, begonnene Tradition scheint sich hier zu verfestigen: Etwas über sein Heimatland soll der Kinogänger in diesen Tagen erfahren.

Im Video: Der Trailer zu "Zwischen uns die Mauer"

Paramount Pictures

Dazu passt, dass gleichzeitig das DDR-Jugendliebedrama "Zwischen uns die Mauer" startet - auch das eine Buchadaption mit pädagogischem Impetus, allerdings von so schlichtem Zuschnitt, dass es fast schon anrührt. DDR wird hier mit einem Kameraschwenk über ein Ladenschaufenster erzählt: Eine Flasche Bier, eine Büchse Sardinen, ein Glas Rinderbrühe, dazu eine (!) Karotte und ein (!) Knollensellerie - so will man wohl die Generation Primark ein für alle Mal vom Sozialismus abschrecken.

Vermiesen wird man Jüngeren aber höchstens Kultur: Nach den Buchvorlagen von "Deutschstunde" und "Zwischen uns die Mauer" werden Schülerinnen und Schüler sicherlich nicht greifen, denn die Filmadaptionen strahlen die Überzeugung aus, dass die Bücher eben nicht für sich sprechen und von neuen Generationen entdeckt werden können. Einen noch größeren Bärendienst tut sich aber die Kinobranche selbst, wenn sie weiterhin solche Filme produziert. Denn was soll ein jüngeres Publikum im Kino entdecken, wenn die Filme selbst nicht wissen, was sie Neues zu erzählen haben?

Vielleicht ist "Deutschstunde" ja doch eine Lehrstunde - fürs deutsche Kino, auf dass es endlich wieder aus seiner Blase der bedeutungslosen Bedeutsamkeit herauskommt.

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