"Die Bourne Identität" Effizienz statt Effekt

Konzentration statt Explosion: Mit "Die Bourne-Identität" versucht Regisseur Doug Liman, erzählerisches Können ins Spektakel-fixierte Action- und Thrillergenre zurückzubringen.

Von Daniel Haas


"Die Bourne Identität", Darsteller Damon, Potente: Im Visier des Geheimdienstes
DDP

"Die Bourne Identität", Darsteller Damon, Potente: Im Visier des Geheimdienstes

Im Actionfilm herrscht Bombenstimmung. Zumindest wenn Regisseure wie Michael Bay ("Pearl Harbor") und Joel Schumacher ("Bad Company") am Werke sind. Die beiden Hollywood-Größen bewähren sich nicht nur als Sprengmeister von Dingen und Welten, zerlegt wird auch die gute alte Dramaturgie. Was übrig bleibt, ist oft nur noch die technisch versierte Verkoppelung von Effekten zum Spektakel. Erzählt wird, wenn überhaupt, nur noch am Rande.

Der US-Regisseur Doug Liman ("Swingers") hat mit der Adaption eines Robert-Ludlum-Thrillers dazu jetzt einen Kontrapunkt gesetzt: Spektakulär ist hier allenthalben der ökomonische Einsatz filmischer Mittel, um eine Geschichte spannend zu bebildern. In "Die Bourne-Identität" wird nicht eine ohnehin dünne Story zur losen Folge von Actionsequenzen fragmentiert - Limans Film präsentiert vielmehr eine fragmentierte Persönlichkeit in einem faszinierend präzise gearbeiteten Thriller.

Kinopaar Damon und Potente: Ideale Akteure
DPA

Kinopaar Damon und Potente: Ideale Akteure

Wer ist dieser Mann, der mit schweren Verletzungen, aber ohne Erinnerung vor der Küste Marseilles aus dem Wasser gefischt wird? Wieso ist ihm eine kleine Kapsel in den Körper implantiert, und was bedeutet der Zahlencode, den sie verbirgt? Er gehört zu einem Schließfach in der Schweiz, und dort findet der namenlose Fremde auch zahlreiche internationale Pässe, Schlüssel und eine Waffe. So beginnt die Wiederauferstehung von Jason Bourne (Matt Damon), einem Top-Agenten der CIA, der ein Attentat vermasselt hat.

Überrascht von seinen eigenen Fähigkeiten ermittelt Bourne in eigener Sache: Warum sind mehrere Killer hinter ihm her? Was war sein letzter Auftrag? Zu Hilfe kommt ihm Marie (Franka Potente), eine globetrottende Studentin. Erst als Komplizin, dann als Geliebte gerät sie ebenfalls ins Visier des Geheimdienstes. Es beginnt eine Jagd quer durch Europa und mitten ins Herz einer weitreichenden Intrige.

Schnörkellos erzählt "Die Bourne-Identität" die Geschichte einer Selbstfindung, an deren Ende keine Erlösung steht. Jäger wie Gejagte sind funktionale Größen in einem Zusammenhang, dessen Dynamik sie letztlich nicht überschauen, nicht kontrollieren können. Die Welt von Jason Bourne ist alles andere als der glamouröse Spielplatz der Meisterspione und Top-Agenten; getötet und gestorben wird hier nicht im Dienst einer guten Sache, sondern allein, ruhmlos und unter großen Schmerzen. Bournes Mission ist ein höchst zwiespältiges Projekt, denn Selbstbewahrung und -auslöschung fallen in ihm zusammen. Je mehr er seine Identität als hoch dotierter Auftragsmörder entdeckt, um so deutlicher wird, dass gerade sie ihn am Überleben hindert.

Darstellerin Potente: Kleine Gesten, fast beiläufig
DDP

Darstellerin Potente: Kleine Gesten, fast beiläufig

In Matt Damon und Franka Potente findet Limans Action-Drama ideale Akteure: Damon gibt seiner Figur mit einer fulminanten Mischung aus Präsenz und Verschlossenheit, Körperlichkeit und Understatement eine Tiefenschärfe, die die meisten Actionhelden vermissen lassen. Potente steht der Präzision ihres Starkollegen in nichts nach: Mit kleinen Gesten, fast beiläufig, entwirft sie einen komplexen, sich mit der Geschichte wandelnden Charakter.

In einer Szene erbricht sich Maria, überwältigt von der Grausamkeit des zu vor Gesehenen. Nur ein kurzer Moment, aber ein deutliches Indiz dafür, wie ernst Liman das Thema seines Filmes nimmt. Gewalt wird hier nicht als Schauwert eingesetzt, sondern als schmerzvolle Realität gezeigt; nicht zum sadistischen Selbstzweck degradiert, sondern als Bedingung einer konkreten Wirklichkeit verstanden, die Menschen fordert, überfordert - oder zerbricht.

"Die Bourne-Identität" ("The Bourne Identity"). Regie: Doug Liman. Buch: Tony Gilroy, William Blake Herron nach dem Roman von Robert Ludlum. Darsteller: Matt Damon, Franka Potente, Chris Cooper, Clive Owen, Brian Cox; Produktion: Hypnotic, The Kennedy/Marshall Company, Universal Pictures; Verleih: Universal Pictures; Länge: 118 Min.; Start: 26. September 2002

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