Churchill-Drama "Die dunkelste Stunde" Antifaschistisches Schmauchen

Ein Berserker gegen die finsteren Zeiten: In "Die dunkelste Stunde" brilliert Gary Oldman als Winston Churchill und gilt sogar als Oscar-Favorit. Der Rest ist wohlfeiles Erbauungskino.

Was einen großen Staatsmann ausmacht, bemisst sich nicht an Arbeitszeiten oder Konsumgewohnheiten. Donald Trump mag spät im Oval Office aufkreuzen und sich um 18.30 Uhr schon wieder mit Cheeseburgern in sein Fernsehzimmer verkrümeln, wie jüngst zu lesen war. Aber die Verweigerung protestantischer Pflicht- und Arbeitsethik allein macht ihn noch nicht zum "Moron".

Einer der größten Staatsmänner aller Zeiten, der britische Premier Winston Churchill, liebte teure Zigarren und Champagner - und war bekannt dafür, morgens nicht aus den Federn zu kommen. Und so zeigt auch "Die dunkelste Stunde", der jüngste in einer ganzen Reihe aktueller Filme über Churchill und seine Ära, den gewichtigen Politiker im Bett, während ihm zum morgendlichen Whisky ein "Full English Breakfast" serviert wird, fettglänzender Bacon und Blutwurst inklusive. Der Cheeseburger des britischen Mannes.

Wie Trump wechselte auch Churchill mehrfach die Partei, spielte mal für die Liberals, mal für die Tories; wie Trump galt auch Churchill in den aristokratischen Kreisen, zu denen er durchaus zählte, deren Lebensstil er sich aber nicht leisten konnte, als egomanischer, polternder Außenseiter. Hier hören die Gemeinsamkeiten in diesem bewusst infam aufgestellten Vergleich jedoch auf.

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"Die dunkelste Stunde": Britanniens Berserker

Foto: Universal Pictures

Denn "Die dunkelste Stunde", gedreht von Historienfilm-Experte Joe Wright ("Abbitte") nach einem aktuellen Buch von Bestseller-Autor Anthony McCarten, der auch das Drehbuch schrieb, ist sozusagen ein Anti-Trump-Film, eine erbauliche, zutiefst nostalgische Erinnerung daran, wie wichtig es war, in schwersten Zeiten einen verantwortungsvollen Staatslenker im Amt zu wissen, die sich mit Persönlichkeit und Überzeugung für die Nation und das höhere Gut engagieren. Er spielt zwischen Mai und Juni 1940, als England politisch darum ringt, einen demütigenden Frieden mit Hitler zu schließen oder in einen entbehrungsreichen Krieg zu ziehen.

"Blut, Plackerei, Schweiß und Tränen"

Der Film zeigt, wie sich Churchill in seinen ersten Wochen als Premierminister jedes Wort seiner später legendären "Blut, Plackerei, Schweiß und Tränen"-Rede mühsam abringt, zunächst vom unbedingten Widerstand überzeugt ist, dann zweifelt, sich quält - die Antithese zum schnellen, impulsiven Polit-Tweet von heute.

Am Ende gelingt es ihm, wie ein berühmtes Zitat aus jener Zeit lautet, "die englische Sprache zu mobilisieren" und politische Widersacher zu besiegen, um Großbritannien im Willen zu vereinen, gegen den deutschen Diktator zu bestehen. Es folgt die Aufkündigung der Appeasement-Politik von Churchills Vorgänger Chamberlain und die spektakuläre Zivilrettung Tausender am Strand von Dünkirchen festsitzender Soldaten über den Ärmelkanal - sowie vier Jahre später die Landung der Alliierten in der Normandie.

Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Und zwar eine besonders ermutigende. Denn sie erzählt von der Resilienz gegen die Antiaufklärung und das Böse. Der transatlantisch-solidarische Widerstand gegen den faschistischen und mörderischen Nazi-Schrecken ist die Urerzählung des modernen Westens. Sie ebnete den Weg für das geeinte, demokratische Europa von heute.

Je kriselnder und kränkelnder dieses Europa sich fast 80 Jahre später präsentiert, vom alliierten Übersee-Partner ganz zu schweigen, desto wichtiger scheint es, sich diese stärkende Story immer wieder zuzuführen. "Die dunkelste Stunde" ist nicht nur der dritte Churchill-Film binnen zwei Jahren, der große Grummelige spielte auch eine signifikante Rolle in der Netflix-Serie "The Crown".

"Operation Dynamo"

Wrights Film, der sich auf die politischen Ränkespiele in London konzentriert und größtenteils in stickigen Räumen mit taktischen Karten an der Wand spielt, ist außerdem ein Gegenstück zu Christopher Nolans Kriegsfilm "Dunkirk", der die dramatischen Szenen der von Churchill initiierten "Operation Dynamo" am Strand von Flandern effektvoll illustriert.

Auch Nolans Film, so schroff er auch wirkt, ist moralisches Erbauungskino, das jedoch zumindest sound- und bildästhetisch neue Wege beschreitet. Das einzig Spektakuläre an dem handwerklich kompetent, aber auch sehr bieder inszenierten Film "Die dunkelste Stunde" ist hingegen Hauptdarsteller Gary Oldman, der es schafft, diese längst zur Chiffre erstarrte Historienfigur kongenial mit Leben zu füllen. Keine leichte Aufgabe, nachdem sich in jüngster Zeit bereits Timothy Spall ("The King's Speech"), Brian Cox ("Churchill"), Michael Gambon ("Churchill's Secret") und John Lithgow ("The Crown") in der Rolle verausgabt haben.

Die dunkelste Stunde

GB 2017

Originaltitel: The Darkest Hour

Regie: Joe Wright

Drehbuch: Anthony McCarten

Darsteller: Gary Oldman, Ben Mendelsohn, Stephen Dillane, Kristin Scott Thomas, Lily James, Ronald Pickup

Produktion: Perfect World Pictures, Working Title

Verleih: Universal

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 6

Start: 18. Januar 2018

Obwohl er Churchill trotz aufwendiger Maske noch nicht einmal sonderlich ähnelt, erschafft Oldman einen eigenständigen, fühlbaren Charakter, dessen Marotten und Methoden nachspürbar werden. Es ist die Meisterleistung des sonst auf signifikante Nebenrollen spezialisierten britischen Schauspielers, der im März 60 wird. Den Golden Globe gewann er bereits, der Oscar könnte folgen.

Hinter diesem schmauchenden, schillernden Berserker wird alles andere zur blässlichen Kulisse, die politischen Konkurrenten aus dem konservativen Lager (Ronald Pickup als müder Chamberlain und Stephen Dillane als intriganter Viscount Halifax) genauso wie die privaten Stützen (Kristin Scott Thomas als Ehefrau Clemmie und "Cinderella" Lily James als Sekretärin Liz Layton). Einzig Ben Mendelsohn als King George VI, der sich nur zögerlich für Churchills Weg in den Krieg "at any cost" erwärmt, kann mit kühler Präzision gegen Oldmans saftige Burleske bestehen. Allerdings nicht lange.

Brexit

Dabei hätte es dem Film gutgetan, wenn Oldman weniger Raum bekommen hätte, am griffigen Mythos Churchill zu wirken. Denn einerseits spürt man den Willen von Autor und Regisseur, im Rückgriff auf Europas "dunkelste Stunde" auch etwas über den Brexit, aktuelle Autokratie-Tendenzen und die moralische Krise des Kontinents zu erzählen. Andererseits lässt gerade die Fokussierung auf Churchills (und Oldmans) Performance - und wahrscheinlich auch das Wissen darum, dass die Geschichte ihm Recht gab (zum Glück!) - eine kritischere Betrachtung dieses rhetorisch-populistisch hochbegabten Ausnahmepolitikers nicht zu.

Ambivalenz entsteht hier nur gänzlich ungewollt: Als Höhepunkt der Entschlossenheitsformung des Premiers dient eine - komplett erfundene - Szene in der Londoner U-Bahn auf dem Weg zu seiner Mobilisierungsansprache im Parlament, die ihn auf das einfache Volk treffen lässt. Arbeiter wie Bürger, Schwarze wie Weiße bestätigen glühend ihren Willen, sich gegen Hitler zu stellen - und bestätigen Churchill letztlich, das Richtige zu tun.

Das ist als dramatische Zuspitzung in einem fiktionalen Drama natürlich so legitim wie die rechtschaffene Intention dahinter: Es soll zu Zivilcourage in finsteren Zeiten inspirieren und für Wohlbehagen sorgen. Wenn bloß der schale Nachgeschmack von Wohlgefälligkeit und moralisierendem Kitsch nicht so störend wäre.

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