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Disneys "Die Eiskönigin 2" Girlpower mit Wespentaille

Der erfolgreichste Animationsfilm aller Zeiten wird fortgesetzt - und das Ergebnis ist noch besser als das Original. Sorry, liebe Eltern: Der Anna-und-Elsa-Wahnsinn ist noch längst nicht ausgestanden.

Anna und Elsa überall! Disneys Marketingmaschine läuft ohnehin erschreckend effizient, aber in Sachen "Die Eiskönigin" übertrifft sich der Konzern selbst. Eltern wissen ein Lied davon zu singen: Wer regelmäßig vor allem mit Mädchen zwischen zwei und zwölf Jahren zu tun hat, den verfolgen die Konterfeis von Anna und Elsa seit Jahren. Pullover, Puschen, Luftballons, Zahnpasta - es gibt kein Entkommen.

Aber nicht nur viele Eltern haben einen schwer bezähmbaren Widerwillen gegen die blonde Glubschaugenkönigin und ihre brünette Schwester entwickelt. Auch Kinder sind von den lieblichen Gesichtern genervt. Zumindest einige. Ein achtjähriges Mädchen, nennen wir es Testkind 1, hatte etwa kürzlich die Möglichkeit, die Pressevorführung der Fortsetzung "Die Eiskönigin 2" zu sehen. Vor allen anderen Kindern! Daraus entwickelte sich dieser kurze, aber heftige Wortwechsel:

Rezensent: Möchtest Du mitkommen in die Pressevorführung von "Die Eiskönigin 2" und den Film vor allen anderen Kindern sehen?

Testkind 1: Ist das der mit Anna und Elsa?

Rezensent: (ermunterndes Kopfnicken)

Testkind 1: Ich hasse Anna und Elsa! Die sind so sch...…!!

Rezensent: Hey, wir hatten doch ausgemacht, dieses Wort nicht zu benutzen!

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"Die Eiskönigin 2": Aufbruch ins Ungewisse

Foto: Disney

Der Rezensent ging also allein ins Kino, erfüllt von grimmigen Rachegelüsten und dem Vorsatz, es Anna und Elsa heimzuzahlen, und sei es nur mit einem gemeinen Text. Um den Saal zwei Stunden später verzaubert und beglückt zu verlassen. Denn was wahr ist, muss wahr bleiben, aller Marketingfolter zum Trotz: "Die Eisprinzessin 2" ist zwar ein weiteres Disney-Sequel nach den ungezählten Neuverfilmungen der vergangenen Jahre - aber originell, frisch, berührend, erhebend. Und dem ersten Teil in jeder Hinsicht überlegen.

Im Video: Der Trailer zu "Die Eiskönigin 2"

Walt Disney

Zwar führt er einerseits das fragwürdige Disney-Narrativ von in rosa und türkis gewandeten Prinzessinnen mit perfekt geflochtenen Zöpfen, riesigen Augen und Wespentaillen fort, ein doch recht fragwürdiges Vorbild für Mädchen. Gleichzeitig folgen Anna und Elsa aber einem Weg der Selbstermächtigung, und das in Teil zwei noch viel stärker als beim Vorgänger.

Disneys Versuch der Wahrhaftigkeit

"Die Eiskönigin 2" löst den Widerspruch nicht auf, zeigt aber, dass beides gehen kann: fantasievolles Family-Entertainment mit der einen oder anderen Kitsch-Breitseite; und hellwaches, hochmodernes Animationskino, das in andere Welten entführt, in denen sich dann wundersam verwandelt die Themen wiederfinden, vor denen Erwachsene und Kinder doch eigentlich fliehen wollten.

Nicht wundern also: Der zweite Teil befasst sich mit Klimawandel und Naturzerstörung, weiblicher Selbstbestimmung und politischer Niedertracht. Und bevor die Stimmung zu düster wird, kugelt der unfassbar liebenswerte Schneemann Olaf auf die Bühne, um die viel beschworene Disney-Magie zu verbreiten.

Überhaupt ist weniger der zeitgeistige Überbau so bemerkenswert als vielmehr die menschlichen Gefühlswelten, die das Regie- und Drehbuchteam aus Jennifer Lee und Chris Buck hier aufbauen. Tatsächlich darf man "Die Eiskönigin 2" als Disneys Versuch in Wahrhaftigkeit verstehen.


"Frozen 2"
USA 2019
Regie:
Chris Buck, Jennifer Lee
Drehbuch: Jennifer Lee
Produktion: Peter Del Vecho
Verleih: Disney
Länge: 103 Minuten
Start: 21. November 2019


Die Fortsetzung beginnt mit einer zunächst diffusen Angst vor Veränderung, die die Bewohner des Königreichs Arendelle umtreibt, vor allem Elsa. Sogar der mitreißendste der neuen Songs erzählt davon: "Into the Unknown", Aufbruch ins Ungewisse also. Klingt fast so, als würde ausgerechnet ein Disney-Schlager, der das Zeug hat, dem Charts-Überflieger "Let It Go" aus dem ersten Teil nachzufolgen, den verängstigten westlichen Gesellschaften den Puls fühlen.

Aus dem Abenteuer wird eine spirituelle Reise

Königin Elsa jedenfalls zieht es in den Wald. Natürlich nicht in irgendeinen, sondern in einen magischen, in dem ein geheimnisvolles Volk lebt, das früher mit dem Königreich Arendelle eng befreundet war. Ihr eigener Vater war als Junge Zeuge einer Zeremonie, bei der ein von beiden Völkern erbauter Staudamm eingeweiht werden sollte. Aber aus ungeklärten Gründen kam es plötzlich zum Kampf, und seitdem hüllt ein geheimnisvoller Nebel den gesamten Wald ein.

Elsa ist entschlossen, das Geheimnis zu lüften, von dem sie spürt, dass es eng verbunden ist mit ihrer eigenen Familiengeschichte und mit der Zukunft von Arendelle. Begleitet wird sie von Anna und ihrem Freund Kristoff, der verzweifelt nach dem richtigen Zeitpunkt für einen Heiratsantrag sucht. Das neue Abenteuer lässt ihm dazu allerdings erst mal keine Gelegenheit, denn die vier Elemente Luft, Feuer, Erde und Wasser spielen bald völlig verrückt, und es geht um Elsas Leben.

"Die Eiskönigin 2" erzählt mit entwaffnender Dramatik von einer übermächtigen Natur und von übermächtigen Gefühlen, und die Ernsthaftigkeit, die trotz aller leichteren Töne daraus spricht, macht aus dem Abenteuer eine echte spirituelle Reise. "Nur ein Schritt, nur der nächste Atemzug", so singt Anna, helfen gegen die Angst. Eine so ernsthaft und echt formulierte Botschaft hat man von Disney lange nicht gehört. Umso willkommener ist das Happy End, das natürlich auch hier nicht fehlen darf.

Testkind 1 will trotzdem weiterhin nichts von Prinzessinnen wissen. Gut zu wissen, dass Disneys Marketingmaschine doch nicht allmächtig ist.