Berlinale-Hit "Die Erbinnen" Befreit von der Vergangenheit

Coming-of-Age-Geschichte einer 60-Jährigen: In "Die Erbinnen" erweisen sich Schicksalsschläge als unverhoffte Brücke in ein neues Leben.

Grandfilm

Wie ein Gespenst wandelt Chela durch das dunkle Haus, irgendwo in Paraguay: heimlich und scheu, ins weiße Nachtgewand gekleidet, schlurfend und voller Lebensunlust. Nur selten dringt Licht in die Zimmer, es fällt schwer, die Dimension dieses Ortes zu ermessen, seine Bewohner bewegen sich blind. Es gibt einen Esssaal, in dem wertvolle Hölzer stehen, kostbares Geschirr und Besteck. Das ist der mehr oder weniger öffentliche Bereich des Hauses, in dem mittlerweile verstärkt Menschen verkehren.

Der Grund ist kein schöner: Vieles, was in dem Raum an Wertvollem steht, steht auch zum Verkauf. Denn Chela (Ana Brun), die hier geboren ist und schon seit Jahrzehnten mit ihrer Partnerin Chiquita lebt, entäußert nach und nach ihren Besitz, weil den beiden Frauen das Geld ausgegangen ist. Chiquita (Margarita Irun) ist sogar derart überschuldet, dass sie ins Gefängnis muss. Im Verborgenen, im Dunklen spielt sich ein kleines Drama ab.

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"Die Erbinnen": Ein Leben nimmt Fahrt auf

Regisseur Marcelo Martinessi, dessen Debütfilm "Die Erbinnen" ("Las herederas" im Original) ist, bezeichnet seine Erzählung auch als "Coming-of-Age-Geschichte einer 60-Jährigen". Womit auch klar wird, dass man es nicht nur mit der Darstellung eines Abgesangs zu tun hat, sondern auch mit einer Art Niedergang, der ebenfalls dies ist: eine Befreiung.

Eine Befreiung, die einsetzen kann, wenn man das Alte hinter sich lässt. Denn wer sagt, dass ein Erbe immer etwas Erfreuliches ist? Es ist zugleich auch Last. Alte Möbel in einem alten Haus etwa, die auch für das moralisch veraltete Paraguay stehen können, dem Land Südamerikas, in dem sich die Menschen zwar als die glücklichsten des gesamten Kontinents bezeichnen, das aber auch aufgrund seiner besonders konservativen Strukturen auffällt.

Paraguay zählt zu den Staaten, die sich bisher am wenigsten aus ihrer Verstrickung zwischen Staats- und Parteiapparat herausbewegt haben. Immerhin: Als es im vergangenen Jahr Versuche der regierenden rechtskonservativen Partei Partido Colorado gab, entgegen der eigenen Verfassung die Amtszeit von Präsident Horacio Cartes zu verlängern, kam es zu Protesten, die zwischen März und April 2017 in Unruhen in der Hauptstadt Asunción mündeten. Paraguays neuer Präsident, Mario Abdo Benítez, empfängt Anfang Dezember derweil den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der sich bekanntlich besonders gut auf einen flexiblen Umgang mit Verfassungen versteht.


"Die Erbinnen"
Originaltitel: "Las herederas"

Paraguay, Deutschland et al. 2018
Buch und Regie:
Marcelo Martinessi
Darsteller: Ana Brun, Margarita Irun, Ana Ivanova, Nilda Gonzalez, María Martins, Alicia Guerra
Produktion: La Babosa Cine, Pandora Filmproduktion et al.
Verleih: Grandfilm
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 0 Jahren
Start: 28. November 2018


Eine Beziehung, wie sie Chela und Chiquita führen, wäre jedenfalls allen ein Dorn im Auge. Homosexualität ist in Paraguay tabuisiert. Und auch die Frauen im Film achten tunlichst darauf, dass niemand von ihrer Lebensweise Wind bekommt.

So lassen sich vielleicht einige bemerkenswerte Parallelen erklären, die Martinessis Regiearbeit mit jenen etwa iranischer oder auch russischer Filmemacher verbindet, auch wenn hier wiederum andere politische Vorzeichen wirken: die Dominanz von Aufnahmen in Häusern und Wohnungen sowie in Autos.

Tatsächlich wird das Fahrzeug für Chela nach Chiquitas Inhaftierung zum Ausdruck einer neuen Unabhängigkeit. Die, die nie arbeiten musste und sich mehr gelangweilt denn inspiriert vor einer winzigen Leinwand fläzte, verdient sich plötzlich selbstständig ein paar Guaraní hinzu, indem sie ältere Damen herumkutschiert.

Und wie es so häufig ist, wenn man seine eigenen, lähmenden Gewohnheiten überkommt, strömt das Leben wieder in einen. Für Chela nähert es sich in Form der attraktiven Angy (Ana Ivanova), die Chela erstmal erklärt, wie man an einer Zigarette zieht. Außerdem macht sie ihr Komplimente und nennt sie "Poupée", Puppe. Wasser auf trocken gewordener Erde. Zwischen Chela und Chiquita war in Sachen Leidenschaft längst nichts mehr los.

Marcelo Martinessi sagt, er habe sich schon immer von den Filmen Fassbinders, Cassavetes und Todd Haynes angezogen gefühlt; Regisseure, die Frauen in den Hauptrollen besetzten und mit ihnen, auch dank ihnen, Filmgeschichte schrieben. Ana Brun konnte am Ende der diesjährigen Berlinale schon einmal einen Silbernen Bären als beste Darstellerin mit nach Hause nehmen. Von einem müden Gespenst war da nichts mehr zu erkennen.



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