"Die Geisha" Aschenputtel im Kimono

Hat der Hollywood-Regisseur Rob Marshall Japan mit "Die Geisha" in einen kitschigen Vergnügungspark verwandelt? In jedem Fall. Ist die groß besetzte Liebes- und Leidensmär dennoch einen Kinobesuch wert? Olaf Schneekloth findet schon.

Sie heißt Chiyo, doch man könnte sie auch Aschenputtel nennen. Rob Marshalls Bestsellerverfilmung "Die Geisha" erzählt das Märchen vom Schmuddelkind, das sich in eine Prinzessin verwandelt, als japanische Variante. Die Neunjährige muss in einem Geisha-Haus in Gion, an das sie ihr Vater Ende der zwanziger Jahre verscherbelt, die Drecksarbeit machen. Besitzerin des Ladens ist die strenge "Mutter" (ob ihr Vorname Puff oder Stief lautet, bleibt offen). Deren Vorzeige-Girl, Hatsumomo (Gong Li), besitzt neben Starallüren ganz klare Stiefschwester-Qualitäten: Sie drangsaliert, erniedrigt und quält Chiyo, wo sie kann. Einerseits aus purer Bosheit, andererseits weil sie Konkurrenz wittert. Zu Recht, wie sich bald zeigt.

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"Die Geisha": Skandalfilm mit Folgen

Foto: Warner Bros.

Chiyos Schwester hat es allerdings noch schlimmer getroffen: Sie landet im Bordell, womit der Film gleich zu Beginn verdeutlicht, dass Geishas keine Prostituierten sind - jedenfalls lassen sie sich nicht zu billigem Sex hinreißen. Chiyos Jungfernschaft wird zwar im weiteren Verlauf für den höchsten Preis an den Mann gebracht, der je in Gion erzielt wurde. Doch eigentlich hat eine Geisha nur die Aufgabe, reichen Männern mit Konversation, Schönheit, Gesang und Tanz die Zeit zu vertreiben, sagt beispielsweise Mineko Iwasaki, auf deren Erinnerungen die Geschichte basiert. Darum hat sie den Autor der Romanvorlage von 1997, Arthur Golden, verklagt. Sie fühlte sich entehrt, da die Entjungerungspassage eine Lüge sei; ihren Berufsstand sah sie als Edelnutten verunglimpft. 2003 einigten sich beide Parteien außergerichtlich auf Zahlung einer Entschädigung in unbekannter Höhe.

Der Film entfachte eine ganz andere Kontroverse: Den Machern warf man von asiatischer Seite vor, dass die drei weiblichen Hauptrollen nicht mit japanischen Schauspielerinnen besetzt wurden. Ziyi Zhang und Gong Li sind Chinesinnen, die chinesisch-stämmige Michelle Yeoh kommt aus Malaysia.

Sieht man sich das Ergebnis an, wirkt die Kritik allerdings unangebracht aus zweierlei Gründen: Erstens blickt das Melodram ohnehin durch die schönfärberische Hollywood-Brille und mit rein westlich orientiertem Auge auf die Welt, die es präsentiert. In diesem Fall bedeutet das: Japan als Vergnügungspark-Attraktion, in der jede Viertelstunde eine herausgeputzte Folklore-Gruppe an traditionellen Ritualen teilhaben lässt. Da kann einem die Nationalität der Darsteller letztlich egal sein.

Zweitens spielen bei einem 85-Millionen-Dollar-Projekt wie diesem vorrangig marktstrategische Gründe die größte Rolle, wenn es um die Besetzung geht. Und wer wollte ernsthaft die weltweite Starpower - in West wie Fernost - der hochtalentierten Zhang ("Tiger & Dragon", "2046"), Li ("Rote Laterne") und Yeoh ("Tiger & Dragon", "Der Morgen stirbt nie") bezweifeln? Im Gegenteil: Das Trio ist ein triftiger Grund, sich die 145-minütige Edelschnulze anzusehen.

Einen Zeitraum von etwa zwanzig Jahren lässt die alte Geisha in ihrer Erinnerung Revue passieren, ein Prinz kommt auch drin vor. Er heißt schlicht "der Vorsitzende" (Ken Watanabe aus "Last Samurai") und schenkt Chiyo, wie sie so traurig auf einer Brücke steht, ein Eis. Damals konnten junge Mädchen noch gefahrlos Süßigkeiten von erwachsenen Männern annehmen. Fortan trägt sie den "Vorsitzenden" tief in ihrem Herzen, hat er ihr mit seiner Güte doch gezeigt, dass es ein Leben neben dem Schrubben von Steinfußböden und dem Sortieren von Sandalen gibt.

Er ist es auch, durch den die Top-Geisha von Kyoto, Mameha (Michelle Yeoh), auf sie aufmerksam wird. Mameha erkennt, dass das Mädchen eine unerlernbare Qualität besitzt: Ausstrahlung. Sie nimmt die mittlerweile 15-Jährige bei sich auf, gibt ihr den Namen Sayuri (Ziyi Zhang), und beginnt mit der Ausbildung: in welchem Winkel man wann den Fächer halten muss; wie man sich kniet, setzt und legt, einen Kimono trägt, durchs simple Enthüllen des Handgelenks kommuniziert und mit einem einzigen Blick die Aufmerksamkeit eines Mannes auf sich zieht. Schließlich soll Sayuri eines Tages Mamehas ärgster Konkurrentin den Rang abtrippeln. Es ist, man ahnt es bereits, die garstige Hatsumomo.

Es hat in den letzten Jahren nur wenige Filme gegeben, die so erlesen fotografiert waren wie diese Kimono-Party nach Goldens Millionenseller. Anfangs wollte Steven Spielberg Regie führen, doch schließlich machte der oscarprämierte Rob Marshall das Rennen. Ähnlich opulent wie sein Musical "Chicago" gestaltete er auch diesen Film; der Unterhaltungswert ist allerdings deutlich geringer.

Natürlich gibt es bewegende und mitreißende Momente wie Sayuris erste öffentliche Tanzdarbietung (ihr Gesellenstück sozusagen) und den finalen Kampf zwischen ihr und Hatsumomo. Darüber hinaus ist jedes Bild kunstvoll komponiert, jeder Lichtakzent und jedes Schattenspiel so subtil gestaltet, dass man nur staunen kann.

Doch dieser Wille zur Vollkommenheit, also genau das, womit eine Geisha Herzen öffnet, lässt über weite Strecken unberührt. Dafür wirkt das Drama zu distanziert, emotionslos und kühl. Es gleicht dem Eis, dass der "Vorsitzende" der kleinen Chiyo schenkt: oberflächlich betrachtet eine bunte Köstlichkeit, doch hat man den knallroten Sirup ausgesogen, der darüber geträufelt wurde, entpuppt es sich als schnöder Wasserklumpen.





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