"Die Königin der Verdammten" Sex, Blut und Rock'n'Roll

Durch den tragischen Tod der jungen R&B-Sängerin Aaliyah, die in "Die Königin der Verdammten" die Titelrolle spielt, erhielt die zweite Verfilmung eines Romans von Anne Rice enorme Publicity. Verdient hat der fade Vampirhorror dies jedoch nicht.
Von Oliver Hüttmann

Die medialen Multiplikatoren unserer Zeit schaffen Untote am laufenden Band, als leibhaftige Wiederkehr ewig gleicher Klischees oder in memoriam als Konserve. Die Musikclips der R&B-Sängerin Aaliyah, die im vergangenen Sommer bei einem Flugzeugabsturz starb, sind derzeit auf MTV und Viva präsenter als zu ihren Lebzeiten. Ein Grund dafür ist auch der Kinofilm "Die Königin der Verdammten", in dem die Afroamerikanerin die Titelrolle als wieder auferstandene Mutter aller Vampire spielt. Allein dieser Umstand wiederum bescherte dem Werk, das vor Aaliyahs Tod nur als Video-Veröffentlichung geplant war, in Amerika am Startwochenende ein beachtliches Einspielergebnis von 15,2 Millionen Dollar.

"Die Königin der Verdammten" wird vom Verleih positioniert als Sequel zu "Interview mit einem Vampir", da beide auf literarischen Vorlagen der Schriftstellerin Anne Rice basieren. Ansonsten aber hat der modernistische Horrorthriller des Australiers Michael Rymer gar nichts gemein mit Neil Jordans opulentem Vampirepos von 1994, in dem Tom Cruise als dekadenter Schmarotzer Lestat mit seinem melancholischen, widerwilligen Zögling Brad Pitt durchs 18. Jahrhundert flaniert. Rice, die bereits bei der ersten Kino-Adaption über Besetzung und Umsetzung zeterte, schimpfte nun noch heftiger. Da "läuft einiges schief", meinte die Autorin schon im Vorfeld der Produktion und beklagte, nicht beim Entwurf des Drehbuchs konsultiert worden zu sein. Angeblich hat es auch eine Klausel gegeben, nach der die Filmrechte an Rice zurückgefallen wären, hätten die Dreharbeiten nicht bis Ende 2000 begonnen.

Missverständnisse und Probleme lasten auf der "Königin der Verdammten" wie ein Fluch. Die Fans der Schriftstellerin empörte, dass nach "Interview mit einem Vampir" nun der dritte Band ihrer "Chronik der Vampire" verfilmt werden sollte. Die Produzenten hatten sich von "Der Fürst der Finsternis" nicht genug Action versprochen. Um allerdings die Hauptfigur Lestat nicht zu vernachlässigen, sind trotzdem etliche Motive des zweiten Teils eingeflossen. Und so nimmt der junge Ire Stuart Townsend als Lestat, der in der Gegenwart erwacht und als Rocksänger im populären Genre des Gruft-Metals ein heimeliges Medium findet, doch den meisten Platz ein ­ während Aaliyah als 6000 Jahre alte ägyptische Blaublüterin Akasha erst nach mehr als einer Stunde auftaucht und eigentlich nur für Erotik, Blut und sonstigen Budenzauber sorgen muss.

Sex, Blut und Rock'n'Roll ­ diese Formel hätte eigentlich aufgehen müssen. Der Rockstar an sich ist schließlich auch eine mythische Spezies, die vorrangig im Dunkeln auflebt. Unter dem Etikett Nu-Metal, aber auch in Gestalt von Marilyn Manson oder deutscher Dunkelrocker wie Rammstein feiert die Zelebrierung der Finsternis, des Fegefeuers und fahlen Sex-Appeals seit einigen Jahren schon eine weltumspannende Wiedergeburt. Jonathan Davis, Sänger bei der Brachialband Korn, hat die Songs für Lestats Gothic-Kapelle geschrieben und leiht ihm auf der Bühne auch seine morbide röchelnde Stimme.

Wie eine Kreuzung des britischen Glam-Rockers Marc Bolan und Ville Valo von der finnischen Gruft-Gruppe Him bewegt Townsend sich dazu in Leder und Latex mit androgyner Geschmeidigkeit und Gefährlichkeit. Dass urbane Vampire in Nachtclubs zu Techno abtanzen, ist allerdings aus "Blade" geklaut.

Auch wenn Lestat sich jeden Abend von seinem Manager zwei blutjunge Groupies zuführen lässt (und das Wort "suck" eine doppelte Bedeutung erhält), alle Insignien des Undergrounds, Sadomasochismus und Fetischismus gestreift werden ­ in eine schwüle und orgiastische Welt der Rockrituale führt der Film nicht. Auch die Konzert-Sequenzen dürfte die angepeilte Klientel der Musiksender nur wenig faszinieren.

Blutarm verläuft zudem über lange Strecken die Handlung. Als Akasha am Ende einem Vampir das pochende, dampfende Herz herausreißt, wirkt das kindisch wie ein trashiger Kirmestrick. Die inzwischen zur Pop-Ikone stilisierte Aaliyah ist in dem Film wirklich sehr süß ­ aber als gefräßiges, nach der Herrschaft des Bösen trachtendes Weib ist sie offensichtlich fehlbesetzt und sieht mit ihren lasziven Bewegungen aus wie eine Gummiente unter Haifischen. Die Spezialeffekte verpuffen dazu meist wie eine Wunderkerze in einem feuchten Sarkophag.

Doch nicht nur an Kaliber mangelt es Rymers Streifen, auch an Substanz und Spannungsbögen. Der konfuse Plot eiert zwischen Rückblicken auf Lestats Wandlung zum Vampir, dem Kampf mit rivalisierenden Vampiren, der jungen Historikerin Jesse (Marguerite Moreau), die in Lestats Rocklyrik uralte Hinweise auf den Vampirkult entdeckt, und einem dunklen Geheimnis ihrer Tante Maharet (Lena Olin). Dazwischen streut Rymer kurz kunstlose Martial Arts und etwas Ironie.

Am sehenswertesten ist noch Vincent Pérez als Lestats öliger und süffisanter Mentor Marius. Perez hatte mal in "The Crow II" die Rolle von Brandon Lee übernommen, der beim Dreh des ersten Teils von einer falsch präparierten Pistolenkugel getötet worden war. Dadurch erhielt auch "The Crow" immense Publicity. "Die Königin der Verdammten" aber ist schon nach fünf Wochen mit nur 30 Millionen Dollar Umsatz auf Platz 47 der US-Kinocharts abgestürzt. Da unten herrscht Grabesstille.

"Die Königin der Verdammten" ("Queen Of The Damned"). USA/AUS 2001. Regie: Michael Rymer; Drehbuch: Scott Abbott, Michael Petroni; Darsteller: Stuart Townsend, Aaliyah, Lena Olin, Marguerite Moreau, Vincent Pérez, Claudia Black; Produktion: Village Roadshow Pictures, NPV Entertainment, Material Productions; Verleih: Warner Bros.; Länge: 105 Minuten; Start: 4. April 2002

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