"Die Monster AG" Mehr als schnöde Schrecklust

Monströs lustig: "Die Monster AG", der neue Animationsfilm aus Disneys Digitalschmiede Pixar ist nicht nur hochgradig rasant und amüsant - man kann ihn sogar interpretieren.

Von Wiebke Brauer


Giftige Kinder: Monsterheld Sulley gerät in Bedrängnis
Buena Vista

Giftige Kinder: Monsterheld Sulley gerät in Bedrängnis

Das Monster an sich kauert unter dem Bett und ruft im geeigneten Moment: "Buh". Falsch. Es sitzt im Schrank? Schon besser. Genaugenommen lauern die gräuslichen Ungeheuer aber nicht aus schnöder Schrecklust, sondern aus reinen Erwerbsgründen hinter den Schranktüren. Das lehrt uns der Film "Die Monster AG", der endlich mit allen schaurigen Ammenmärchen aufräumt und einleuchtende Erklärungen für all das gibt, was bisher in den dunklen Ecken des Kinderzimmers verborgen lag. Außerdem erfahren wir, dass Monster im Grunde ganz reizende Geschöpfe sind, die ebenso wie wir hart arbeiten, um sich ihr täglich Brot zu verdienen.

Hinter dem nächtlichen Grusel steckt nämlich eine gewaltige Industrie: Die "Monster AG" ist eine Fabrik, die aus Kinder-Schreien Strom für die Stadt Monstropolis erzeugt. Je lauter der Schrei ertönt, desto mehr Energie wird gewonnen. In diesem straff organisierten Großkonzern arbeitet ein besonders erfolgreiches Trauma-Team: James P. Sullivan, genannt Sulley, ist ein circa 2,40 Meter großes und grün-blau plüschiges Monster, das im Grunde seines monströsen Herzens natürlich so liebenswert ist wie Kermit und Bibo zusammen. Sein Assistent Mike Glotzkowski ist klein, quietschgrün und haarlos, aber dafür mit einer großen Klappe und einem einzigen, riesigen Auge ausgestattet.

Was glotzt du? Der mickrige Zyklop Mike Glotzkowski wird von Ilja Richter gesprochen
Buena Vista

Was glotzt du? Der mickrige Zyklop Mike Glotzkowski wird von Ilja Richter gesprochen

Die beiden machen einen gefährlichen Job: Tag für Tag gilt es, Türen aufzureißen, die jeweils dahinter befindlichen, schlummernden Kinder anzubrüllen und deren in Energie umgewandeltes Krakeelen in Druckbehälter abzufüllen. Doch damit nicht genug: Erstens sind die Nachkommen der medial abgestumpften Menschen heutzutage nicht mehr so leicht zu schocken - das ist nicht gut für das Geschäft. Zweitens ist es eine altbekannte Tatsache, dass Kinder über die Maßen giftig sind. Zumindest für Monster...

Es kommt, wie es kommen muss: Eines Nachts ertappt Sulley seinen Kollegen Randall bei unerlaubten Sonderschichten, mit denen der Unsympath seine Grusel-Erfolgsquote erhöhen will. Im nun folgenden Chaos entwischt versehentlich ein Menschenkind in die Monsterwelt. Nun muss die überaus entzückende "Buh", wie Sulley sie tauft, schleunigst in ihre Welt zurückgebracht werden, bevor das martialische Kinderbekämpfungskommando Wind von dem lebensbedrohenden Eindringling bekommt. Während dieser Odyssee entspannen sich zwischen Monster und Mädchen zarte Bande - Zeit für Gefühle.

Entzückend: Das Mädchen Buh bringt die Monsterwelt durcheinander
Buena Vista

Entzückend: Das Mädchen Buh bringt die Monsterwelt durcheinander

Das klingt kitschig, ist es auch, macht aber trotzdem Spaß. Gewohnt detail- und charakterverliebt hat die Firma Pixar nach ihren Erfolgen mit "Toy Story" und "Das große Krabbeln" nun einen Streifen aus dem Rechner gezaubert, der weitaus mehr bietet als bare Duselei. Neu sind bei der "Monster AG" vor allem die Action-Sequenzen - die rasante Verfolgungsjagd durch die Fabrik ist ein digitales Wunderwerk, das sich real kaum umsetzen ließe: Sulley jagt seinen miesen Monster-Gegenspieler Randall durch die kathedralengroße Türen-Lagerhalle. Da schwirren Türen jeglicher Couleur an Förderbändern durch die Lüfte, hinter jedem Türblatt verbirgt sich ein anderes Kinderzimmer, die Monster springen turbulent von Ebene zu Ebene. Nach dieser Szene ist einem entweder schlecht - oder man ist blau, weil man die Luft angehalten hat.

Ob "Die Monster AG" im Vergleich mit ihrem Konkurrenten, dem erfolgreichen DreamWorks-Film "Shrek", besser abschneidet, kann man diskutieren - muss man aber nicht. Denn während man an Shreks "Gleich und Gleich gesellt sich gern"-Geschichte besonders die Diffamierung der betulichen Disney-Figuren schätzte, wartet die "Monster AG" mit einer überraschenden Doppelbödigkeit des Plots auf. In recht unamerikanischer Manier wird hier Kritik am Kapitalismus geübt: Eine große Tafel in der Produktionshalle der Monster-Fabrik zeigt die aktuelle Schreckens-Leistung der getriezten Angst-Arbeiter, die im Schweiße ihrer Furcht erregenden Antlitze um den Titel "Mitarbeiter des Monats" wetteifern. Dazu entpuppt sich der kraken- und krötenartige Chef als Ausbund an Ekelhaftigkeit.

(Alp-)Traum-Team: Sulley und Mike sind die Meister-Erschrecker
REUTERS

(Alp-)Traum-Team: Sulley und Mike sind die Meister-Erschrecker

Das Mieseste an der Maschinerie: Die Schreckens-Schmiede macht ihren Profit mit Gefühlen. Das mutet nicht unvertraut an, denn was macht die Traumfabrik Hollywood anderes? Doch Pixar beschmutzt das eigene Nest nur bis zu einem gewissen Grad: Zu guter Letzt finden die Monster-Helden Sulley und Mike eine kinderfreundliche Lösung, wie aus Emotionen Energie gewonnen werden kann. Und damit ist dann auch gleich die Disney AG rehabilitiert - gutes Ende, guter Film, gutes Geschäft.

"Die Monster AG" ("Monsters Inc."). USA 2001. Regie: Peter Docter, David Silverman, Lee Unkrich; Drehbuch: Jill Culton, Peter Docter, Ralph Eggleston, Dan Gerson, Jeff Pidgeon, Rhett Reese, Andrew Stanton; mit den Stimmen von Reinhard Brock (Sulley), Ilja Richter (Mike), Martin Semmelrogge (Randall); Produktion: Pixar/Walt Disney Pictures; Verleih: Buena Vista; Länge: 92 Minuten; Start; 31. Januar 2002



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