"Die Stille nach dem Schuss" Diskussionsstoff zwischen Silly-Musik und Retro-Schick

"Die Stille nach dem Schuss" - thematisch spektakulär, formal unspektakulär - wird es beim Publikum nicht leicht haben. Trotzdem ist das Terroristendrama der beste Schlöndorff seit langem.

Von Christian Bartels


Rita Vogt (Bibiana Beglau) und Jochen (Alexander Beyer): Die Räume werden enger
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Rita Vogt (Bibiana Beglau) und Jochen (Alexander Beyer): Die Räume werden enger

Nach der Wende ist Volker Schlöndorff früh in den Osten gegangen, hat sich als Geschäftsführer des ehemaligen Defa-Studios exponiert und wie alle Babelsberger von Fritz Lang und Marlene Dietrich geredet, während er doch über "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" froh sein musste. Jetzt ist die Defa, genau wie die RAF und die DDR, tiefe Vergangenheit. Wie passend, dass der Defa-Autor Wolfgang Kohlhaase ("Solo Sunny") das Drehbuch zu "Die Stille nach dem Schuss" geschrieben hat.

In der BRD der siebziger Jahre ist Rita Vogt (Bibiana Beglau) über die Liebe zu einem Kumpanen zum Terrorismus gekommen. Bei einer Befreiungsaktion wird ein Unbeteiligter getötet, Rita und die anderen fliehen über die DDR aus West-Berlin. Die Räume werden enger. Nach einem Polizistenmord in Frankreich werden sie schließlich zu eng. Die Wege der Gruppenmitglieder trennen sich, Rita nimmt ein Angebot des freundlichen Staatssicherheits-Beamten Hull (Martin Wuttke) an und taucht in der DDR unter. Unter dem Namen Susanne Schmidt beginnt sie eine neue Existenz, um "das normale Leben der Arbeiterklasse" zu führen, von dem die Vorstellungen weit auseinander gehen. Rita muss es gut finden, um ihr Gesicht - das sonst niemand mehr kennt - wenigstens vor sich selbst zu wahren. Tatjana (Nadja Uhl), die ihr unter den neuen Kolleginnen am ehesten seelenverwandt ist, hat eine völlig unromantische DDR-Sicht. Sie ist eine Außenseiterin mit Hang zum Alkohol. Die entstehende Frauenfreundschaft wird abrupt unterbrochen von "drüben" und oben: Das Westfernsehen zeigt Rita auf einem Fahndungsbild, die Stasi will die DDR auf keinem Fall mit dem Terrorismus in Verbindung gebracht wissen und verpflanzt Rita noch einmal. Ihr zweiter Neuanfang könnte zu einer Perspektive führen, Rita lernt einen Studenten kennen, der sie nach Moskau mitnehmen will. Doch es ist bereits 1989...

Die Stille nach dem Schuss: Harald Schrott und Jenny Schily
AP

Die Stille nach dem Schuss: Harald Schrott und Jenny Schily

Das Drehbuch wagt sich nicht weit vor. Die aberwitzigen Prämissen sind keine der Filmstory, sondern der Zeitgeschichte: die geteilte Stadt, deren geschlossene Grenzen ihre Hüter aus Kalkül selektiv öffnen; der Staat, der sich gegen fast alles abschotten kann außer gegen terrestrische Fernsehübertragung. Davon will Schlöndorff nichts repräsentativ abbilden. Er zeigt bloß bizarre Situationen wie Mosaiksteine: Wie die Stasi mit den RAF-Leuten gut bürgerlich Würstchen grillt, Impressionen aus der proletarischen Stofftapetendruckerei, Sommerferien an der Ostsee. Dort scheint die Sonne pastell-milchig, und Chöre singen. In den besten Momenten lassen die brillanten Bühnenschauspieler (Beglau und Uhl wurden auf der Berlinale als beste Darstellerinnen prämiert) universelle Tragik spürbar werden: Wenn Rita am normalen Leben teilnehmen will und es als außenstehende Beobachterin, die um die Abgründe in der Weltpolitik und in sich selbst weiß, nicht kann. Wenn Tatjana an diesem normalen Leben verzweifelt, weg will und es auch nicht kann.

Wer sich der RAF oder der DDR irgendwie nahe fühlt, das hat die Berlinale gezeigt, tut sich schwer mit diesem Film. Wer großes Kino erwartet, den wird die (ursprünglich fürs Fernsehen gedrehte) Produktion enttäuschen. Den anderen könnte der neue Schlöndorff wie ein dezenter Kostümfilm erscheinen, der ein wenig mit melancholischer Erinnerung an schöne Sommer spielt, mit Silly-Musik und Retro-Schick à la "Sonnenallee" (deren Hauptdarsteller Alexander Beyer spielt auch mit). Dadurch bietet "Die Stille nach dem Schuss" Bilder, die tatsächlich als Bilder in Erinnerung bleiben. Und liefert überdies unprätentiös Diskussionsstoff, ohne Antworten geben zu wollen oder sie auch nur zu wissen. Für einen politischen deutschen Film ist das verdammt gut.

"Die Stille nach dem Schuss". D 1999, Regie: Volker Schlöndorff; Buch: Wolfgang Kohlhaase; Darsteller: Bibiana Beglau, Martin Wuttke, Nadja Uhl, Harald Schrott; Verleih: Arthaus; Länge: 102 Min.; Start: 14.9.2000



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