Film über Tanzlegende Loïe Fuller Die Verwandlung

Von der Raupe zum Schmetterling - das Biopic "Die Tänzerin" erzählt, wie ein Bauernmädchen zur gefeierten Bewegungskünstlerin wird. In den Hauptrollen: Sängerin SoKo und Johnny Depps Tochter Lily-Rose.


Eine schöne Schwere ist dieser Loïe Fuller (gespielt von der Sängerin und Schauspielerin SoKo) zu eigen. Ihre Glieder wirken, als wären sie mühevoll zu heben, ihr Schädel ist groß und das Gesicht ein bisschen grob. Sie passt damit gar nicht schlecht ins Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Dort treibt sie sich mit ihrem Vater Ruben (Denis Ménochet), einem Fortyniner - jene französischen Pioniere, die zu Zeiten des Goldrausches nach Nevada kamen - in zwielichtigen Spelunken herum, das lange Haar zu einem undefinierbaren Nest verfranzt, der Blick finster. Ein Bauernmädchen, das wenig spricht. Ein Rohdiamant.

Die Französin Stéphanie Di Giusto, die eigentlich aus der Werbe- und Modebranche kommt, Clips für einen Telefonanbieter gedreht hat und für Magazine wie "Vogue" und "Elle" fotografierte, inszeniert in ihrem ersten Spielfilm "Die Tänzerin" (für den sie auch das Drehbuch schrieb) das Leben der Tanzikone Loïe Fuller, die 1862 als Marie Louise Fuller in Chicago, Illinois, zur Welt kam. Dabei orientiert sich Di Giusto nicht dogmatisch an biografischen Einzelheiten, sondern fühlt sich vielmehr dem zerrissenen, konfliktbeladenen Wesen Fullers verpflichtet, das nach sorgfältigen Recherchen vor ihrem inneren Auge entstand.

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"Die Tänzerin": Der Zauber der Bewegung

Natürlich kann es sich Di Giusto dabei nicht erlauben, die entscheidenden Stationen im Leben Fullers auszusparen. Da sind die Versuche, eine eigenständige künstlerische Form auf amerikanischen Bühnen zu entwickeln, die sich letztlich in der Konzeption des Serpentinen- oder Schmetterlingstanzes niederschlugen. Da ist der Gram über Kolleginnen, die ihren Stil kopierten. Die Übersiedlung nach Paris und Auftritte in den Folies Bergère und in der Pariser Oper. Die Gründung einer eigenen Tanzschule. Die Kostüme und Bühnentechnik, die sie sich patentieren ließ. Und die Begegnung mit der jungen Tänzerin Isadora Duncan (Lily-Rose Depp), die eine Schülerin Loïe Fullers wurde und anschließend eine der Begründerinnen des Modern Dance.

Ein strapaziöses, zehrendes Leben, das sich kaum in die kollektive Erinnerung eingeprägt hat. Ganz im Gegensatz zu dem Isadora Duncans. Das ist einer der tragenden Konflikte in Di Giustos "Die Tänzerin", bei dem man sich durchaus fragen darf, wer mit der titelgebenden Tänzerin eigentlich gemeint ist: Ist es die selbstquälerische, visionäre, angestrengte und wenig aparte Loïe Fuller, die sich aus der Umgrenzung des eigenen Körpers befreit, um auf der Bühne eine "körperliche Schrift im Raum" zu werden, wie es der Dichter Stéphane Mallarmé einst formulierte? Oder ist es das anmutige Glückskind Isadora, das einem jeden, der es sieht, umgehend den Kopf verdreht, Loïe Fuller inklusive?

Soweit die historischen Tatsachen, welche die Regisseurin um die Flügelschläge des 350 Meter langen Seidenkostüms drapiert.

Spektakuläre Lichttänze

Hinzu erfand sie den attraktiven und etwas kläglichen Louis Dorsay (Gaspard Ulliel), einen französischen Adligen. Er finanziert den Traum Fullers und ist so etwas wie eine männliche Opferfigur: Von der Willenskraft Fullers fasziniert, die wiederum seinem eigenen von in Äther getränkten Taschentüchern, Reichtum und Ennui geschwächten Gemüt entgegensteht, taucht er in das von Fuller geschaffene Universum ein, sich verzehrend nach ihrer Liebe.

Der Zuschauer kann sich beim Sehen von "Die Tänzerin" kaum dagegen wehren, sich in dieses Dreieck - und eigentlich ist es ein Viereck, denn so schattenhaft wie treu im Hintergrund wirkt auch Gabrielle (Mélanie Thierry), Fullers Faktotum - einzufühlen. Und genauso ist es mit den Tanzszenen, mit denen der Film natürlich reichlich gespickt ist. Den Originalauftritten Fullers nachempfunden, agiert SoKo mit 25 Lichttechnikern auf der Bühne.

Das Ergebnis ist spektakulär, was auch der Arbeit des Kameramanns Benoît Debies ("Spring Breakers", "Enter the Void", "Love") zu verdanken ist. Für die Inszenierung der Schmetterlingstänze, welche im Voranschreiten von "Die Tänzerin" zusehends ausgefeilter werden - und auch gefährlicher: Fuller verbrennen bei den heller strahlenden Lampen die Netzhäute - konnte zudem der Lichtkünstler Alexandre Le Brun verpflichtet werden, der sonst für Modeschöpfer wie Yves Saint Laurent und Louis Vuitton arbeitet. Das ergibt kurze, intensive Bildräusche, die mit Stücken von Max Richter, Nick Cave und Warren Ellis unterlegt sind. Stéphanie Di Giustos Loïe Fuller erhebt sich in diesen Minuten zum Popstar.

Dass sie nach diesen verschwenderischen Darbietungen immer häufiger zusammenbricht, mental in die Rolle jenes ungalanten Mädchens aus dem amerikanischen Westen zurückfällt, sich minderwertig fühlt und unweiblich - das ergibt einen interessanten Rhythmus. Stellenweise geraten Di Giusto Fullers Rückverwandlungen vom Schmetterling zur unansehnlichen Raupe etwas zu schrill - dann wirkt SoKo wie aus einem Tim Burton-Film entstiegen. Dennoch möchte man der Regisseurin in ihrer Vision Loïe Fullers folgen: Sie ist wie gemacht für die Leinwand.

Im Video: Der Trailer zu "Die Tänzerin"


"Die Tänzerin"

Frankreich, Belgien, Tschechische Republik 2016
Originaltitel: "La Danseuse"
Regie: Stéphanie Di Giusto
Drehbuch: Thomas Bidegain, Stéphanie Di Giusto, Giovanni Lista, Sarah Thibau
Darsteller: SoKo, Gaspard Ulliel, Mélanie Thierry, Lily-Rose Depp, François Damiens
Verleih: Prokino Filmverleih
Länge: 108 Minuten
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Start: 3. November 2016

Offizielle Website zum Film

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