"Die Tribute von Panem - Catching Fire" Sie zeigt den Mächtigen den Vogel

Im Kampf mit Pfeil und Bogen ist sie unschlagbar, aber noch besser beherrscht sie die Zeichenpolitik der Rebellion: Im zweiten Teil der "Tribute von Panem" gibt Oscar-Gewinnerin Jennifer Lawrence wieder das kluge Postergirl der Postapokalypse - unterstützt diesmal von einem noch besseren Ensemble.
"Die Tribute von Panem - Catching Fire": Sie zeigt den Mächtigen den Vogel

"Die Tribute von Panem - Catching Fire": Sie zeigt den Mächtigen den Vogel

Foto: Studiocanal

Die Show muss weitergehen, auch wenn der Star traumatisiert ist. Der Auftakt von "Catching Fire", der Verfilmung des zweiten Bands aus Suzanne Collins' "Hunger Games"-Trilogie, zeigt die junge Überlebenskünstlerin Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) gezeichnet von den perfiden Zirkusspielen, mit denen der postapokalyptische Überwachungsstaat Panem seine geknechtete Bevölkerung in Zaum halten will.

Im ersten Film konnte Katniss das jährliche Mordspektakel für die Massen, bei dem sich ausgeloste Jugendliche aus den Distrikten des Landes - die "Tribute" - in einer Arena gegenseitig massakrieren, für sich entscheiden. Mehr noch, sie konnte die Regeln unterlaufen: Indem sie für die Zuschauer eine Liebesbeziehung zum nominellen Kontrahenten Peeta Mellark (Josh Hutcherson) fingierte, rettete Katniss dem todgeweihten Bäckersohn das Leben. Denn das Publikum an den Bildschirmen wollte plötzlich lieber das vermeintliche Paar statt einer weiteren Leiche sehen.

Das derart düpierte Regime um Präsident Snow (Donald Sutherland) hat Katniss' freihändige Inszenierung notgedrungen geduldet, sinnt aber angesichts der ideologischen Niederlage auf Vergeltung. Den Machthabern in der Hauptstadt reicht dazu ein willkürlicher Beschluss, und schon muss Katniss ihre Familie und die heimliche Jugendliebe Gale (Liam Hemsworth) im bettelarmen Distrikt 12 zurücklassen und gemeinsam mit Peeta erneut in den "Hunger Games" antreten. Diesmal in einer noch gewaltigeren Arena und gegen eine Auswahl von Siegern der vergangenen Jahre.

Lichtgestalt des Lumpenproletariats

Diese Ausgangslage ist den Lesern von Collins' Bestsellerreihe natürlich bestens bekannt. Das Sequel von Regisseur Francis Lawrence spart sich denn auch Erläuterungen zu vorherigen Ereignissen und setzt schlicht voraus, dass die Zuschauer zumindest den Vorläuferfilm kennen.

Nun zeichnet sich die "Hunger Games"-Saga nicht gerade durch komplexe Plotgerüste aus. Auch "Catching Fire" glänzt über fast zweieinhalb Stunden Laufzeit lieber mit Qualitäten, die bereits Collins' Buchvorlage auszeichneten: eine gradlinige Erzählung, hohes Tempo und effektive Dramatik. Nicht zu vergessen den gekonnten Balanceakt zwischen der emphatischen Identifikation mit jugendlichen Protagonisten und plakativen, aber keineswegs dämlichen Einlassungen zu Politik, Ethik sowie zur medialen Verfasstheit der Gesellschaft.

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"Die Tribute von Panem 2": Feuer und Flamme für die Hunger Games

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Die Dystopie von Panem gewinnt sicher keinen Preis für Originalität, zu offensichtlich orientiert sich Collins' Entwurf dafür an vertrauten Vorbildern aus der zivilisations- und autoritätskritischen Science-Fiction. Das ist aber kein Makel, denn die grimmige Welt mit ihrem grausamen Klassensystem erfüllt durchaus ihren Zweck. Simpler, materieller und greifbarer als andere Zukunftsvisionen, ist es der Schauplatz, an dem Katniss, das widerständige "Girl on Fire", eine neue Art von Teen-Heldin sein kann.

Feuer und Flamme für die Casting-Show

Als unfreiwillige Lichtgestalt des Lumpenproletariats ist sie weit entfernt von den elitären Zauberer- und Vampir-Aristokratien, die Fiktionen wie "Harry Potter" und "Twilight" bevölkern und deren Sorgen im Vergleich wie Luxusprobleme wirken. Katniss ist Geschöpf der sozialen, ökonomischen und moralischen Dauerkrise ihrer Welt, und je mehr sie sich von den vermeintlich naturgegebenen Verhältnissen emanzipiert, desto bedrohlicher wird sie für die Herrschenden. Und mag sie auch sehr geschickt (und gefährlich) im Umgang mit Pfeil und Bogen sein, ihre wahren Waffen bleiben Intellekt, Intuition und das Wissen um die Macht von Gesten und Bildern.

Jennifer Lawrence gibt dieser Figur erneut imposant wie unverwechselbar Gestalt und Gesicht. Nahezu in jeder Szene präsent, braucht sie als Katniss lediglich einen Augenaufschlag, um glaubhaft von lähmender Verzweiflung zu stiller Entschlossenheit zu gelangen. Ohnehin ist die stimmige Besetzung das wohl größte Plus der "Hunger Games"-Filme in der allgemeinen Blockbuster-Konkurrenz. Neben Woody Harrelson, der abermals als Katniss' und Peetas trinkfreudiger Trainer Haymitch Abernathy punkten kann, sind auch Stanley Tucci als flamboyanter Fernsehmoderator Caesar Flickerman und Lenny Kravitz in der Rolle des subversiven Stylisten Cinna wieder dabei.

Zu den schillernden Neuzugängen zählen derweil Jena Malone als verbal wie körperlich munter austeilende Kombattantin Johanna Mason sowie Amanda Plummer und Jeffrey Wright als findiges Nerd-Duo Wiress und Beetee. Und nicht zuletzt mimt Philip Seymour Hoffman eindringlich den undurchsichtigen und furchteinflößenden "Head Gamemaker" Plutarch Heavensbee.

Als Impresario der Hunger Games traktiert Heavensbee vom Regiepult aus die Tribute in der megalomanen Arena mit Flutwellen, Giftnebel, Blutregen und sonstigem telegenen Terror. Die handfeste Survival-Action ist eindrucksvoll bebildert, doch längst nicht so spektakulär wie der Kampf der Symbole, den Katniss mit dem System austrägt. In seinen besten Momenten verbindet "Catching Fire" so großes Melodrama mit offensiver Mediensatire und zeigt das staatstragende Gladiatorenspiel als sadistische Zuspitzung des Casting-Show-Phänomens. Gegen das Drehbuch der Mächtigen die Deutungshoheit über das eigene Image wiederzuerlangen, ist daher der wirksamste Akt der Rebellion.

So ist Katniss zuallererst die Marianne eines ästhetischen Aufstands, wenn sie in ihren Auftritten das verbotene Bild des "Mockingjay" popularisiert, eines Vogel mit besonderer Bedeutung für die Vergangenheit Panems. Selbiger ist konsequenterweise auch Leitmotiv der millionenschweren Werbekampagne von "Catching Fire", eines Films, der wie sein Vorläufer weitaus besser ist, als er eigentlich sein müsste. Eben weil er sein junges Zielpublikum nicht für dumm hält und unabhängig vom Unterhaltungsdiktat eine Haltung einnimmt, die auch jenseits der Pubertät begeistern kann.

Darum sollte man nach dem abschließenden Cliffhanger auch für die nächste Fortsetzung dranbleiben: The revolution will be televised.