Doku »Die Unbeugsamen« über Frauen in der Bonner Republik Besser, schneller, schlagfertiger als die Männer

»Die Unbeugsamen« zeichnet den Einzug der Frauen in die deutsche Politik nach. Zu sehen: nur wenige weibliche Abgeordnete, offen zur Schau gestellter Chauvinismus. Es sind Szenen, die man so schnell nicht vergisst.
Das »Feminat« der Grünen (1984): Nur Frauen an der Spitze

Das »Feminat« der Grünen (1984): Nur Frauen an der Spitze

Foto: Malte Ossowski / Sven Simon / picture-alliance / Majestic Filmverleih

Es ist eine der vielen Szenen, die im Gedächtnis bleiben, nachdem man Torsten Körners Dokumentation »Die Unbeugsamen« gesehen hat: Die junge Grünenpolitikerin Christa Nickels hat gerade im Bonner Bundestag eine Rede gegen das atomare Wettrüsten gehalten – dann geht sie plötzlich mit schnellen Schritten auf den Platz des Bundeskanzlers zu und überreicht dem überraschten Helmut Kohl schüchtern, aber entschlossen, eine japanische Origamikette. Ein Zeichen des friedlichen Protests. Der Kanzler lächelt höflich und wirkt etwas ratlos. Er legt das Utensil vor sich auf den Tisch.

Christa Nickels nach ihrer Rede 1983: Friedlicher Protest

Christa Nickels nach ihrer Rede 1983: Friedlicher Protest

Foto: Presse-Service Steponaitis / DeutscherBundestag / Majestic Filmverleih

Auch wenn es eine eher leise Szene ist, die Symbolkraft wirkt nach fast 40 Jahren stärker denn je. »Die Unbeugsamen« erzählt vom Einzug der Frauen in die deutsche Politik – und die Wahl im Jahr 1983, als Nickels Kohl die Kette überreichte, markiert einen wichtigen Meilenstein. Die Grünen waren mit 5,6 Prozent knapp in den Bundestag eingezogen, die Parteispitze bildete ein »Feminat« aus sechs Frauen, und die Männerwelt des damaligen Bundestages kam plötzlich veraltet daher, als diese neue Politikerinnengeneration mit ersten Reden auf sich aufmerksam machte.

Der Berliner Regisseur Torsten Körner zeigt diese Entwicklung im Stile eines klassischen Dokumentarfilms ohne erklärendes Voiceover, nur die Politikerinnen von damals kommen als Interviewgäste nachträglich zu Wort. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Siebziger- und Achtzigerjahren in der Bonner Republik, auf dem Zusammenspiel zwischen den heute noch bekannten Politikern und den zum Teil vergessenen Politikerinnen. Zu Wort kommen zum Beispiel Elisabeth Schwarzhaupt (CDU), die 1961 zur ersten Ministerin Deutschlands ernannt wurde (und nach ihrer Amtseinführung einem Journalisten deutlich machen musste, er solle sie doch bitte als Ministerin und nicht als Minister anreden), Herta Däubler-Gmelin (SPD), Ingrid Matthäus-Maier (FDP) und Ursula Männle (CSU), ohne deren Vorhut es den späteren, neuartig kompromisslosen Einzug der jungen Grünen wohl nicht gegeben hätte.

Die Bilder von damals zeigen in aller Deutlichkeit: Die Bewegung war lange überfällig. Man sieht eine Welt des offen zur Schau gestellten Chauvinismus, nur wenige Frauen sind Abgeordnete. Die wenigen müssen sich behaupten, ihr Rederecht mitunter erkämpfen gegen eine Wand aus arrivierter Männlichkeit, die oft mit Unverständnis auf die neuen Politikansätze reagiert.

Der traurige Höhepunkt der verbalen Ausfälle

Wie die Grünenabgeordnete Waltraud Schoppe, die am 5. Mai 1983 eine Rede über den Abtreibungsparagrafen 218 hält. Es geht um die Strafbarkeit bei Vergewaltigung in der Ehe, um Männer, die Frauen allein lassen mit ihrer Schwangerschaft und um den täglichen Sexismus im Parlament. Die Reaktion der Abgeordneten in den ersten Reihen: infantiles Gelächter und lautstarke Beleidigungen. Schoppe wird als Hexe verhöhnt. Die Angesprochene beendet die Rede mit fast mitleidsvollem Blick und konstatiert: »Ich merke, ich habe das Richtige gesagt – Sie sind getroffen.« Es ist der traurige Höhepunkt der verbalen Ausfälle.

Andere Szenen lassen sich in der Nachbesprechung vielleicht noch als belustigende Anekdote erzählen, zeigen aber, wie selbstverständlich Frauen damals immer wieder als Staffage des Politikbetriebs herabgesetzt wurden. Die FDP-Politikerin Helga Schuchardt erinnert sich an einen Abgeordneten, der ihr nach einer Sitzung im Bundestag mit dem Daumen über den Rücken fuhr – und sich dann ihr gegenüber damit erklärte, er habe testen wollen, ob sie einen BH trage. Die CSU-Fraktion habe darüber eine Wette abgeschlossen.

Rita Süssmuth wurde 1985 von Kohl zur Gesundheitsministerin ernannt – auch weil die Grünenpolitikerinnen die CDU unter Zugzwang setzten und der Partei die Wählerinnen davonliefen. Sie erzählt rückblickend, wie sie sich unter den gegebenen Umständen eine pragmatische Sichtweise antrainierte, lernte, sich im richtigen Moment anzupassen. Politikerinnen, so sehen es Süssmuth und die anderen Frauen, mussten besser, schneller, schlagfertiger sein als die Männer im Parlament, Fehler wurden nicht schnell verziehen.

Am vorläufigen Ende dieser Entwicklung, am Ende des Films »Die Unbeugsamen« (vom 26. August an im Kino zu sehen) steht die erste Bundeskanzlerin Deutschlands. Mit einem Auge für den versteckten Witz, der in so manchem Archivmaterial schlummert, zeigt Körner die berühmte Elefantenrunde 2005: Sieben Männer und eine Frau diskutieren über den Ausgang der Bundestagswahl – die einzige Frau ist Angela Merkel. Gerhard Schröder hat die Wahl kurz zuvor verloren und ist trotzdem siegesgewiss. Er sträubt sich noch gegen die Realität einer neuen Zeit – und wird dann von ihr weggefegt.

Wäre diese Wahl früher möglich gewesen? Christa Nickels, die damals Helmut Kohl die Origamikette überreichte, stellt gegen Ende dieser sehenswerten Dokumentation fest: »Wenn die Wahl gewesen wäre zwischen der besten aller Frauen und einem dummen August, dann wäre der dumme August Kanzler geworden – ganz klar.«

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