Psychodrama "Die Wolken von Sils Maria" Verdrängt von einer Jüngeren

Junge Frau trifft auf alternden Star: In "Die Wolken von Sils Maria" liefern sich Juliette Binoche und Kristen Stewart ein grandioses Duell der Generationen - Schauspielerinnen-Kino der Extraklasse.
Von Julian Hanich
Psychodrama "Die Wolken von Sils Maria": Verdrängt von einer Jüngeren

Psychodrama "Die Wolken von Sils Maria": Verdrängt von einer Jüngeren

Foto: NFP

Nein, ganz jung ist sie nicht mehr, diese Maria Enders (Juliette Binoche). Zwar wird der Film- und Theaterstar noch für Fotoaufnahmen von großen Modefirmen gebucht. Und auch bekommt sie noch Angebote von angesagten Theaterregisseuren. Doch die Rolle der jungen, verführerischen Sigrid, mit der sie vor 20 Jahren erst auf der Bühne und später im Kino berühmt wurde, soll bei einer Wiederaufnahme das Hollywood-Blockbuster-Sternchen Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) übernehmen. Maria, die sich noch als junge Verführerin fühlt, ist nurmehr für den Part der älteren Verführten Helena vorgesehen, und das macht ihr zu schaffen wie nur weniges zuvor.

Olivier Assayas' "Die Wolken von Sils Maria" ist ein elegant-elegischer Film über das Abschiednehmen vom Gestern, über die Klüfte zwischen den Generationen, aber auch über die Abgründe zwischen dem modernistischen Autorenfilm und dem dominanten Action-Kino.

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"Die Wolken von Sils Maria": Liebe und Eifersucht in den Schweizer Bergen

Foto: NFP

Maria versucht, sich mit der Ignoranz des Alters und der Arroganz des Hochkultursnobs vor der Einsicht zu schützen, dass ihre Jugend vergänglich ist. Doch vergeblich. Wie das seltene Wetterphänomen des Malojapasses in den Schweizer Alpen, an das sich der Titel des Films anlehnt, umwölkt Melancholie Marias Gemüt. Mit ihrer jungen Assistentin Val (Kristen Stewart) reist sie in die majestätischen Schweizer Berge. Einmal im Winter, als sie einen Preis für ihren zurückgezogen lebenden Mentor Wilhelm Melchior entgegennehmen soll, einem hochgeschätzten Theater- und Filmregisseur, der jedoch kurz vor ihrer Ankunft stirbt. Ein weiteres Mal im Sommer, als Maria gemeinsam mit Val in Melchiors Landhaus und auf langen Wanderungen widerwillig die Rolle der Helena zu proben beginnt.

Bei diesen Reisen verbindet die beiden Frauen mehr als eine professionelle Beziehung - es liegt ein unausgesprochenes Begehren in der Luft. Erotische Blicke. Zaghafte Umarmungen. Nacktbaden im See. Aber auch Eifersucht, Unverständnis und Missachtung machen sich breit. Der wunderbaren Juliette Binoche und der ebenso wunderbaren Kristen Stewart dabei zuzusehen, wie sich ihre Figuren umkreisen, anziehen und abstoßen - allein das macht diesen Film zum Ereignis.

Junge Frau ersetzt alte Frau

Die ausgedehnten Probenszenen sind aber nicht nur Beweis für das Können von Stewart und Binoche. Geschickt schiebt Assayas hier auch verschiedene Ebenen ineinander. Realität, Fiktion und Fiktion-in-der-Fiktion sind wie eine Dreifachhelix verschlungen. Ständig fragt man sich: Wer spricht hier eigentlich? Ist es die Figur der Maria, ist es Maria in der Rolle der Helena, oder ist es gar Juliette Binoche als Maria? Als Val einmal im Gespräch auf Teenager als wichtige Fangruppe zu sprechen kommt, drängt sich unvermeidlich Kristen Stewart, der "Twilight"-Teenieschwarm, ins Bewusstsein. Durch diesen Verfremdungseffekt lockert Assayas die illusionistischen Zügel und weitet den Blick auf das unausweichliche Altern seiner Darstellerinnen.

Es ist kein Zufall, dass sich neben David Cronenbergs "Maps to the Stars" ein weiterer Film mit der verblassten Jugend einer Schauspielerin auseinandersetzt. Denn an Schauspielerinnen lässt sich unsere groteske Obsession mit Jugendlichkeit besonders deutlich hervorkehren. Mit Ausnahme von Models und Sportlerinnen dürfte für kaum einen Frauentypus sonst das Älterwerden dramatischere Folgen haben: Das Film-Business ist bekanntlich ein gnadenloses Ausrangiergeschäft, in einem andauernden Wiederholungsprozess ersetzt die junge Schauspielerin die gealterte. Und war Sils Maria nicht der Ort, an dem Nietzsche die Eingebung für sein Konzept der "ewigen Wiederkunft des Gleichen" hatte?

Anders als Cronenberg verzichtet Assayas allerdings auf satirische Überzeichnungen hysterischer Diven. "Die Wolken von Sils Maria" ist ein taktvoller Film, der häufig diskrete Schwarzblenden einschiebt, bevor es zu emotionalen Ausbrüchen kommt. Die feierliche Barockmusik von Händel und Pachelbel verleiht dem Film zusätzliche Gravität.

Zudem kann man in "Die Wolken von Sils Maria" auch eine Hinwendung des einstigen Filmkritikers der "Cahiers du Cinéma" zu einem Thema erkennen, das ihn schon in "Irma Vep" (1996) beschäftigte: die selbstreflexive Auseinandersetzung des Autorenkinos mit seinem popkulturellen Gegenüber - dem Genrefilm. Auch wenn Assayas' Sympathien klar verteilt sind - anders als seine Hauptfigur Maria betrachtet er das Actionkino mit offener Interessiertheit.

Exakt analysiert er zudem die dunklen Seiten unserer Transparenzgesellschaft. Auch hierfür bieten sich die verfolgten Existenzen der Star-Aktricen an, was der Film anhand der Figur des Shooting-Stars Jo-Ann Ellis deutlich macht. Paparazzi sind erbarmungslos hinter ihr her, YouTube archiviert eisern ihre Skandale, soziale Medien kommentieren noch den letzten Seufzer. Auch visuell findet Assayas stimmige Bilder, indem er seine Darstellerinnen häufig hinter Glas inszeniert. Als wollte er uns sagen: Schauspielerinnen leben in einem Glaskasten, in dem ihr Altern für alle sichtbar ausgestellt wird.

Die Wolken von Sils Maria

Originaltitel: Clouds of Sils Maria

Deutschland, Frankreich, Schweiz 2014

Buch und Regie: Olivier Assayas

Darsteller: Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz, Lars Eidinger, Johnny Flynn, Angela Winkler, Hanns Zischler, Nora Von Waldstätten

Produktion: CG Cinéma, Pallas Film, CAB Productions

Verleih: NFP (Filmwelt)

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 6 Jahren

Start: 18. Dezember 2014

"Die Wolken von Sils Maria" - Offizielle Website