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05. Oktober 2000, 13:11 Uhr

Digitales Kino

Computer träumen von "Mittelerde"

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Das digitale Kino wird den Zuschauer bald durch perfekte Welten wandeln lassen - durch Tolkiens "Mittelerde" beispielsweise.

Artwork zu Peter Jacksons "Lord Of The Rings": Auf nach Mittelerde!

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Hobbits sind sehr kleine, gemütliche Wesen mit Haaren auf den Füßen. Wer Tolkiens "Herr der Ringe" las, kann sich die Zwerge gut pfeiferauchend in ihren Erdhöhlen vorstellen. Wer Tolkiens Trilogie verfilmen soll, hat ein Problem.

Der einzige Schauspieler mit halbwegs akzeptabler Körperkleine wäre Danny DeVito und der passt nicht unbedingt in einen Fantasyfilm. Dennoch hat Peter Jackson kein Problem. Denn er hat Computer. 200 Hochleistungsrechner und 140 Computeranimateure stehen ihm bei der Verfilmung von Tolkiens Epos zur Seite. Die Hobbits werden von normalgroßen Darstellern gespielt - dann aber im Rechner geschrumpft. Für Gollum, ein durch die Magie des Rings entstellter Hobbit, braucht es nicht einmal einen Darsteller - er entsteht komplett im Rechner.

Dass Jackson jetzt die "Herr der Ringe"-Trilogie verfilmt, ist kein Zufall. Schon 1977 versuchte man, Bilder für Tolkiens "Mittelerde" zu finden, indem der Film mit einer speziellen Zeichentricktechnik aufwendig übermalt wurde - was kaum überzeugte.

Sehnsucht nach dem Ring: Sean Bean als "Boromir"

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Die Digitalisierung des Kinos ermöglicht nun Bilder, die es nie zuvor gab. In "Jurassic Park" (1993) waren 52 Einstellungen im Computer erzeugt, so genannte "Computer Generated Images" (CGI). In "Titanic" (1997) waren es 500. In "Star Wars Episode I: The Phantom Menace" (1999) sind über 2000 Einstellungen zum Teil oder ganz im Computer entstanden - etwa 95 Prozent des Films.

Das kann als epochaler Bruch oder Kontinuität der Filmgeschichte beschrieben werden. Filmtheoretiker wie André Bazin und Siegfried Kracauer betonten die dokumentarische Eigenschaft und die weitgehende Erhaltung des Rohmaterials im Film. Liefert aber der Computer tatsächliche ein so anderes Rohmaterial als der chemische Film? Der Unterschied ist allein, dass er Bilder ermöglicht, die auf mehr mögliche Wirklichkeiten verweisen können. Im Vergleich zu anderen Kunstformen zielte Film schon immer auf möglichst intensive Sinneseindrücke und möglichst viele Sinne. So ist seine Geschichte auch von technischen mindestens ebenso wie von künstlerischen Innovationen geprägt. Nach Ton und Farbe zeichnet sich seit einigen Jahren die Digitalisierung als nächster Evolutionssprung ab.

Flusslandschaft in Mittelerde: Die Macht der CGIs

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Dass "Mittelerde" nun im Rechner entsteht, ist also kein epochaler Bruch. Es ist die logische Entwicklung des Films. Wirklich neu ist hingegen die Demokratisierung und Individualisierung des Produktes durch digitale Technik. Jonathan Wells, Leiter des Festivals für digitalen Independent-Film Resfest glaubt: "Grundsätzlich kann man alles mit einem Desktop-Computer machen, und die Filmemacher nutzen das." Ein Beispiel ist der Kurzfilm "405". Er zeigt, wie ein Jumbo auf dem Los Angeles Highway 405 landet und ein Autofahrer dem Flugzeug zu entkommen versucht. Die Produktion hat kaum Geld gekostet. Mit handelsüblichen digitalen Videokameras haben die zwei Autoren Personen gefilmt, Flugzeug, Jeep und Highway haben sie komplett auf einem Computer animiert.

Je billiger Soft- und Hardware wird, desto mehr solcher Autoren werden auftauchen. Der Film als Kollektivprodukt scheint in Gefahr. Schon heute bieten Internetseiten wie ifilm.com eine ungeheure Menge an Kurz- und Langfilmen, die von solchen Autoren für ein jeweils sehr spezielles Publikum gemacht wurden. Am Ende dieser Entwicklung wird vielleicht die Produktion von Individuen für Individuen stehen. Dies gefährdet die kulturelle Definitionsmacht des Films. Der Prozess ist vergleichbar mit den Prognosen einiger Kommunikationswissenschaftler über die Zukunft der Zeitung: Wird der Mensch einst aus einer ungeheuren Vielfalt auswählen, welche Informationen er beziehen will, ist der Diskurs in der Gesellschaft gefährdet, weil keine gemeinsame Basis mehr besteht.

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Auf Konsumentenseite zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Bodenständige Visionen beschreiben das E-Cinema der Zukunft so: Filme kommen als verschlüsselte Datenpakete über Satelliten vom Verleiher- auf den Kinoserver. Das macht Kinobetreiber viel flexibler bei der Programmgestaltung. Wenn bis Samstag kaum jemand den neuen Oliver-Stone-Film sehen will, wird halt ein Wolfgang-Petersen-Film gezeigt. Diese Vorstellung ist aber ein wenig naiv. Denn warum sollte in einer nahen Zukunft mit solchen Übertragungskapazitäten die Individualisierung vor dem Kollektiverlebnis des Films halt machen? Die sogenannten "Home Cinemas" werden immer mehr aufgerüstet. Schon 1990 startete Lucasfilm ein THX Home Programm. 16:9-Breitbildfernseher, Plasmabildschirme, Dolby-Surround-Anlagen und DVD-Spieler versprechen zudem immer perfektere Sinneseindrücke, die letztlich auf Kinoqualität abzielen.

Konsequenz dieser Entwicklung ist es, dass Studios ihre Produkte direkt an den Zuschauer verkaufen. Das Publikum will mehr Kontrolle über das Produkt. Anfang April luden sich 1,7 Millionen Menschen binnen 24 Stunden die ersten Ausschnitte aus Peter Jacksons erstem "Herr der Ringe"-Film von der offiziellen Internetseite auf ihre Computer. Perfekter Sinneseindruck und individualisierte Nutzung werden den Film der Zukunft zu einem Wandeln durch perfekte Realitäten machen. "Star Wars: The Phantom Mencae" war ein Beispiel für diese neue Art von Film. Bereits 1997 zogen in den USA die Umsätze der Computerspielindustrie fast gleich mit denen der Filmstudios. In Jacksons "Herr der Ringe" macht sich nicht Frodo Baggins auf die Wanderung durch "Mittelerde" - sondern wir.

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