"Doctor Strange" mit Benedict Cumberbatch Welt retten, hex, hex!

Comicverfilmung als rauschhafter Filmtrip: In "Doctor Strange" überzeugt Benedict Cumberbatch als Superheld mit magischen Kräften, der gleich in mehreren Dimensionen zur Weltenrettung schreiten muss.

Von Jan-Paul Koopmann


In Marvels Superheldenfilmen wird jetzt gehext. So richtig mit Zauberspruch, Umhang und rituellem Handgewedel. Erstaunlich, aber mit ein bisschen Hokuspokus stellt "Doctor Strange" eine Welt auf den Kopf, in der sich doch längst nordische Götter, leuchtend grüne Drei-Meter-Monster, fliegende Menschen und außerirdische Invasoren tummeln - in der das Übernatürliche also zum Tagesgeschäft gehört.

Mit ihrem Kino-Universum um Captain America, Thor, Iron Man und so weiter haben sich Marvel und Disney große Mühe gegeben, ein wüstes Ideenwirrwarr aus über 70 Jahren und Tausenden Comicseiten unter einen Hut zu bekommen: Widerspruchsfrei, wie das heute Pflicht ist, weil die Suche nach vermeintlichen Logikfehlern unter Nerds im Kino das wirkliche Hinsehen ersetzt hat. Die Klammer dafür war über bislang 13 Filme die Technologie, oder besser gesagt: Pseudo-Sci-Fi, die sämtliche übernatürlichen Elemente rationalisierte und verwaltbar machte. Selbst das magische Zepter von Tricksergott Loki entpuppte sich letztlich als hundertprozentig computerkompatible künstliche Intelligenz.

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"Dr. Strange": Jetzt hilft nur noch Zauberei

Mit dem Hexenmeister "Doctor Strange" ist das nicht länger zu machen. In Deutschland eher unbekannt, ist Strange ein Urgestein der Marvel-Welt. 1963 trat er an, um der heranwachsenden Hippiekultur - der Esoterik und psychedelische Bewusstseinsexperimente näher lagen als Strahlenwaffen - ihren eigenen Superhelden zu geben: einen ehemaligen Arzt, der im New Yorker Szeneviertel Greenwich Village residiert und die Welt vor mystischen Gefahren beschützt.

"Doctor Strange" erzählt, wie Neurochirurg Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) nach einem Unfall mit seinen zerstörten Händen zurechtkommen muss - und nach allerlei Konsultationen bei kostspieligen Medizin-Koryphäen schließlich übernatürliche Hilfe beim Guru The Ancient One (Tilda Swinton) in Nepal sucht, der ihn postwendend zum Zauberer ausbildet. Denn es geht nicht nur um persönliche Heilung, es geht auch darum, die ganze Welt vor Unheil zu bewahren: Kaecilius (Mads Mikkelsen), ein abtrünniger Schüler des Magier-Ordens, will finstere Chaos-Mächte entfesseln, die in der "Dark Dimension" lauern.

Die Entstehungsgeschichte eines Superhelden ist die Pflichtübung des Genres. Dass sie hier einmal nicht langweilt, liegt einerseits daran, dass der Konflikt zwischen Schülern und Lehrern geschickt verwoben ist mit dem Schicksal der Welt. Andererseits sind "Sherlock"-Star Benedict Cumberbatch und Rachel McAdams ("Spotlight") als Freundin und weltlicher Anker so gute Schauspieler, dass man ihnen auch in einer faderen Geschichte mit Freude zugesehen hätte. Zudem hat Marvel es wohl erstmalig fertig gebracht, mit Mads Mikkelsen einen überzeugenden und schlüssig motivierten Bösewicht in seinem Cinematic Universe zu präsentieren.

Arbeitsteilung unter Avengern

Am erfreulichsten aber ist, wie die konkurrierenden Weltsichten von Magie und Wissenschaft an der Klischeehaftigkeit der gesellschaftlichen Debatte vorbei gespielt werden, ohne den gerade unter Nerds grassierenden naiven Positivismus zu bedienen, oder reaktionäre Aussteigerfantasien abzufeiern. Stand Iron Man für den Sieg des Menschen über die Natur und der Hulk für ihren Gegenschlag - dann ist Doctor Strange so etwas wie der Pate des noch mal Drübernachdenkens und des Blicks hinter die Kulissen.

Wer das in die Tat umsetzen will, kann direkt bei der Filmproduktion ansetzen: Heftig gestritten wurde im Vorfeld, weil die Besetzung des ursprünglich tibetanischen Ancient One mit einer weißen Frau als "whitewashing" schon wieder einen Asiaten von der Leinwand fernhielt. Andererseits hat Marvel so eine durchaus rassistisch konstruierte Klischeefigur vermieden und eine starke Frauenrolle etabliert. Umstandsloser lässt es sich da ärgern über den Umzug der Comichandlung aus Tibet nach Nepal, um den chinesischen Markt nicht zu vergraulen.

In seinen besten Momenten erinnert der Film an den Anfang der Reihe: an Iron Man, von dessen Witz das Genre in seiner Marvel-Variante bis heute zehrt. Dass es nun nicht um Tony Starks Maschinenpark, sondern um Zauberei geht, ist allerdings mehr als eine Stilfrage. "Helden wie die Avengers beschützen die Welt vor physischen Gefahren", bekommt Strange im Film die Arbeitsteilung der Weltretter erklärt, "und die Zauberer vor mystische Gefahren."

Witz und philosophische Gedankenspiele

Die haben es in der Tat in sich: Die dunkle Dimension und ihr Hausgott Dormammu beginnen, ermächtigt von Kaecilius und seinen Schergen, Welt und Zeit zu verschlingen. Zeichner Steve Ditko hatte das schon in den Comicvorlagen einfach, aber brillant in Szene gesetzt - und wer Triperfahrungen mitbrachte, wusste Ditkos Spiel mit Räumen und Geometrie noch mehr zu schätzen.

Heute ist das, CGI sei Dank, auch nüchtern möglich: Die 3D-Optik ist atemberaubend. Kaleidoskopartig falten die Zauberer die Realität ineinander. Die knickenden Hochhäuser erinnern an Christopher Nolans "Inception" (2010), sind hier aber mehr als nur schöne Bilder im Hintergrund. Da wird tatsächlich herumgesprungen in der wabernden Wirklichkeit und an den Wänden herumgelaufen, während magische Portale in wieder andere Welten um die Kämpfenden kreisen.

Wer glaubt, das Beste schon im Trailer gesehen zu haben, sei beruhigt: Anders als in Fantasyblockbustern üblich, gibt der Trailer hier nur einen kleinen Vorgeschmack auf einen Trip, der erst in der "Dark Dimension" wirklich zu sich kommt. Sich ständig wandelnde Formen treiben durch ein buntes Nichts, in dem sich menschliche Körper in Fraktale zerlegen. Dass Regisseur Scott Derrickson bei einer Handlung, die zwischen gleich mehreren Dimensionen und irdischen Schauplätzen auf drei Kontinenten changiert (Drehbuch: Jon Spaihts, Scott Derrickson und C. Robert Cargill), den Überblick behält, ist wohl die größte Leistung des Films.

Bei aller technischen Raffinesse ist zum Schluss ausnahmsweise einmal Witz gefragt - und wird zu philosophischen Gedankenspielen über die Natur der Zeit und ethische Kompromissbereitschaft angeregt. So ist das Marvel Cinematic Universe mit "Doctor Strange" um einige vielversprechende Motive reicher. Und um einen Film, der herausragt aus der seriellen Endlosigkeit der Fortsetzungen von Fortsetzungen.

Im Video: Der Trailer zu "Doctor Strange"

"Doctor Strange"

    USA 2016

    Regie: Scott Derrickson

    Drehbuch: Jon Spaihts, Scott Derrickson, C. Robert Cargill

    Darsteller: Benedict Cumberbatch, Chiwetel Ejiofor, Tilda Swinton, Rachel McAdams, Mads Mikkelsen

    Produktion: Marvel Studios, Walt Disney Studios

    Verleih: Walt Disney Germany

    Länge: 115 Minuten

    Start: 27. Oktober 2016



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
.patou 24.10.2016
1.
Klingt sehr gut und hat mit Cumberbatch, Swinton und Mikkelsen eine grandiose Besetzung. Jedenfalls besser als der hibbelige Robert Downey Jr. in Iron Man.
muontec 24.10.2016
2. Dimensionen?
Könnt ihr Journalisten nicht zumindest von "verschiedenen Raum-Zeit-Kontinuen" reden. Ist zwar nicht ganz richtig, dafür aber mal nicht absolut falsch. Dimensionen sind Eigenschaften keine Räume...
vanayulmaiel 24.10.2016
3. Warum
müssen Filmkritiken immer von Journalisten geschrieben werden, die keinerlei Respekt vor Filmfans oder Popkorn-Kino haben? Selbst das einigermaßen positive Resümee über Doctor Strange klingt schal bei so viel Herablassung. Weder die Fans, noch die Filmmacher oder "Nerds" im Allgemeinen kommen gut weg. Nur weil sich der Autor für etwas Besseres hält, der wahrscheinlich Citizen Kane für den besten Film aller Zeiten hält und sonst sooo viele psychologischen und philosophischen Bücher gelesen hat, kann man trotzdem respektvoll bleiben!
DieButter 24.10.2016
4.
"In Deutschland eher unbekannt, ist Strange ein Urgestein der Marvel-Welt. " Sollte wohl eher heißen, beim Autor eher unbekannt. Doc Strange gibt es schon sehr lange in Deutschland und es gibt eine der größten Fangemeinden weltweit hier.
kruderich 24.10.2016
5. Ich denke endlich mal ein Film,
der die 3D-Brille richtig heißlaufen läßt...darauf freue ich mal als einer, der Kino eben nicht nur als Medium zum verschwurbelten Geschichtenerzählen sieht, sondern eben auch als Medium fürs Auge. Und nur mal so nebenbei: Robert Downey ist die absolute Top-Besetzung für Tony Stark....herrlich gut aussehend und arrogant. Und lieber Spon: auch im Marvel Cinematic Universe gabs schonmal einen richtig guten Villain: Tom Hiddleston als Loki im ersten Thor war klasse. Zugegeben ist er bis heute der Einzige geblieben...
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