Dokumentarfilm-Highlights Selfies in Dachau

KZ-Gedenkstätten als Erlebnisparks und Irak als Alterswohnsitz: Dokumentarfilme können unseren Blick auf die Gegenwart zärtlich und doch radikal verschieben. Sieben Empfehlungen zum Start von DOK Leipzig.

Szene aus "Austerlitz" von Sergej Loznitsa
Sergei Loznitsa/ Imperativ Film

Szene aus "Austerlitz" von Sergej Loznitsa

Von und


Ein Dokumentarfilmfestival ist so etwas Ähnliches wie ein Liebesfilmfestival. Nicht, dass sich Dokumentar- und Liebesfilm grundsätzlich das Sujet teilen würden - aber sie müssen sich immer wieder derselben Herausforderung stellen: wie geht man mit Intimität um?

Zu den eindrucksvollsten und zugleich unheimlichsten Bildern, die das Kino hervorbringen kann, gehören solche, die ein wahrhaft verliebtes Gesicht dokumentieren. Auf dem Dokumentar- und Animationsfilmfestival DOK.Leipzig, das am Montagabend beginnt, gibt es so ein Bild zu sehen: Die über 90-jährige Blanche, die an Alzheimer erkrankt ist, blickt in "A Young Girl in her Nineties" verliebt den Tänzer und Choreografen Thierry Thieû Niang an. Der kommt täglich ins Pflegeheim, um dort einen Workshop mit den Patienten zu gestalten. Dass sie verliebt ist, sagt sie selbst. Aber beeindruckender ist, dass wir genau das auch sehen können.

In solchen Bildern scheint sich das, was ein Dokumentarfilm ist, wozu es tonnenweise Theorien und Definitionen gibt, für einen kurzen Augenblick selbst offenzulegen: die Intimität zwischen Film und Wirklichkeit. Der Kritiker und Filmtheoretiker Siegfried Kracauer schrieb einmal über die Darstellung von Menschen in einem Dokumentarfilm: "zärtlich verweilt die Kamera bei ihnen, sie sollen nichts anderes bedeuten als sich selbst". Zärtlich, das bedeutet nicht Berührung mit dem Samthandschuh, das bedeutet einen ganz bestimmten Modus filmischer Sensibilität gegenüber dem, was ganz es selbst sein soll - nämlich die Wirklichkeit.

Sechs Tipps für herausragende Dokumentarfilme in Leipzig - und einer für einen wunderschönen Animationsfilm.

"Paradies! Paradies!"
Kurdwin Ayub/ DOK Leipzig

"Paradies! Paradies!"

Ruckelig stellt Kurdwin Ayub die Kamera in ihrem Zimmer auf. Dann tritt sie vor die Linse, zeigt uns Kleider, die sie gerade gekauft hat und erklärt uns ihre Outfits: zugleich modisch und undurchsichtig - ideal für eine Reise in den Irak. Vater Omar möchte dort eine Zweitwohnung kaufen, weil er im Alter nach Kurdistan zurückkehren möchte. Sein Patriotismus ist das Kernthema von "Paradies! Paradies!", und den will seine Tochter sukzessive offen legen. Ihr Blick, der eng mit dem der Kamera verwachsen ist, aber auch nicht ganz in diesem aufgeht, macht diesen Film so spannend. Denn Kurdwin hat kaum einen Bezug zu Kurdistan, ist in Österreich aufgewachsen, hat sogar Probleme mit der kurdischen Sprache. In der Fremde entdeckt sie nun ihren Vater, und in ihrem Vater wird das Fremde vertraut. Wie absurd diese Anordnung ist, zeigt sich schließlich in einer Szene an der Frontlinie. Omar lacht viel, posiert mit Soldaten fürs Foto, macht sein Peace-Zeichen - und ein paar hundert Meter weiter wütet die Terrormiliz Islamischer Staat. Lukas Stern


"Communion"
Anna Zamecka/ DOK Leipzig

"Communion"

Auch Anna Zamecka richtet in "Communion" den Blick auf die Binnenstrukturen einer Familie. Auf engstem Raum, in einer heruntergekommenen Wohnung in der polnischen Provinz, bereitet die 14-jährige Ola ihren autistischen Bruder auf die Kommunion vor. Während der Vater eine Zigarette nach der anderen raucht und die Mutter die meiste Zeit nur über das Handy anwesend ist, schneidet Ola eine Banane auf, um dem jüngeren Nikodems die Stücke wie Oblaten in den Mund zu legen. Eine Szene schwillt derart an, dass sie aus allen Nähten zu platzen scheint: Mutter, Vater, Ola, Nikodems und ein Neugeborenes quetschen sich in den einzigen Schlafraum der Wohnung. Ein Gitterbettchen wird aufgestellt und man versucht sich für die Nacht zu organisieren. Es entsteht ein unfassbar intimer, dichter, ja, fast familiär eingedickter Raum. Und spätestens in dieser Szene fragt man sich unweigerlich, wer das eigentlich ist, der hier sieht und filmt. Wer ist das, der in diesem Raum auch noch Platz findet? Zamecka verwandelt diese Frage, anders als Ayub, in ein riesiges Mysterium. Lukas Stern


"Mein Leben als Zucchini"
Claude Barras/ DOK Leipzig

"Mein Leben als Zucchini"

Zucchini ist ein wenig schuld am Tod seiner Mutter, vielleicht sogar maßgeblich schuld. Der 9-Jährige, von dem wir nie mehr als seinen gemüsigen Spitznamen erfahren, wird von seiner Mutter solange geschlagen, bis er sich in der Not auf den Dachboden rettet und sie während der Verfolgung eine Leiter herunterstürzt. Das sollte an Informationen reichen, um klar zu machen, dass der diesjährige Eröffnungsfilm "Mein Leben als Zucchini" weder ein typischer Kinder- noch ein typischer Animationsfilm ist. Mit großer Sensibilität, aber ohne falsche Scheu vor schmerzlichen Wahrheiten erzählen Regisseur Claude Barras und Drehbuchautorin Céline Sciamma ("Girlhood") von dem Heim, in das Zucchini nach dem Tod seiner Mutter kommt und wo er auf Kinder trifft, die ähnliche Gewalt- und Verlusterfahrungen gemacht haben. Die Figurenzeichnung und die Modellierung der Puppen gelingen überaus genau. Trotzdem liegt etwas Allgemeingültiges darin, wie sich die Kinder über ihre verschiedenen Herkünfte und Traumata hinweg annähern: Schmerz und Trauer sind Teil des Lebens; wir tun niemandem einen Gefallen, wenn wir sie ausblenden - schon gar nicht im Kinderfilm. In Cannes gefeiert und von der Schweiz für den Auslands-Oscar eingereicht, ist "Mein Leben als Zucchini" die richtige Wahl zur Eröffnung eines Festivals, bei dem der Animationsfilm oft ziemlich zu kurz gekommen ist. (Deutscher Kinostart: 16. Februar 2017) Hannah Pilarczyk


"A Young Girl in Her Nineties"
Valeria Bruni Tedeschi, Yann Coridian/ DOK Leipzig

"A Young Girl in Her Nineties"

Das Heim für Alzheimer-Patienten ist ein Ort der Bewegungslosigkeit. Wenn Blanche Moreau, eine der Ältesten dort, vom Speisesaal in ihr Zimmer geht, dann ist damit ein Tag mit Programm gefüllt. Nur kurz zeigen uns die beiden Filmemacher Valeria Bruni Tedeschi und Yann Coridian die Melancholie, die von diesem Ort ausgeht, bevor sie ihn völlig transformieren, beziehungsweise transformieren lassen. Täglich kommt der Tänzer und Choreograf Thierry Thieû Niang ins Pflegeheim, um mit Patientinnen und Patienten einen Bewegungsdialog zu führen. Manchmal tanzen ganze Körper durch den Raum, manchmal nur ein paar Finger auf der Lehne eines Rollstuhls. Wie der Tanz ausgerechnet an diesem Ort in seinen unterschiedlichsten Facetten und Figurationen zum Ausdruck kommt, ist die eine Leistung dieses Films. Die andere ist, dass wir Blanche dabei zusehen, wie sie sich in den Tänzer verliebt. "A Young Girl in Her Nineties" ist ein Dokument des allerintimsten Geschehens - das gibt es selten. Lukas Stern


"Austerlitz"
Sergei Loznitsa/ DOK Leipzig

"Austerlitz"

"Goebbels hat gewonnen", hat Sergej Loznitsa im Interview mit der "New York Times" Bilder aus seinem neuen Film "Austerlitz" ausnahmsweise selber kommentiert. Sie zeigen, wie Touristen in Dachau Selfies vor dem Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" machen. Nicht ein verirrter Besucher, sondern zahllose. Orte und ihre Aneignung, Umdeutung, Preisgabe durch den Menschen hat Loznitsa bereits in "Maidan" bestechend klug für die Analyse aufbereitet - aber nicht selber analysiert, was einen Unterschied ums Ganze macht. Die weiterführende Arbeit mit den Bildern überlässt Loznitza nämlich seinen Zuschauern, und wer diese Herausforderung annimmt, dem erschließt sich ein wahres Seherlebnis. So auch in "Austerlitz", für den Loznitsa Touristen in verschiedenen KZ-Gedenkstätten beobachtet hat. Dass er in Schwarz-Weiß gedreht hat, ist allerdings für seine Verhältnisse ein fast brachiales Stilmittel: Wenn ein Besucher mit "Jurassic Park"-T-Shirt durch eine Gedenkstätte stapft, dann dämpft das Schwarz-Weiß die Farben der Gegenwart nicht, sondern lässt sie im Gegenteil umso greller leuchten. Hannah Pilarczyk


"Cahier Africain"
Heidi Specogna/ DOK Leipzig

"Cahier Africain"

Nach ihrem preisgekrönten Film "Carte Blanche" über die Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofs führt uns Heidi Specogna erneut in die Zentralafrikanische Republik. Das titelgebende "Cahier Africain" (Deutscher Kinostart: 10. November) ist ein Schulheft, in dem 300 Fotos und Zeugenaussagen von Opfern kongolesischer Rebellen gesammelt wurden. Einige Frauen haben Kinder auf die Welt gebracht, die in Vergewaltigungen gezeugt worden sind, dem jungen Mädchen Arlette wurde das Bein zerschossen (ihr wurde bereits das Filmporträt "Arlette. Mut ist ein Muskel" von Florian Hoffmann gewidmet), viele andere sind traumatisiert von den Gewaltverbrechen, die sie in den Jahren des Krieges und der Rebellionen stets aufs Neue durchleben mussten. Eine der grandiosesten Szenen zeigt eine Versammlung der Opfer in einer kargen Hütte. Mittels eines Beamers verfolgen sie die Verhandlungen im Fall des Milizenführers Jean-Pierre Bemba am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Viele melden sich zu Wort, stehen auf, sprechen in die Gruppe, fordern ihre Rechte. Eine absurde, eine erschreckende Situation. Denn wer hört sie dort? Sie sprechen unter sich. Nichts dringt durch die Leinwand nach Den Haag, wo sie gehört werden wollen und sollen. In solchen Szenen gelingt es Specogna auf unglaublich kluge Weise, die Widersinnigkeit ganzer Weltverhältnisse ans Licht zu führen. Aber wie passen die Aufnahmen von durchschossenen Köpfen und zugerichteten Leibern - Aufnahmen, die die Leichen nicht nur flüchtig zeigen, sondern die mit einem seltsamen Interesse immer näher an sie heran führen, sie umkreisen, ihre Wunden suchen - zu dieser Klugheit? Es bleiben Fragen. Lukas Stern


"Baglar"
Berke Ba¿, Melis Birder/ DOK Leipzig

"Baglar"

In "Baglar" von Berke Bas und Melis Birder erscheint die Wirklichkeit streckenweise wie ein Sportlerdrama aus Hollywood. Während in den Straßen von Diyarbakr, im Osten der Türkei, Reifen brennen und die Polizei Wasserwerfer gegen die kurdische PKK und ihre Anhänger einsetzt, trainiert Basketballcoach Gökhan junge Männer in einer Sporthalle im Stadtteil Balar. Das Ziel: in die nationale Liga aufzusteigen. Krieg und Sport werden von den Filmemachern geradezu offensiv miteinander verschaltet. Auf fliegende Steine folgen springende Bälle. Wie es sich für einen Sportfilm gehört, läuft auch dieser auf ein in besonderem Sinne entscheidendes Finale hinaus. Verhandelt werden die klassischen Fragen nach Zusammenhalt und sozialen Synergieeffekten. Gleichzeitig sieht man aber auch einen Kriegsfilm. Einen Film, der viel von dem, was er bejaht und bejubelt, wieder aufs Spiel setzt, der es - und darin besteht das Drama - wieder aufs Spiel setzen muss. Lukas Stern


DOK Leipzig läuft vom 31.10 bis 6.11. Das Programm finden Siehier

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.