Anti-AKW-Doku "Das Ding am Deich" Wo der Wutbürger auf die Welt kam

Der erbitterte Widerstand gegen das AKW Brokdorf gehört zu den Urmomenten der deutschen Umweltbewegung. Die Kinodoku "Das Ding am Deich" porträtiert nun Veteranen dieses Protests. Viele sehen sich selbst als Verlierer - doch sie könnten als Gewinner in die Geschichte eingehen.
Von Jörg Schöning
Anti-AKW-Doku "Das Ding am Deich": Wo der Wutbürger auf die Welt kam

Anti-AKW-Doku "Das Ding am Deich": Wo der Wutbürger auf die Welt kam

Foto: Barbara Metzlaff/ thede Filmprod

Am Freibad der Gemeinde Brokdorf schieden sich stets die Geister. Im Frühjahr 1980 wurde es eröffnet, als auf der Großbaustelle des Kernkraftwerks Baustopp herrschte. "Das große Schwimmbad für die kleine Gemeinde", wie es in einer NDR-Reportage hieß, war zugleich politisches Geschenk und Symbol, das Vertrauen in den Bau des benachbarten AKW stiften sollte. Nicht nur der Bürgermeister war sehr glücklich über den - selbstverständlich beheizbaren - Pool. Das sieht man auf Filmaufnahmen, die bei der Einweihung entstanden. Auch Landesvater Uwe Barschel strahlte: Schließlich hatte das Land Schleswig-Holstein das 6,62 Millionen D-Mark teure Freizeitvergnügen "großzügig gefördert".

Heute ziehen dort Senioren still ihre Bahnen. Anderen Angehörigen ihrer Generation wäre aber nicht im Entferntesten eingefallen, hier zu schwimmen. Helmut Häuser, beispielsweise. Der Kernkraftgegner hat vor 30 Jahren ein Flugblatt verfasst, das zum Boykott des Bads aufrief - ohne spürbare Wirkung. Der Flugzeugbauer aus Hollerwettern ist dennoch weiter nur in der Elbe schwimmen gegangen, auch als diese noch viel schmutziger war. "Ich hab das nie aufgegeben", sagt er mit Trotz, aber auch ein bisschen stolz.

"Vom Widerstand gegen ein Atomkraftwerk" - so der Untertitel ihres Films - berichtet Antje Hubert auf ebenso anschauliche wie anrührende Weise. Sie rekonstruiert den fast 40 Jahre währenden Konflikt durch reichhaltiges Dokumentarmaterial, "Das Ding am Deich" ist eine gründliche Chronik. Sie reicht von den Versammlungen regionaler Initiativen Mitte der Siebziger über die Großdemos der Achtziger mit Zehntausenden von Teilnehmern, die auf Polizei mit Wasserwerfern und Hubschraubern trafen, bis zum langwierigen Gerichtsverfahren, in dem die örtlichen Einspruchskläger unterlagen, so dass das AKW in der Wilster Marsch 1986 - nur ein halbes Jahr nach dem GAU von Tschernobyl - ans Netz gehen durfte.

Die Lebensgeschichten hinter dem AKW

Doch so empörend das politische Procedere heute noch sein mag - faszinierender sind die privaten Perspektiven, die Hubert eröffnet. Es sind Alltagsbeobachtungen wie jene am Schwimmbad, die den tiefen Riss offenbaren, der zwischen Kernkraftgegnern und -befürwortern in Brokdorf unverändert verläuft. "Wie lebt man mit einem AKW in der Nachbarschaft?" Das interessierte die Regisseurin, als sie Anfang 2010 - mehr als ein Jahr vor Fukushima - mit den Dreharbeiten vor Ort begann. "Vor allem, wenn man jahrelang gegen dieses AKW gekämpft hat? Mich hat interessiert: Welche Lebensgeschichten verbergen sich dahinter?"

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Kinodoku "Das Ding am Deich": Brokdorf protestiert

Foto: Barbara Metzlaff/ thede Filmprod

Also sprach sie mit Alteingesessenen wie den Milchbauern Heinrich Voß und Ali Reimers, die schon in den frühen Dokumentarfilmen mitgewirkt hatten, mit dem Meteorologen Karsten Hinrichsen, der seine Nachbarschaft mit Strom aus regenerativen Quellen versorgt. Oder der Architektin Christine Scheer, die von üblen Beschimpfungen durch Nachbarn berichtet, aber auch von vielen Kontakten zu angereisten Demonstranten selbst aus weiter Ferne, dank derer die Dörfler geradezu weltläufig wurden.

"Wichtig war mir, dass sie unmittelbar am AKW leben, damit man ein visuelles Gespür für diese Nachbarschaft entwickelt", erläutert Hubert die Auswahl ihrer Protagonisten. In den ruhigen, atmosphärischen Bildern der Kamerafrau Barbara Metzlaff ist schon an den wechselnden Jahreszeiten zu erkennen, dass sich die Macherinnen für diesen Film viel Zeit gelassen haben.

"Da war der Traum vom Rechtsstaat vorbei"

"Über ein Jahr lang sind wir immer wieder hingefahren", bestätigt die Regisseurin. "Mir lag sehr daran, die Wilster Marsch über einen längeren Zeitraum hinweg zu zeigen. Es gelingt mir bis heute nicht, das AKW in diese Landschaft einzuordnen. Deshalb auch die vielen Totalen im Film: Einerseits gibt es die Weite des Blicks, und dann hat man plötzlich dieses Ding vor Augen - viele Leute dort sprechen von dem 'Ding' und gucken am liebsten gar nicht hin. Sondern versuchen, es aus dem eigenen Blickfeld zu verdrängen. Was aber nicht gelingen kann."

Unverrückbar ist der Bau in die Biographien einbetoniert. Hubert berichtet etwa von Fotoalben, in denen Bilder von Kindern vorm Weihnachtsbaum neben denen von Wasserwerfern kleben. Ihr Film ist so vor allem ein kultur- und mentalitätsgeschichtliches Werk ersten Ranges. Denn er führt die Entstehung - und Untergrabung - bürgerrechtlichen Bewusstseins in der Bundesrepublik exemplarisch vor.

"Ich persönlich hab' ja an den demokratischen Rechtsstaat geglaubt, seinerzeit", erzählt Milchbauer Reimers, mittlerweile ergraut, über alte Zeitungsberichte gebeugt. Wie dann jedoch Parlamente und Behörden mit legislativen und juristischen Tricksereien den Argumenten der frühen "Wutbürger" den Wind aus den Segeln nahmen, hat er bis heute nicht verdaut. "Da war der Traum vom demokratischen Rechtsstaat vorbei", konstatiert der Veteran, ehe er, von Tränen überwältigt, das Interview abbricht.

"Brokdorf wird ja oft als Niederlage der AKW-Bewegung gesehen", sagt Hubert. Doch ihr Fazit lautet anders: "Ich glaube, dass der Widerstand bis heute seinen Wert hat. Er hat verhindert, dass noch mehr AKW gebaut wurden. Und Fukushima hat die Argumente der Gegner doch bestätigt. In was für einem Land würden wir leben, wenn es Leute wie Heinrich Voß und Ali Reimers nicht gäbe? Für mich sind das keine Verlierer. Verlierer ist immer nur wieder der Staat gewesen."