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Tanz-Revolutionär Merce Cunningham Begegnung auf Hüfthöhe

Zum 100. Geburtstag von Merce Cunningham hat Alla Kovgan dem Tanz-Neudenker einen Dokumentarfilm gewidmet. In 3D inszeniert "Cunningham" dessen herausragendes Lebenswerk neu.

Die eine Sache, die Musik und Tanz gemeinsam hätten, sagte der US-amerikanische Tänzer Merce Cunningham einmal, sei Zeit. Er habe versucht, dass auf der Bühne beides existieren könne, aber unabhängig voneinander. Hier die Tänzer, dort der Sound, beide ihrem eigenen Ding folgend.

Ein Glücksfall also, einen Film über all das zu machen. Weil Film als Medium, das selbst auf Zeit basiert, genau dasselbe Prinzip feiert: dass Ton und Bild auseinanderfallen können. Merce Cunningham wäre in diesem Jahr 100 geworden, er starb vor zehn Jahren, fast zeitgleich mit der anderen Großen dieser Zunft, Pina Bausch. Jetzt kommt mit Alla Kovgans "Cunningham" ein 3D-Dokumentarfilm ins Kino, der seine Choreografien, sein Neudenken von Tanz als Kunstgattung zeigen will - und seine zwischen 1942 und 1972 entstandenen Stücke neu inszeniert, dazu Archivmaterial.

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"Cunningham": Tanz den Revolutionär

Foto: Camino

Doch das Zitat aus dem Einstieg stammt aus einem anderen Film, und das ist der Haken: Es empfiehlt sich, zumindest zuerst eine andere Doku anzuschauen - nämlich den 56-Minüter "Merce Cunningham: Tanz als Vermächtnis" von Marie-Hélène Rebois. Erst mit dem Wissen um Cunninghams Technik, das Rebois' Film vermittelt, können die Versatzstücke aus Kovgans Film wirken.

Denn bei ihr bleibt das alles Behauptung. Sie zitiert zwar, wie Cunningham etwa Raum neu vermessen wollte, eine per se abstrakte Idee - und zeigt dann eine Szene, wie Tanzende einen Bühnenraum durchqueren. Mehr nicht. Wie und weshalb Cunningham klassische Ballettelemente und modernen Tanz neu konfigurierte, eine neue Technik begründete, was das Revolutionäre war, bleibt ungenau oder ganz unbenannt.

Eine weitere Schwäche des Films ist sein Einsatz von 3D. Denn wenn ein Film explizit mit dieser Technik das Schaffen eines Tänzers und Choreografen vermitteln will, kann er mehr leisten, als dokumentarisch aufzuzeigen, was war. Das ist offenkundig seit Wim Wenders' Überraschungserfolg "Pina" von 2011: Dieses Werk hat ein eigenes Genre begründet, es wird immer Referenzpunkt bleiben. Wenders hat bewiesen, dass ein 3D-Film den Charakter von Tanz als vierdimensionaler, bewegter Skulptur erlebbar machen kann - für alle, die nicht live mit auf der Bühne stehen mit eigenen kaputt geschundenen Füßen.


"Cunningham"
Deutschland, Frankreich 2018
Buch und Regie:
Alla Kovgan
Produktion: Arsam International, Sovereign pictures
Verleih: Camino Filmverleih
Länge: 88 Minuten
FSK: ab 0 Jahren
Start: 19. Dezember 2019


In "Cunningham" sind die Verweise auf Wenders' Film unübersehbar. Da ist das 3D-Format, die reinszenierten Tanzsequenzen in alltäglicher Umgebung, auf dem Hochhausdach in New York, im Wald, im Flughafenverbindungsgang. Ein paar dieser Szenen lassen durchaus erahnen, welche Kraft in diesen Kunstwerken steckte: Wenn in "Summerspace" von 1958 die getüpfelten Tänzer mit der ebenso impressionistisch-bunt gesprenkelten Kulisse von Rauschenberg verschmelzen. Oder wenn Ensemble und mit Helium gefüllte Silberfolienkissen umeinander tanzen. Die Kissen stammen von Andy Warhol, der sie Cunningham für "RainForest", eine Kollaboration von 1968, nutzen ließ.

Es bleibt aber beim Erahnen, denn Kovgan durchbricht die Illusion stets. Mit Schnitten, Perspektivwechseln, gar Einstellungen, die auf Hüfthöhe enden, sodass die so elementare mehrdimensionale Wahrnehmung verpufft, und ausgerechnet die Beine nicht zu sehen sind. Damit versagt sie den aufwendig neu eingetanzten Stücken von vorneherein, ihre Wirkung überhaupt erst entfalten zu können. Ein derartig aufwendiges Projekt - und der Eindruck von Cunninghams Choreografien bleibt an der Oberfläche hängen. Es ist ein Jammer.

Nur auf einer Ebene vermittelt Kovgan, was Cunninghams Schaffen historisch so spektakulär macht: Seine Bühne wurde Raum für gattungsüberschreitende Kunst. Nicht nur arbeiteten er und der Komponist John Cageüber Jahrzehnte als Duo (und waren auch ein Paar, was hier aber nur erahnbar bleibt). Als die beiden 1948 den späteren Pop-Art-Begründer Robert Rauschenbergkennenlernten, wurde daraus die Kollaboration von drei Ausnahmekünstlern.

Im Video: Der Trailer zu "Cunningham"

Camino Filmverleih

Rauschenberg entwarf fortan Bühnenbild und Kostüme, zeitweise kamen auch Jasper Johns, Nam June Paik, Roy Lichtensteinan Bord. Die ganze Compagnie fuhr im Kleinbus von Auftritt zu Auftritt quer über Land, wurde in Paris mit Eiern beworfen und in London ausgebuht oder umgekehrt.

"So etwas wie Stille gibt es nicht", sagte John Cage über seine Arbeit. "Ich habe nichts zu sagen, und ich sage es." Merce Cunningham wollte keine Geschichten erzählen, sondern Körper, Bewegung, Sound für sich stehen lassen. Hätte Kovgan sich nur mal davon inspirieren lassen.

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