Doku über den Thomanerchor Jauchzet, frohlocket! Und verkläret.

Jesus, ist das harmonisch! Pünktlich zum 800-jährigen Bestehen startet eine Kinodoku über den weltberühmten Leipziger Thomanerchor. "Die Thomaner" macht Lust auf Kirchenmusik und zeigt Jungen, von denen Familienministerin Schröder nur träumen kann. Aber warum nur diese Heile-Welt-Blase?

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Der Internatsflur ist leer, ein stiller Morgen um halb sieben. Ein Junge taucht auf, geht auf die Stereoanlage zu, die zwischen zwei Zimmern steht, drückt auf "Play". "This ain't a song for the broken-hearted", schreit Jon Bon Jovi.

So wachen die 93 Leipziger Thomaner auf und schlurfen mit ihren Zahnbürsten ins Gruppenbad. Sie, die jeden Tag im Chor "Jauchzet, frohlocket", "Jesu bleibet meine Freude" oder sonst was von Bach singen und zwischendurch ihre Justin-Bieber-Ponys aus dem Gesicht wischen.

Bon Jovi, Bieber und Bach, der als ehemaliger Kantor in der benachbarten Thomaskirche begraben ist: Wie das tagtäglich im Leben singender Jungs und Teenies aufeinanderknallt, zeigt der Dokumentarfilm "Die Thomaner" und bildet damit den Auftakt zur großen 800-Jahr-Feier des Chors in diesem Jahr. Es gibt eine 800-Jahr-Website, eine Fanseite bei Facebook, einen (leeren) Twitter-Account, auch der MDR hat eine Themenseite gestartet.

Der Film ist zum Glück keine Geschichts-Doku geworden, auch die notorischen Ex-Thomaner Die Prinzen tauchen nicht auf. Von den 800 Jahren wird nur ein einziges Mal erzählt: Das Filmteam hat die Internatsschüler nach den Sommerferien ein Schuljahr lang begleitet, auch auf die Südamerika-Tournee, zwischendurch gibt es Interviewschnipsel von Schülern, die über die Tradition des Chors sinnieren. Bach finden sie "cool".

Musikfilme sind die Spezialität von Regisseur Paul-Ludwig Smaczny und Autor Günter Atteln, auf ihrer Werkliste stehen Portraits über Dirigenten wie Daniel Barenboim oder Claudio Abbado, die Berliner Philharmoniker, den Komponisten Pierre Boulez.

"Die Thomaner" wirkt nun weniger wie ein Sammelporträt, denn wie ein charmanter Imagefilm. Ein bisschen von Kästners "Fliegendem Klassenzimmer", ansonsten viel heile Welt. Natürlich, der Zauber dieser Jungs mit ihren Kieler Blusen und ihren umwerfenden Stimmen wirkt. Es ist einfach lässig, wie sie auf ihren Stühlen herumfläzen und dennoch singen, als stünden sie gerade vor vollem Haus. Es ist sympathisch, dass ihre Hemden knittrig aus der Hose hängen und es keinen schert; dass es der Internatsleitung reicht, wenn die Hälfte der Schüler getauft und gläubig ist, der Rest nur wegen der Musik dabei ist; oder dass sie zwischendurch Fußball gegen die Jungs vom Dresdner Kreuzchor spielen und in der Weihnachtsnacht kichernd durch Leipzig ziehen, sich mitten auf die Straße stellen und den Anwohnern Weihnachtslieder singen. Und wenn dann noch die Kirchenorgelmusik dröhnt, dass einem im Kino fast der Kopf wegfliegt, die Bachgesänge von den Kirchenwänden schallen - dann haben die Jungs einen endgültig.

Marihuana-Zeichen an den Wänden

Aber in dieser Blase bleibt die Doku leider stecken. Die einzige Schattenseite des Thomanerlebens scheint ein bisschen Heimweh zu sein. Dass Essen stets innerhalb einer Viertelstunde runterzuschlingen ist, Privatheit nicht existiert, und man das Pech haben kann, jahrelang unter der Knute eines fiesen Stubenältesten zu stehen - gehört zum Charme des Internatslebens.

Jedoch: Dass man im Sommer 2010 Dreharbeiten in einem kirchlichen Jungsinternat beginnen kann, monatelang "Alumnaten" im Alter von 10 bis 19 begleitet und nicht einmal ansatzweise das offensichtliche Thema "Sexueller Missbrauch" zumindest streift, scheint dann doch ignorant. Damals klang schon das Wort "Knabenchor" verdächtig, es war das Jahr, in der die immer größer werdende Aufklärungswelle über sexuellen Missbrauch an Internaten und kirchlichen Institutionen ihren Lauf nahm. Auch gegen Thomaner gab es in den vergangenen Jahren wiederholt Vorwürfe.

Dass das auch im Drehjahr Thema war, beweist der Ansprechpartner für mögliche Missbrauchsopfer, den Internatsleitung und Stadt im Frühjahr 2010 ernannt haben. Und vielleicht ist das auch mit ein Grund, weshalb beim derzeitigen Umbau des Internats, der im Film vorbereitet wird, die Stuben verkleinert werden: keine großen Schlafräume mehr mit Älteren und Jüngeren gemischt, hin zu Zweierzimmern in WG-Atmosphäre. Damit passe man sich an die Sozialisierung der Kinder von heute an, heißt es.

Nicht nur deshalb ist es ein sehr heutiger Männerfilm. Mit Jungs, die sich "Full Metal Village"-Poster und Marihuana-Zeichen an die Zimmerwände kleben. Wo sich die Älteren wie selbstverständlich um die Jüngeren kümmern, vor den Auftritten noch mal die Fussel von den Hosen bürsten, kontrollieren, ob die Hände sauber sind. Mit Jungs, die wissen, dass ihr Erfolg immer eine Gemeinschaftsleistung ist, die Spitzennoten im Gymnasium bekommen, danach proben und Sätze sagen wie: "Ich frage mich immer, wie die Externen ihre Zeit totschlagen. Ich verstehe nicht, was die den ganzen Tag machen." Und die, wie der hart-aber-herzliche Chorleiter Georg Christoph Biller sagt, beim Singen "aus sich herausgehen, seelische Zustände äußern, was vielen ja schwerfällt".

Eins ist klar: Wenn das Feuilleton über kriselnde Männer-Identitäten debattiert oder Familienministerin Kristina Schröder meint, Jungs bedürften einer besonderen Förderung, dann sind die, die aus diesem Leipziger Mikrokosmos kommen, nicht gemeint.



insgesamt 10 Beiträge
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Montanabear 17.02.2012
1. Thomaner-Chor
Frau Haemig macht ihem Namen alle Ehre. Zerreissen, zerreissen - dann klinge ich wie eine Intellektuelle. Sozialneid, Sozialkritik, hemdsaermelige Schnodderigkeiten wie "schoen, dass das zerknitterte Hemd hervorschaut." Was, bitte, sit denn so schoen daran, dass man es extra hervorheben muss ? Und was ist so schrecklich daran, dass die Ponys gekaemmt sind ? Ist Frau Haemigs Ideal ein Skater mit rutschenden Hosen und zerfledderten Schuhen ? Daran ist nichts zu kritisieren, aber eine Journalistin sollte sich ueber ihre eigenen Vorurteile hinwegsetzen koennen. Eilbulletin : diese Doku ist eine Doku ueber eine 800-ahre-alte Institution, keine geringe Leistung, wenn man die deutsche Geschichte betrachtet. Dass Jungs heute noch willens sind, die Disziplin auf sich zu nehmen, weil sie den Chor fuer wichtig und gut halten, ist fuer mich edensfalls eine Freude. Der Titel der Doku heisst nicht : "Die Schattenseiten des Thomanerchor", liebe Frau Haemig. Wenn Sie nichts als saure Gurken in hrem Koecher haben, sollten Sie vielleicht einmal in sich gehen. Ich habe grossen Respekt vor diesen Jungen , aber dann bin ich einer dieser altmodischen Leute, die noch Leistung anerkennen. Totales Windei, dieser Artikel. Wenn Sie meinen, es sei noetig und wuerde genug Leser ineressieren, schreiben Sie doch einen Artikel ueber die Schattenseiten des Internatslebens, aber lassen Sie die Thomaner nach ihren Werten leben. Nichts als saure Trauben.
jiddhu 17.02.2012
2. Widerliche Polemik
Wer Zeit hat, sollte sich Folgendes einmal anhoeren: FIGARO trifft ... Ulrich Kaiser | MDR.DE (http://www.mdr.de/mdr-figaro/figarotrifft-ulrich-kaiser100.html) Danach einmal mit der geschaedigten Lebenshaltung der Autorin vergleichen. Besonders widerlich diese Krokodilstraenen: > nicht einmal ansatzweise das offensichtliche Thema "Sexueller Missbrauch" zumindest streift Hier suhlt sich jemand offensichtlich mit Hingabe im Schlamm des letzten durch das Dorf getriebenen Schweines. Kirche, Knaben, da ist doch immer was, wissen wir doch alle, hoeren Sie mal! Ich wuesste nicht, dass da irgend etwas das Attribut "offensichtlich" verdient. So appeliert man an manipulierte Geister, die willig weiteren Schmutz aufnehmen. Sagt mehr ueber den Boten.
Earendil77 17.02.2012
3. institutionalisiertes bullying
Zitat von MontanabearFrau Haemig macht ihem Namen alle Ehre. Zerreissen, zerreissen - dann klinge ich wie eine Intellektuelle. Sozialneid, Sozialkritik, hemdsaermelige Schnodderigkeiten wie "schoen, dass das zerknitterte Hemd hervorschaut." Was, bitte, sit denn so schoen daran, dass man es extra hervorheben muss ? Und was ist so schrecklich daran, dass die Ponys gekaemmt sind ? Ist Frau Haemigs Ideal ein Skater mit rutschenden Hosen und zerfledderten Schuhen ? Daran ist nichts zu kritisieren, aber eine Journalistin sollte sich ueber ihre eigenen Vorurteile hinwegsetzen koennen. Eilbulletin : diese Doku ist eine Doku ueber eine 800-ahre-alte Institution, keine geringe Leistung, wenn man die deutsche Geschichte betrachtet. Dass Jungs heute noch willens sind, die Disziplin auf sich zu nehmen, weil sie den Chor fuer wichtig und gut halten, ist fuer mich edensfalls eine Freude. Der Titel der Doku heisst nicht : "Die Schattenseiten des Thomanerchor", liebe Frau Haemig. Wenn Sie nichts als saure Gurken in hrem Koecher haben, sollten Sie vielleicht einmal in sich gehen. Ich habe grossen Respekt vor diesen Jungen , aber dann bin ich einer dieser altmodischen Leute, die noch Leistung anerkennen. Totales Windei, dieser Artikel. Wenn Sie meinen, es sei noetig und wuerde genug Leser ineressieren, schreiben Sie doch einen Artikel ueber die Schattenseiten des Internatslebens, aber lassen Sie die Thomaner nach ihren Werten leben. Nichts als saure Trauben.
Viele richtige Punkte, aber: Die Obsession der Medien und ganz besonders des Spiegels für sexuellen Missbrauch geht mir inzwischen tierisch auf den Zeiger! Dabei benennt der verlinkte, drei Jahre alte Artikel von Wensierski, auch wenn er einige Schwächen aufweist, recht gut strukturelle Missstände. Vor allem das System, ältere Internatszöglinge mit der Kontrolle oder gar Bestrafung von Jüngeren zu beauftragen, kann nur als institutionalisiertes bullying bezeichnet werden. Wo pubertierenden Jungs Macht über Jüngere übertragen wird, ist Machtmissbrauch quasi vorprogrammiert. So ein auf einer Hackordnung basierendes "Erziehungsprinzip" kennt man vom Prefect-System britischen Schulen im 19. oder 20. Jahrhundert, aber dass so etwas heute in Deutschland noch möglich ist, überrascht mich doch. Einen öffentlichen Aufschrei gibt es aber erst, wenn der unweigerliche Machtmissbrauch mal sexuelle Formen annimmt... Die Erkenntnis, dass auch und gerade Internatskinder etwas Privatsphäre brauchen und Zweierzimmer deshalb besser sind als Schlafsäle, kommt mir auch reichlich spät. Hätte ich eigentlich erwartet, dass das heute Standard ist. Wenn Kinder immer geschniegelt und gebügelt rumlaufen, kommt Ihnen das nicht unheimlich vor? Sind Sie nicht erleichtert zu sehen, wenn die Chorknaben auch mal Kinder sein dürfen? Nein, sind Sie natürlich nicht, denn Sie sind ja "altmodisch". Was in Ihrem Fall (ich kenne ja nun schon ein paar andere Beiträge von Ihnen) einfach ein Euphemismus für "reaktionär" ist. Mit einem Wort: Propaganda.
caecilia_metella 17.02.2012
4. Missverständnis?
Zitat von MontanabearFrau Haemig macht ihem Namen alle Ehre. Zerreissen, zerreissen - dann klinge ich wie eine Intellektuelle. Sozialneid, Sozialkritik, hemdsaermelige Schnodderigkeiten wie "schoen, dass das zerknitterte Hemd hervorschaut." Was, bitte, sit denn so schoen daran, dass man es extra hervorheben muss ? Und was ist so schrecklich daran, dass die Ponys gekaemmt sind ? Ist Frau Haemigs Ideal ein Skater mit rutschenden Hosen und zerfledderten Schuhen ? Daran ist nichts zu kritisieren, aber eine Journalistin sollte sich ueber ihre eigenen Vorurteile hinwegsetzen koennen. Eilbulletin : diese Doku ist eine Doku ueber eine 800-ahre-alte Institution, keine geringe Leistung, wenn man die deutsche Geschichte betrachtet. Dass Jungs heute noch willens sind, die Disziplin auf sich zu nehmen, weil sie den Chor fuer wichtig und gut halten, ist fuer mich edensfalls eine Freude. Der Titel der Doku heisst nicht : "Die Schattenseiten des Thomanerchor", liebe Frau Haemig. Wenn Sie nichts als saure Gurken in hrem Koecher haben, sollten Sie vielleicht einmal in sich gehen. Ich habe grossen Respekt vor diesen Jungen , aber dann bin ich einer dieser altmodischen Leute, die noch Leistung anerkennen. Totales Windei, dieser Artikel. Wenn Sie meinen, es sei noetig und wuerde genug Leser ineressieren, schreiben Sie doch einen Artikel ueber die Schattenseiten des Internatslebens, aber lassen Sie die Thomaner nach ihren Werten leben. Nichts als saure Trauben.
Zitat (z.B.): Sie, die jeden Tag im Chor "Jauchzet, frohlocket", "Jesu bleibet meine Freude" oder sonst was von Bach singen und zwischendurch ihre Justin-Bieber-Ponys aus dem Gesicht wischen. Ich verstehe es vielmehr so, dass die Jungen mehrere Welten kennen: Jesus, Bach und Justin Bieber.
Herr Kules 18.02.2012
5.
Zitat von sysopACCENTUS Music Jesus, ist das harmonisch! Pünktlich zum 800-jährigen Bestehen startet eine Kinodoku über den weltberühmten Leipziger Thomaner-Chor. "Die Thomaner" macht Lust auf Kirchenmusik und zeigt Jungen, von denen Familienministerin Schröder nur träumen kann. Aber warum nur diese Heile-Welt-Blase? http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,815725,00.html
AAh, da hat doch tatsächlich jemand einen Film gemacht, der vorher nicht vom Spiegel freigegeben wurde. Tststs. Da müssen wir dann schon ein wenig Dreck schmeißen, nicht war? Mir stinkt dieses arrogante "wir allein wissen, wie die Welt zu funktionieren hat" über alle Maßen. Wenn ich schon "Heile-Welt-Blase" lese, weiß ich, wohin es gehen soll. Da wäre doch ein "Roter Wedding grüßt Euch, Genossen" oder "Der Spiegel, der Spiegel der hat immer recht" viieeel besser für die kindliche Entwicklung, gelle?
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