Dokumentarfilm "A Man Within" Ein absolut großartiges Arschloch

Literarisches Genie oder drogenabhängiger Mörder: Wer war der Beat-Poet William S. Burroughs wirklich? Ein Dokumentarfilm geht der Frage nach und zeigt nicht nur das Monster, sondern auch den Menschen - und zwar so intim, dass es einem den Atem verschlägt.

Yony Leyser/ BulletProof Film

Von Diana Aust


Sein amerikanischer Akzent holpert zur Klaviermusik: "Eiiiim woon Choopf bis Wuuus auf Liibiiiii eingeschtelllt". Mit schleppender, dunkler Stimme spuckt er Marlene Dietrichs Zeile "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" aus. So, wie er "Liibiiii" sagt, läuft es einem kalt den Rücken runter. Der Mann, der da über Liebe singt, hat in seinem ganzen Leben selbst keine gefunden.

Es ist die Stimme des Schriftstellers William S. Burroughs auf seiner Platte "Dead City Radio" von 1990. Nur wenige Fans dürften wissen, dass der Beat-Poet Burroughs auch gesungen hat. Hören und sehen kann man das im Dokumentarfilm " William S. Burroughs: A Man Within", der seit Mitte Februar in den USA auf DVD erhältlich ist und nun beim Berliner Musikfilmfestival In-Edit gezeigt wird. Die Szene, in der man den Schriftsteller singen hört, ist kurz - und doch sagt sie alles über Burroughs aus. Er ist "A Man Within", ein Mann, der sich sein ganzes Leben nichts und niemandem zugehörig fühlt, dazwischen steht.

Doch - halt! Schon wieder ein Film über die Beat Generation? Nachdem erst kürzlich "Howl" in deutsche Kinos kam und seit Monaten Buchneuerscheinungen den Markt überschwemmen? Für jene, an denen der Hype bislang vorbeigegangen ist: Die Beat Generation, das waren zuerst einmal drei Freunde: William S. Burroughs, Jack Kerouac und Allen Ginsberg. Alle drei schrieben: Burroughs den Roman "Naked Lunch", Ginsberg das Gedicht "Howl", Kerouac den Roman "On the Road". Es waren Texte, die sich gegen das prüde Amerika der fünfziger Jahre richteten und Themen wie Homosexualität und Drogensucht offensiv angingen. Dafür wurden die Werke verboten, was den Autoren große Beachtung einbrachte. Beat, das wurde zum Lebensgefühl einer ganzen Generation.

Der Gott mit dem Dildo

Muss man sich also noch einen Film darüber ansehen? Die Antwort: unbedingt! Selten hat es ein Dokumentarfilm geschafft, so nah an einen Menschen heranzukommen, dass es einem den Atem verschlägt. Das liegt vor allem daran, dass die engsten Freunde Burroughs', von seinem Nachlassverwalter James Grauerholz über Schauspieler wie Peter Weller bis zu seinen Ex-Liebhabern, sich in intimen Interviews an ihn erinnern - und dabei auch viel über sich selbst verraten. Patti Smith zum Beispiel gesteht: "Ich war total verknallt in William und träumte davon, ihn zu heiraten". Das ist zwar nie geschehen, aber man sieht die verlebte Rockerin, wie sie in ihrer Wohnung sitzt, versonnen lächelt und dann einen amerikanischen Folksong anzustimmt - "den wollte William immer hören". Nur wenige nennen ihn "William", die meisten nur "Burroughs". Lange bevor Patti Smith auf öffentlichen Bühnen auftrat, sang sie für ihn.

"Er war berühmt für die falschen Dinge: Er war schwul, er war ein Junkie, er sah nicht gut aus, er hat seine Frau erschossen, er hat über Arschlöcher und Heroin geschrieben. Er war nicht einfach zu mögen." Das sagt der Regisseur und Paradisvogel John Waters, bekannt für Trashfilme wie "Pink Flamingos", über seinen Weggefährten. Das Monster sahen viele in Burroughs, weil er seine Frau im Alkoholrausch erschoss, als er versuchte, ihr wie Wilhelm Tell ein Glas vom Kopf zu schießen. Für viele war Burroughs aber ein Gott: "Er war eine andere Art von Bibel", sagt Patti Smith. Vor allem für die Künstler-Szene. Lou Reed, David Bowie, Kurt Cobain - sie alle umschwirrten Burroughs wie Motten das Licht. Die Band Steely Dan benannte sich nach einem Dildo aus seinem Buch "Naked Lunch", Regisseur Gus Van Sant gab Burroughs eine Gastrolle in seinem Film "Drugstore Cowboy", Hippies und Punks huldigten ihm wie einem Guru.

Burroughs und wie ihn die Welt sah, Burroughs und wie er sich selbst sah: irgendwas zwischen Mensch und Monster. Ein Outsider in jeder Hinsicht. Und genau das bildet "A Man Within" ab. Der Film zeichnet kein klares Bild über den Mann, der schwul war und über sich selbst sagte, keinen einzigen Tag in seinem Leben schwul gewesen zu sein. Der als "Godfather" der Beat Generation gefeiert wurde, sich selbst aber nie als Teil von ihr sah. Dem seine etlichen Katzen näher standen als sein Sohn, der mit 33 Jahren an Alkoholsucht starb.

Mit der Knarre ins Bett

War Burroughs' Beat-Kollege Allen Ginsberg tatsächlich seine einzige große, unerfüllte Liebe? Wenn man die Archivbilder sieht, in denen die beiden wie die alten Muppet-Herren Statler und Waldorf in Anzügen nebeneinandersitzen und ziemlich verstockt über Liebe und Sex diskutieren, dann denkt man: ja! Glaubt man Patti Smith, liebte Burroughs den Künstler Brion Gysin mehr als jeden anderen Menschen. Gysin ist Erfinder der Cut-Up-Technik, bei der man Textteile auseinanderschneidet, neu zusammensetzt und dadurch einen anderen Sinn erhält. Burroughs adaptierte die Technik - und wurde dafür berühmt.

Der Dokumentarfilm "A Man Within" ist selbst ein bisschen wie ein Cut-Up-Film. Nichts ist linear, Burroughs' Leben wabert wie ein Drogenrausch an einem vorbei, mal sieht man ihn als Schuljungen mit Seitenscheitel und ist merkwürdig berührt davon, dass der Mann mit dem Leichengesicht jemals jung und schön war. Mal setzt sich Burroughs eine Heroinspritze, mal isst er mit Andy Warhol zu Abend und erzählt, dass er mit 16 Jahren seine Unschuld an den Jungen aus der nächsten Schulbank verlor. Einziger Leitfaden: Burroughs' kaputtes Innenleben. Im Film wird das durch Kapitel repräsentiert mit Titeln wie "Kontrolle", "Waffen" oder "Junkie". Jedes Kapitel wird von einer Animation eingeleitet, zum Beispiel einem aus Stacheldraht gebastelten Burroughs, der mit seiner Waffe rumballert. Burroughs, der Waffennarr, der mit der Knarre ins Bett ging und einen Spazierstock mit integriertem Schwert hatte.

Wer William S. Burroughs wirklich war, darauf gibt der 25-jährige Regisseur Yony Leyser in seinem Debütfilm keine eindeutige Antwort. Und das ist auch gut so. Vier Jahre ist Leyser durch die USA gereist, um diesen Film zu machen. Herausgekommen ist ein berührendes Porträt, das nichts beschönigt, und doch den Menschen zeigt, der William S. Burroughs war. Mit einem Soundtrack von Sonic Youth und Patti Smith, mit einem dekadent Zigarre rauchenden Peter Weller als Erzähler, ist "A Man Within" selbst eine Art Beat Poem. Das versöhnlich endet: Man sieht in krickeliger Handschrift Burroughs' letzten Tagebucheintrag vor seinem Tod durch Herzinfarkt am 2. August 1997 mit 83 Jahren: "Liebe? Was ist das? Das natürlichste Schmerzmittel, das es gibt." Eine Definition, die schrecklich und schön zugleich ist - genau wie William S. Burroughs.


"William S. Burroughs: A Man Within" beim Festival In-Edit in Berlin: Mittwoch, 6.4., 22.45 Uhr, Moviemento 2 / Samstag, 9.4., 12.30 Uhr, Moviemento 1 / Sonntag, 10.4., 11.45 Uhr, Moviemento 2

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