Interne NDR-Recherchen Preisgekrönte Dokumentation über Sexarbeit gefälscht

Die vom NDR mitproduzierte Dokumentation »Lovemobil« über Prostitution in Niedersachsen enthält in weiten Strecken Szenen, die nicht authentisch sind. Der Sender distanziert sich von dem Film.
Szene aus »Lovemobil«

Szene aus »Lovemobil«

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C.Rohrscheidt/ E.Lehrenkrauss

Die im vergangenen Jahr veröffentlichte und vom NDR mitproduzierte preisgekrönte Dokumentation »Lovemobil«, die das Leben von Sexarbeiterinnen in Niedersachsen zeigt, enthält diverse mit Schauspielerinnen und Schauspielern inszenierte Szenen. Dies legte der Sender offen , nachdem die NDR-Redaktion »STRG-F« die Entstehungsweise des Films von Elke Lehrenkrauss überprüft hatte.

In der Dokumentation, die von deutschen und internationalen Medien gelobt und auf verschiedenen Filmfestivals gezeigt wurde, geht es um das Leben von drei Frauen in ihren Wohnmobilen, in denen sie sich prostituieren. Zudem kommen Menschen zu Wort – etwa die Vermieterin der Busse oder ein Barkeeper –, die von der Sexarbeit profitieren. Auch der SPIEGEL hatte über den Dokumentarfilm, der es im vergangenen Jahr unter anderem in die Vorauswahl des Deutschen Filmpreises schaffte, berichtet.

»Lovemobil« soll laut NDR zwar auf Basis von langjährigen Recherchen der Produzentin Lehrenkrauss entstanden sein, zentrale Protagonistinnen und Protagonisten des Films schilderten jedoch nicht ihre persönlichen Erfahrungen, sondern spielten eine Rolle. Zahlreiche Situationen, so der NDR, seien zudem nachgestellt oder inszeniert.

Auf Nachfrage des NDR räumte Elke Lehrenkrauss ein, dass die beiden Hauptprotagonistinnen aus der Dokumentation nicht echt seien. Keine von beiden habe als Sexarbeiterin auf den Landstraßen von Niedersachsen gearbeitet. Beide Protagonistinnen seien als Darstellerinnen eingesetzt worden. Auch ein im Film gezeigter Freier habe laut Angaben der Regisseurin Lehrenkrauss gegenüber dem NDR eine Rolle gespielt.

NDR nicht über die Inszenierungen informiert

Der Film, der im Juli 2020 mit dem Deutschen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde und aktuell für den Grimme-Preis nominiert ist, wurde von der NDR-Dokumentarfilmredaktion redaktionell begleitet und abgenommen. In einer Pressemitteilung distanzierte sich die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt von der Dokumentation. Lehrenkrauss habe während der Produktion nicht erwähnt, dass sie plane, Szenen nachzustellen.

Auslöser für die kritische Untersuchung des Films waren Recherchen von »STRG-F«. Die Redaktion hatte laut NDR Informationen aus dem Umfeld der Produktion bekommen und war nach eigenen Nachforschungen auf Unstimmigkeiten gestoßen.

In einem Interview mit »STRG-F« verteidigt die Regisseurin ihre Vorgehensweise: »Ich kann mir auf jeden Fall nicht vorwerfen, die Realität verfälscht zu haben, weil diese Realität, die ich in dem Film geschaffen habe, ist eine viel authentischere Realität.« Gegenüber dem SPIEGEL sagte Lehrenkrauss, sie habe »Momente, die wir tatsächlich so erlebt haben« mit Laiendarstellerinnen nachinszeniert. Der Film sei eine »Mischung« aus Inszenierungen, die auf recherchierten Tatsachen basieren, und realen Beobachtungen. Laut NDR steht der Sender mit der Aufklärung des Vorfalls noch am Anfang.

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