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31. Januar 2013, 09:39 Uhr

Alzheimer-Doku "Vergiss mein nicht"

Abschied vom Ich

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Einfühlsames Porträt oder schwerer Eingriff in die Privatsphäre? In seinem Dokumentarfilm "Vergiss mein nicht" begleitet der Regisseur David Sieveking seine alzheimerkranke Mutter auf ihrer Reise in die Demenz.

David Sieveking hat kein Problem damit, sich selbst zum Thema seiner Filme zu machen. Sein letzter, der ziemlich tolle Dokumentarfilm "David wants to fly" aus dem Jahr 2010, handelte davon, wie er seinem Idol David Lynch in die Erleuchtung durch Transzendentale Meditation folgen wollte und dabei sowohl von Lynch als auch der Transzendentalen Meditation schwer enttäuscht wurde. Und wie nebenbei seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat. Man kann sich fragen, ob man unbedingt so viel über Sievekings Privatleben erfahren wollte, aber gerade weil der Film so ungezwungen persönlich war, war er auch so unterhaltsam.

Für seinen neuen Film "Vergiss mein nicht", der heute in die Kinos kommt, ist Sieveking noch einen Schritt weiter gegangen. Hier geht es nicht um seine Beziehung zu einer fremden und entrückten Figur der Öffentlichkeit wie Lynch, sondern um die zu seiner eigenen Mutter Gretel. Es ist das Porträt einer stolzen Frau, die einst NDR-Moderatorin war, dann vom Staatsschutz überwachte Revolutionärin in der Schweiz, und immer Feministin, für die nur eine offene Ehe in Frage kam. Eine starke und faszinierende Persönlichkeit, der irgendwann eine Krankheit die Persönlichkeit zu nehmen begann. Alzheimer.

David Sieveking erzählt im Film, wie ihm erst nur auffiel, dass immer mehr Merkzettel am Kühlschrank seiner Eltern klebten. Dass Gretel plötzlich nicht mehr seinen geliebten Milchreisauflauf kochte, wenn er sie im hessischen Bad Homburg besuchte. Dass es am Heiligabend nur Suppe gab und keine Geschenke. Kleine Schritte, mit denen sich die Mutter langsam aus der Welt zurückzog. Bis man kaum noch sagen konnte, ob sie überhaupt noch wirklich da war.

Der Großteil von "Vergiss mein nicht" ist entstanden, als Sieveking für ein paar Wochen in seinem Elternhaus einzog, um seinem zunehmend ausgebrannten Vater eine Auszeit von der Vollzeitbetreuung zu gönnen. Es ist ein Schock für ihn, wie weit die Krankheit da schon fortgeschritten ist, wie zerbrechlich seine Mutter geworden ist. Sie erkennt ihn oft nicht, verwechselt ihn mit ihrem Mann, kann kaum klare Sätze formulieren, möchte nicht mehr nach draußen gehen und gleitet immer wieder und immer häufiger ab in einen unbestimmten Dämmerzustand.

Respektvoller Voyeurismus

Die Kamera ist stets dabei, ob beim deprimierenden Arztbesuch oder dem gescheiterten Versuch, gemeinsam ins Schwimmbad zu gehen. Es sieht nicht so aus, als ob es die Mutter stören würde. Aber man fragt sich dabei natürlich, ob das auch der Fall wäre, wenn sie noch Herrin ihrer Sinne wäre.

"Vergiss mein nicht" ist ohne Frage ein sehr einfühlsamer, respektvoller Film. Sieveking will das langsame Sterben seiner Mutter nicht für sensationalistische Zwecke ausbeuten, viel mehr will er ihr ein Denkmal setzen und schreibt ihr dabei einen rührenden, filmgewordenen Liebesbrief. Trotzdem macht er den Zuschauer zwangsläufig zum Voyeur, weil er intimste Details über jemanden preisgibt, der nicht mehr versteht, was das bedeutet, der nicht einmal einschätzen kann, dass er gerade die Hauptfigur in einem Kinofilm wird.

Auch wenn es ein guter geworden ist.


Vergiss mein nicht. Start: 31.1., Regie: David Sieveking.

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