Dokumentarfilmer Cyril Tuschi "Chodorkowski hat eine überirdische Aura"

Sein Film über Michail Chodorkowski läuft auf der Berlinale, eine Kopie der Doku wurde aus seinem Büro gestohlen: Der Berliner Regisseur Cyril Tuschi spricht im Interview über die Hintergründe des Einbruchs und über die Beziehung zwischen Wladimir Putin und dem russischen Ex-Oligarchen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Tuschi, vor der Premiere Ihres Dokumentarfilms über den inhaftierten russischen Ölmagnaten Michail Chodorkowski ist in Ihr Berliner Studio eingebrochen worden. Die Computer, auf denen Sie den Film montierten, wurden gestohlen. Wer steckt hinter der Tat?

Tuschi: Man kann russische Geheimdienste nicht ausschließen, aber auch nicht Kreise um die vielen Zeitzeugen, die ich interviewt habe. Kriminalpolizei und Verfassungsschutz ermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es erste Spuren?

Tuschi: Es scheint noch keine Hinweise auf die Täter zu geben. Ich jedenfalls wäre froh, wenn es nur ein paar Apple-Fans wären, die auf die Computer scharf waren. Mit meinem Film wollte ich eigentlich eine Brücke zwischen Russland und dem Westen bauen. Nun sind die Medien voll mit Konfrontation und Vorwürfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben an Ihrem Film fünf Jahre lang gearbeitet. Konnten Sie klären, ob Chodorkowski tatsächlich der Gauner und Steuerhinterzieher war, als den ihn Moskauer Gerichte zu insgesamt 14 Jahren Haft verurteilt haben?

Tuschi: Ich bin Künstler und kein Richter. Zeitweise hat mich die Schuldfrage aber wahnsinnig gequält und mir schlaflose Nächte bereitet.

SPIEGEL ONLINE: Bei mehr als siebzig Zeitzeugen, die Sie befragten, und mehr als 180 Stunden Interviewmaterial muss sich aber doch ein Bild herausgeschält haben.

Tuschi: Ich wollte kein Urteil sprechen, sondern einen interessanten Film über eine einzigartige Person präsentieren.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Chodorkowski für Sie und andere Künstler so interessant? Es sind Sinfonien für ihn komponiert worden und die Moskauer Schriftsteller Boris Akunin und Ljudmila Ulizkaja veröffentlichten lange Briefwechsel mit ihm.

Tuschi: Er hat eine geradezu transzendale, überirdische Aura. Es ist die Aura eines Märtyrers, die man ansonsten bei Lebenden nicht findet. Chodorkowski ist ein logisch veranlagter Mensch, dessen ganzes Handeln auf Logik beruhte, bis er dann etwas vollkommen Unlogisches tat und ins Gefängnis ging, obwohl er die Möglichkeit gehabt hätte, sich ins Exil abzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie deuten in Ihrem Film an, Chodorkowski sei im Oktober 2003 verhaftet worden, weil er enge Kontakte nach Amerika pflegte und plante, Teile seines Unternehmens nach Amerika zu verkaufen. War dies der entscheidende Grund?

Tuschi: Leider waren Dick Cheney und andere mit der Ölindustrie verbundene Amerikaner nicht bereit, mich zu treffen. Genauso wenig wie Wladimir Putin oder Igor Setschin, der heutige Energiezar Russlands, von dem es heißt, dass er die Verhaftung Chodorkowskis eingefädelt habe. Es gibt nicht den einen entscheidenden Grund, sondern ein knappes Dutzend Gründe.

SPIEGEL ONLINE: Was spielte beim Showdown zwischen Putin und dem damals reichsten Mann Russlands noch eine Rolle?

Tuschi: Offenkundig ging es darum, einen Oligarchen fertigzumachen, um den anderen so Angst einzujagen, dass sie sich unterordnen. Außerdem scheint es mir ein archaischer Männerkampf zwischen Putin und Chodorkowski zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Worauf stützen Sie diese Macho-These?

Tuschi: Der ehemalige Wirtschaftsminister Jewgenij Saburow vertritt im Film diese Meinung. Er erzählt, dass er Bundeskanzler Gerhard Schröder einmal gefragt habe, warum Chodorkowski seiner Meinung nach denn einsitze. Schröder habe geantwortet: Das ist eine Sache zwischen Männern.

SPIEGEL ONLINE: Putins Nachfolger Dmitrij Medwedew hat das Strafmaß für Wirtschaftsverbrechen von 21 auf 14 Jahre herabgesetzt und Chodorkowski so fürs erste sieben zusätzliche Haftjahre erspart. Der Präsident hat zudem dafür gesorgt, dass der Prozess in Moskau mit seinen Hunderten Auslandsjournalisten und nicht im fernen Sibirien abgehalten wurde. Andererseits glich das Gerichtsverfahren einer Farce und spricht Medwedews Forderungen nach Rechtsstaatlichkeit Hohn. Welche Rolle spielt der Staatschef?

Tuschi: Genau diese, die Sie beschreiben. Medwedew pendelt zwischen wirklichem Neuanfang und Putin-Marionette. Vor einigen Tagen hat er eine unabhängige Kommission angekündigt, die das Gerichtsverfahren auf den Prüfstand stellen soll, allerdings ohne dass dadurch das Urteil zurückgenommen werden könnte.

SPIEGEL ONLINE: Wie teuer war Ihr Film und wer hat ihn bezahlt?

Tuschi: 400.000 Euro. Das Geld kommt aus drei Töpfen staatlicher Filmförderung und vom Bayrischen Rundfunk. Es ist also Quatsch, wenn mir vorgehalten wird, ich sei von Chodorkowski oder vom Kreml bezahlt worden.

Das Interview führte Matthias Schepp, Moskau
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