SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

29. November 2012, 08:37 Uhr

Doku-Film über Marina Abramovic

Diese Frau kriegt alle rum

Von

Sich auf einen Stuhl setzen und der Künstlerin in die Augen blicken: Für viele Besucher des MoMA war das eine grundstürzende Erfahrung. Der Dokumentarfilm "Marina Abramovic - The Artist Is Present" macht erfahrbar, warum: Diese Frau ist ein Kunstwerk.

Marina Abramovic hat sich für ihre Kunst Messer in die Finger gerammt, sie ist durch Flammen gesprungen, einmal lief sie 2500 Kilometer der Chinesischen Mauer ab. Ihren größten Erfolg aber feierte sie, als sie sich vor zwei Jahren im New Yorker MoMA auf einen Stuhl setzte und nichts anderes tat, als denen in die Augen zu schauen, die ihr gegenüber Platz nahmen. 90 Tage lang, sechs Tage in der Woche, immer sieben Stunden am Stück. Ohne Pause, ohne zu essen, zu trinken, zu sprechen. Oder auf die Toilette zu gehen. Der Stuhl war für diesen Fall mit einem entsprechenden Loch und einem Auffangbecken versehen.

Abramovic ist eine der bekanntesten Performance-Künstlerinnen unserer Zeit, sie ist seit den frühen siebziger Jahren im Geschäft, mit Preisen überschüttet, aber ihre ganze Karriere lang hatte sie mit dem Problem zu kämpfen, dass viele Leute es nicht für Kunst halten, wenn sich jemand Messer in die Finger rammt, durch Flammen springt oder gigantische Nationalmonumente entlang wandert. Da passte es, dass sie sich für die große Abramovic-Retrospektive 2010 in New York als zentrales Stück der Ausstellung die Sache mit dem Stuhl ausdachte. Als wollte sie selbst noch einmal die ewige Frage stellen "Und das soll Kunst sein?", setzte sie sich einfach hin und tat nichts. Die Antwort: 750.000 Besucher, jeden Morgen eine noch einmal längere Schlange von Menschen, die bereit waren, stundenlang zu warten, bis sie der Künstlerin persönlich in die Augen schauen durften. Viele fingen an zu weinen, als es soweit war, manche berichteten danach von einer lebensverändernden Erfahrung.

Maximaler Einblick

Es ist schwer, sich das vorzustellen, wenn man nicht dabei gewesen ist. Der Dokumentarfilm "Marina Abramovic: The Artist Is Present" von Matthew Akers macht es nun ein bisschen leichter. Akers hat Abramovic vor und während der großen MoMA-Retrospektive monatelang begleitet, bekam maximalen Einblick in ihr Leben (und irgendwann sogar den Schlüssel zu ihrer Wohnung in Manhattan). Er sprach mit alten und neuen Weggefährten und ließ Abramovic immer wieder über ihre Karriere, ihre Fehler, Triumphe und Selbstzweifel reflektieren. Und vor allem filmte er immer wieder die Gesichter der Menschen, die es geschafft hatten, während der Ausstellung den Platz gegenüber der Künstlerin zu ergattern. Meist erst skeptische Gesichter, mit denen dann schnell etwas Merkwürdiges passiert. Aus denen man plötzlich Angst liest, Glück, Trauer, Hoffnung. Und niemals Gleichgültigkeit.

Der Film ist keine übermäßig kritische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Abramovic und der Performance-Kunst an sich geworden - der Regisseur ist dem Charme seiner Protagonistin bedingungslos erlegen. Aber genau das ist der Punkt: Diese Frau kriegt jeden rum. Sie allein ist schon ein Kunstwerk.

Die Künstlerin und der Proll-Magier

Das hängt nicht nur damit zusammen, dass sich Abramovic, geboren 1946, eine außergewöhnliche äußere Schönheit bewahrt hat. Ihr Geheimnis ist es wahrscheinlich, wie geheimnislos sie sich präsentiert. Künstler reden meist nur sehr ungern über ihre Arbeit und ihre Persönlichkeit, schließlich leben sie von der Aura des Rätselhaften und fürchten die Trivialität einfacher Erklärungen. Abramovic dagegen hat keine Angst davor, als echter Mensch wahrgenommen zu werden und plaudert im Film freimütig darüber, was sie mit jedem ihrer Werke bezweckt hat; wie sehr es sie geärgert hat, dass Performance-Kunst so lange nicht ernst genommen wurde; was sie verunsichert und was sie stark macht. Sie kann eine entwaffnende Begeisterung entwickeln, wenn sie sich für ein neues Projekt zu interessieren beginnt, nicht immer zu ihrem Vorteil - in einer sehr amüsanten Szene versucht ihr Galerist ihr schonend zu erklären, was für eine extrem schlechte Idee ein gemeinsamer Auftritt mit dem Proll-Magier David Blaine wäre. Und sie redet offen über ihre große, gescheiterte Liebe zu dem deutschen Künstler Frank-Uwe Laysiepen, genannt Ulay, mit dem sie von 1976 bis 1989 zusammen lebte und arbeitete, der ihr seinerzeit auf der Chinesischen Mauer entgegen lief und danach aus ihrem Leben verschwand.

Während der Dreharbeiten haben sich die beiden nach jahrzehntelanger Kontaktsperre wieder angenähert. Sie sind zwar immer noch unterschiedlicher Meinung, wer damals wem untreu gewesen sei, erkennen einander aber als die großen Fixpunkte im jeweiligen Leben an. Einer der schönsten Momente des Films ist es, als Ulay am Eröffnungsabend der Ausstellung den Platz gegenüber Marina Abramovic einnimmt und sie dabei zum einzigen Mal während der gesamten 90 Tage die Fassung verliert, aus ihrer Regungslosigkeit ausbricht und lächelnd seine Hände ergreift.

Ist das Kunst? Egal. Auf jeden Fall ist es großartig.


Marina Abramovic - The Artist Is Present. Start: 29.11. Regie: Matthew Akers.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung