Dokumentation über US-Folter Taxi in den Tod

Im Sommer 2002 kam ein afghanischer Taxifahrer von einer Tour nicht mehr nach Hause. Er wurde verhaftet und später in einer Zelle in Bagram totgeschlagen. Der Film "Taxi to the Dark Side" erzählt seine Geschichte - und könnte die Debatte in den USA um Menschenrechte grundlegend verändern.
Von Claus Christian Malzahn

Die Geschichte von "Taxi to the Dark Side" beginnt in Khost, einer staubtrockenen ostafghanischen Stadt an der Grenze zu Pakistan, in der man sich als Außenstehender nicht nur fremd, sondern völlig verloren fühlt. Der Film des amerikanischen Regisseurs Alex Gibney zeichnet die Region nicht halb so düster, wie ich sie im Sommer 2002 erlebt habe. Die hügelige Landschaft um Khost ist kahl und von der Sonne braungebrannt. Nur die bunten Fahnen der Gräberfelder, die im heißen Wind flattern, sorgen für etwas Abwechslung.

Viele Männer von Khost färben ihre Bärte mit Henna feuerrot, manche schminken sich die Augen mit schwarzem Kajal. Die meisten Bewohner verlassen ihre Häuser grundsätzlich nur schwer bewaffnet; manche tragen schwere Stand-MGs auf ihren Schultern, wenn sie zum Markt gehen. Dort, wo Gemüse, Waffen und Fleisch verkauft wird, sind Frauen selbst in Burkas kaum zu sehen. Die Abwesenheit jeglicher Weiblichkeit hat natürlich Folgen. Man wundert sich in den Teerunden der Hinterhöfe bisweilen über blinzelnde Krieger in bunten Gewändern, die hochhackige Schuhe tragen und ihre Kalaschnikows streicheln - bizarre Symptome einer von Brutalität geprägten Gesellschaft.

Als ich Khost zum ersten Mal sah, konnte ich mir die Welt dunkler kaum vorstellen. Aber die Dokumentation von Alex Gibney über die Abgründe der Ära Bush nimmt hier nur ihren Anfang. Die Geschichte endet in einer Zelle im Gefangentrakt der Militärbasis Bagram, in der Ecke liegt ein von Wärtern zu Tode geprügelter afghanischer Taxifahrer aus Khost. Wie man heute weiß – und wie der Film eine Recherche der "New York Times" noch einmal mit neuen Zeugen nacherzählt – war Dilawar, so der Name des jungen Mannes, weder ein Terrorist noch ein Sympathisant der Taliban. Er war einfach zur falschen Zeit am falschen Checkpoint, und dann wurde er von falschen Leuten an die US-Army ausgeliefert, weil man seine Ersatzbatterie im Kofferraum für eine Zündungsvorrichtung hielt - für einen Raketenwerfer, mit dem wenige Stunden zuvor ein amerikanisches Militärcamp beschossen worden war.

Kopfgeld für Gefangene

Im Sommer 2002, als Dilawar in sein Taxi stieg und von einer Tour nicht mehr zurück kehrte, war es schwer zu sagen, wer gerade gegen wen kämpfte. Die afghanischen Verbündeten der Amerikaner waren erklärte Gegner des von der Regierung Karzai eingesetzten Gouverneurs. Die US-Army hielt sich offiziell aus dem lokalen Bürgerkrieg heraus. Wenn die Warlords Gefangene ablieferten und erklärten, es handele sich um Terroristen, wurden die Verdächtigen einkassiert und nach Bagram geflogen. So kam es, dass die überwiegende Mehrheit der afghanischen Gefangenen von Bagram und Guantanamo nicht etwa von amerikanischen Soldaten, sondern von mehr oder weniger dubiosen Alliierten festgesetzt wurde – die für jeden Verdächtigen ordentliches Kopfgeld kassierten. Natürlich waren viele Taliban darunter. Aber eben auch andere Afghanen, die den Warlords im Wege standen - und die man auf diese Weise gewinnbringend entsorgen konnte.

Inzwischen hat sich die Sicht der US-Amerikaner auf die Kriege der vergangenen Jahre verändert. Nicht alles, was die Regierung Bush als notwendige Vorwärtsverteidigung ausgegeben hat, wird vom Wahlvolk noch als unvermeidbare Strategie im Krieg gegen den Terror goutiert. Die Kongresswahlen im vergangenen Jahr, bei der die Demokraten einen erstaunlichen Durchmarsch hinlegten, haben das eindrücklich bewiesen.

Bereits im Jahr 2003 haben die brutalen Bilder aus Abu Ghureib die amerikanische Öffentlichkeit verstört. Aber man war bereit, die Exzesse als bedauerliche Einzelfälle zu werten. Nun feierte mit "Taxi to the Dark Side" ein Film auf dem New Yorker Tribeca-Festival Premiere, der die die inneramerikanische Debatte um die so genannten Kollateralschäden der jüngsten Kriege möglicherweise noch stärker prägen wird als das grausame Abbild vom Kapuzenmann im irakischen Knast, das um die Welt ging.

Denn das Werk des linken amerikanischen Filmemachers Gibney liefert einen ebenso präzisen wie verstörenden Einblick hinter die Kulissen der Verhörmaschinerie in den US-Gefängnissen von Guantanamo, Abu Ghureib und Bagram. Gibney versucht zu beweisen, dass die von den Tätern dokumentierten Übergriffe auf Gefangene, die 2003 durch eine Enthüllungsgeschichte von Seymour Hersh im New Yorker ruchbar wurden, eben keine bedauerlichen Einzelfälle – sondern offenbar die grausame Regel waren.

Klare Ansage im Knast: "Soldiers are dying - get Intelligence".

Was er in seinem Film en Detail vorführt, ist entsetzlich: Es sind US-Verhörer zu sehen, deren Grundausbildung offenbar nur im Betrachten der Fernsehserie "24" bestanden hat und deren einzige Ansage von oben lautet: "Soldiers are dying. Get Intelligence".

Die vermeintlichen Terroristen werden ihnen überlassen wie Sünder der Spanischen Inquisition. Im fundamentalen Katholizismus des 18. Jahrhundert galt: Den Unschuldigen hilft der liebe Gott. Wer aber in Guantanamo nicht wusste, in welcher Höhle Osama bin Laden steckt, dem half niemand mehr. Und die jungen Amerikaner können nur eines herausprügeln aus ihren Delinquenten: dass sie nichts wissen und hier nichts verloren haben. Die Ahnungslosigkeit rettet die Gefangenen freilich nicht. Es macht sie nur noch verwundbarer. Dutzende Häftlinge, so Gibney, wurden offenbar alleine in Guantanamo totgeschlagen.

Menschenrechte? Nicht so wichtig

Schnitt: Ein Jurist im Weißen Haus rechnet dem Präsidenten vor, dass er sich um die Einhaltung von Menschenrechten bei terroristischer Gefahrenabwehr eigentlich nicht zu kümmern braucht. Gibneys Suggestion: Die Grauzonen in Abu Ghureib und anderswo waren von dem US-Regierenden George W. Bush, Cheney und Rumsfeld politisch gewollt. Hier wird der Film besonders düster. Dass man im Weißen Haus nach dem 11. September 2001 aus begründeter Notwehr handelte, macht die Sache leider nicht besser. Im Gegensatz zu den Soldaten, die wegen Misshandlung im Fall Dilawar immerhin verurteilt worden sind, ist diesem Schreibtischtäter aus den hinteren Reihen der US-Regierung juristisch bisher niemand zu nahe getreten.

Bevor aber das alte Europa angesichts solcher Bilder wieder in antiamerikanischen Jubel ausbricht, muss man den Unterschied zwischen europäischer Denunziation und amerikanischer Aufklärung betonen. Diese schwere filmische Attacke auf die US-Administration geht von Amerikanern aus, die sich um ihr Land Sorgen machen. Ihnen droht keineswegs das Schicksal einer Anna Politkowskaja, auch nicht das eines Dietrich Bonhoeffer.

Die Nörgler in Europa, die seit Jahren das dumme Lied vom amerikanischen Faschismus singen, sollten sich deshalb nicht zu früh auf Gibneys Film freuen. Sie haben zur Aufklärung der amerikanischen Verfehlungen in Afghanistan und im Irak so gut wie nichts beigetragen. Die Enthüllungen fanden vor allem in den liberalen Medien der Ostküste statt, im "New Yorker", in der "New York Times", in der "Washington Post", "Atlantic Monthly" oder "Vanity Fair". Gibneys Film liegt auf dieser Linie amerikanischer Selbstkritik der vergangenen Jahre. Noch ist offen, ob "Taxi to the Dark Side" in den USA schnell ein TV-Network finden wird. Auf Dauer werden die TV-Imperien aber nicht an ihm vorbeikommen.

Denn anders als in den polemischen Kino-Attacken Michael Moores, der für eine gute Pointe noch jede Verschwörungstheorie auf die Leinwand bringen würde, wird bei "Taxi to the Dark Side" nicht drauflos denunziert. Der Film berichtet, argumentiert, klagt an – und ist aufgebaut wie das flammende Plädoyer eines zornigen Staatsanwalts - wie man ihn nur in den USA finden kann.

Korrektur: Irrtümlicherweise war in unserem Text zunächst zu lesen, der Gefangene Dilawar sei im Lager Guantanamo auf Kuba umgekommen. Tatsächlich kam er bereits im afghanischen Lager Bagram ums Leben. d. Red.

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