Dokumentationen Die Scherben und ihre fantastischen Erben

Die einen wollten mit ihrer Musik die Welt verändern, die anderen einfach nur probieren, was geht: Ton Steine Scherben und Die Fantastischen Vier. Zwei Dokumentarfilme forschen nach einem deutschen Lebensgefühl zwischen Rock und Rap.
Von Cristina Moles Kaupp

Vor 30 Jahren prägten Ton Steine Scherben den Zeitgeist mit Agit-Rock für Lehrlinge, Hausbesetzer und Studenten. Und vor rund zehn Jahren kopierten die Fantastischen Vier ihre HipHop-Heroen und entdeckten ihr eigenes Ding: freche deutsche Reime ohne Angst vor peinlichen Versen und Themen. Nun widmeten sich zwei Dokumentarfilmer jeweils einer Band und fragten nach den Menschen davor und dahinter.

Zunächst Christoph Schuch und "Der Traum ist aus - Die Erben der Scherben". Seine Reise führt in die beginnenden siebziger Jahre und thematisiert das Verhältnis von Dissidenz und Pop. Dazu: Sinnieren über die Besetzungslisten der 68er und die Suche nach Erben - wenn es denn welche gibt in Zeiten von Love Parade, uniformem Massenwahn und affirmativer Maschinenmusik. Wozu auch? Ob Rot oder Grün, ob protestierender Student, Hausbesetzer oder aufmüpfiger Lehrling - wer sich einst den Traum von einer klassenlosen Gesellschaft auf das Banner schrieb, hat sich längst arrangiert, aus Anti wurde Anti-Anti in zartem Einheitsgrau.

Mag sein, dass Schuchs Film zu verwaschen ist. So trauert er den verlässlichen Schwarz-Weiß-Kontrasten nach und einem Lebensgefühl, das sich nicht mehr herbeizitieren lässt. Zur Einstimmung wird ein vergilbtes Doppelalbum aus dem Regal gezerrt, das jeder kennt, der das Wort Gegenkultur noch halbwegs buchstabieren kann: "Keine Macht für Niemand", die zweite Platte von Ton Steine Scherben aus dem Jahr 1972. Markiger Protest aus Kreuzberg 36, lange vor Punk.

Doch bei allem politischen Engagement hatten Ton Steine Scherben ihren eigenen Kopf. Dass sie letztlich auch Musiker waren, die ihren Traum von einer anderen Existenz verwirklichen wollten, erschien all jenen unvorstellbar, die mit Scherben-Songs auszogen, Spießern das Fürchten zu lehren. Lustige Zeiten? Im Rückblick vielleicht. Berlin und den Dogmen aufrechter Linker überdrüssig, flüchtete die Band 1974 aufs Land, ins nordfriesische Fresenhagen. Dort verrottet heute der Bauernhof der Kommune.

Mit Bildern dessen Zerfalls beginnt Schuchs Suche nach alten Idealen und Idolen. Mühsam klaubt er nach dem wenigen, das von den Scherben übrig blieb: Konzertausschnitte und heitere Super-8-Sequenzen. Symptomatisch, dass von dieser Band kaum etwas in den Archiven der Sendeanstalten dämmert. Wer einmal auf der schwarzen Liste steht, hört auf, für die Medien zu existieren; selbst wenn er über 300.000 Platten verkauft.

Also kitten Überlebende der Scherben ihre eigene Geschichte. Nur kommen nicht alle zu Wort, und das ist für eine Dokumentation ziemlich paradox, um nicht zu sagen dürftig. Stattdessen loten nur einige der alten Scherben-Mitglieder wie Britta Neander (Britta), Schlagzeuger Funky K. Götzner (Neues Glas) und Saxofonist Nikel Pallat langatmig die alten Zeiten aus. Gewiss sind auch herrliche Szenen dabei: Etwa wenn Pallat während einer Fernsehdiskussion mit einer Axt einen Tisch zerlegt und die Mikrofone klaut für die Jugendlichen im Knast. "Das Fernsehen ist das Unterdrückungsinstrument in der Massengesellschaft", knattert er dabei in seinen Zauselbart. "Wenn was passieren soll, muss man parteiisch sein und deswegen mach ich jetzt mal den Tisch kaputt. So. Jetzt können wir weiter diskutieren". Ah ja.

Was jedoch ist in den Köpfen passiert, nachdem sich Ton Steine Scherben 1985 mit einem fetten Schuldenberg aufgelöst hatten? Kein Thema für Schuch. Stattdessen jagt er einem Lebensgefühl hinterher, das sich zwar nicht so einfach beerdigen lässt, aber auch keinen mehr wirklich interessiert. Und dann fragt er junge deutsche Musiker, ob gar ein Echo davon in ihren Schädeln klingt. Einige wie die Polit-Rapper Das Department haben alte Scherben-Songs neu vertont, weil der Inhalt noch stimmt. Ältere wie Christiane Rösinger (Britta) haben die Scherben immerhin einmal selbst erlebt und schwärmen noch heute von diesem "religiösen Erweckungserlebnis", deswegen sie einst nach Berlin zogen, einem anderen Leben, einer ehrlichen Musik auf der Spur.

Aber: "Man kann sich heute nicht mehr hinstellen und sagen 'Fickt das System' - es interessiert einfach keinen mehr", sagt Frank Spilker von Die Sterne und bringt den Grundtenor der jungen Musikergeneration auf den Punkt. Und schon kullern Lyrics von Tocotronic herbei: "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein, ich möchte mich auf etwas verlassen können" - Sarkasmus derer, die differenzieren lernten und distanziert Haltung bewahren. Trotzdem: Die ideale Welt sieht anders aus. Und der Traum davon ist noch lange nicht aus. "Es ist immer Zeit für Protest und eine Haltung", sagt Jakob Friderichs von Element of Crime. "Es gibt keine unpolitischen Zeiten, nur Zeiten mit weniger Wachsamkeit gegenüber den Verhältnissen, in denen etwas passiert. Denn die andere Seite schläft nicht."

Klicken Sie hier, um im zweiten Teil zu lesen, wie sich Dieter Zimmermann mit seinem Film "Was geht" den Fantastischen Vier näherte...

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